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Biopic "Mr. Turner - Meister des Lichts": Ein grober Klotz mit zartem Strich

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Explosionen, Brände, Schiffbrüche: So dramatisch waren oft die Szenen, die William Turner malte. In seinem Biopic zeigt der Regisseur Mike Leigh die animalischen Züge des Briten, zeichnet aber auch ein feinfühliges Künstlerporträt.

Ein Wunder, dass die filmische Würdigung William Turners so lange auf sich warten ließ. Gilt er doch als einer der prägendsten britischen Künstler der vergangenen Jahrhunderte, als Meister der Seestücke, des dramatischen Lichts. Nicht zuletzt als ein Wegbereiter des Impressionismus und der modernen Malerei. Trägt doch der bedeutendste Kunstpreis des Vereinigten Königreichs seit 30 Jahren seinen Namen.

Eine günstige Fügung wiederum, dass sich mit Regisseur Mike Leigh ein ähnlich genuin britischer Künstler des Stoffes angenommen hat. Dass er daraus mit "Mr. Turner - Meister des Lichts" ein beglückend greifbares Bild entworfen hat; nicht bloß ein Porträt Turners, vielmehr ein lebendiges spätromantisches Epochengemälde.

Schon die erste Einstellung des Films zeigt, worauf es Leigh ankommt. Eine Landschaft in Belgien, getaucht ins warme Sonnenlicht eines späten Nachmittags. Allein das Zirpen der Grillen bricht die Ruhe. Eine Windmühle am Horizont, davor ein stilles Gewässer. Zwei Frauen mit flämischen Hauben spazieren am Ufer entlang, an der Kamera vorbei, geben den Blick frei auf die Silhouette des zeichnenden William Turner.

Ohne Ortsangabe, ohne Jahreszahl beginnt "Mr. Turner", nur mit der Poesie eines Augenblicks. Immer wieder wird der Film erhabene Stimmungen wie diese einfangen, die denen Turner'scher Gemälde entsprechen. Er stellt sogar Werke des Malers nach, avanciert selbst zum Tableau. Doch nie erweckt dies den Eindruck von Statik, stets pulsiert das Leben auf der Leinwand - auf der großen wie auch auf all den kleineren, die im Laufe des Films die Staffelei füllen.

Brillant brachial gespielt von Timothy Spall

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"Mr. Turner - Meister des Lichts": Derber Schöpfer sensibler Seestücke
Der Film spielt, so viel wird dann doch deutlich, in den letzten 25 Lebensjahren des Malers. Längst etabliert in der Kunstszene, Mitglied der Royal Academy, lebt Joseph Mallord William Turner mit dem Vater William (Paul Jesson) und der Haushälterin Hannah Danby (verstörend devot: Dorothy Atkinson) in seiner Heimatstadt London.

Schwer fassbar ist dieser Mann. Mit den unehelichen Töchtern weiß er nichts anzufangen, den Vater umsorgt und pflegt er, an der Haushälterin stillt er seine sexuelle Lust, mechanisch wie ein Tier. Mal dominiert Härte, dann wieder bricht sich eine ungeahnt warme Seite durch die grobschlächtige Gestalt, wie ganz zuletzt in einer späten Liebesaffäre.

Brillant brachial gespielt wird dieser Mann von Timothy Spall, der schon in "The King's Speech" Winston Churchill mit bulldoggenhafter Körperlichkeit gab. Turner verleiht er ähnlich animalische Züge: verkniffene Augen, schiefer Mund. Statt zu sprechen, grunzt er meist nur. Es ist ein Mann von grober Physis, der mitunter genau so arbeitet, wie er aussieht. Dann bespuckt er die Leinwand, martert den Malgrund mit dem Pinsel in der Faust. Sein eruptiver Farbauftrag spiegelt sich wider in der Dynamik vieler Motive, in Explosionen, Bränden, Schiffbrüchen.

Queen Victoria sieht "schmutziges gelbes Geschmiere"

Immer aber zeugen die gebannten Stimmungen auch von großem Feingefühl. Der Kontrast zwischen den sensiblen Werken und dem derben Äußeren des Malers war es, was Leigh zu seinem Film inspirierte. Dabei überreizt der Regisseur dieses Spannungsverhältnis nicht, er lässt Turner nie zur Karikatur verkommen. Spall, für seine Rolle in Cannes als bester Darsteller geehrt, hatte zur Vorbereitung zwei Jahre lang Zeichenunterricht genommen. Resultat ist ein Künstlerporträt mit erfreulich viel Zeit vor Staffelei und Skizzenheft.

Mehr und mehr Ablehnung erfährt Turner für seine Bilder, sie lässt ihn nicht kalt. Queen Victoria sieht "schmutziges gelbes Geschmiere" in seinen abstrakter werdenden Werken, auf der Theaterbühne macht man sich über Turners Verwendung von Lebensmitteln beim Malen lustig. Schleichende Erblindung und aufkommenden Wahnsinn unterstellt man ihm wegen seines avantgardistischen, gegenstandsloseren Stils.

Turner seinerseits hat wenig übrig für die Werke der Zeitgenossen, etwa die Süßlichkeit der Präraffaeliten. Kein Wort der Kritik, nur ein verächtliches Grunzen entfährt ihm vor einem Gemälde John Constables, in dem kräftige Rottöne dominieren. Vor den Augen der versammelten Academy zückt Turner den Pinsel und verpasst dem eigenen Ölgemälde einen großen roten Tupfer, er ruiniert scheinbar sein Werk. Später kehrt er zurück und verwandelt den Fleck, zum Erstaunen der Kollegen, mit wenigen Handgriffen in eine Boje. Die verbürgte Anekdote zeigt, wie sehr es dem Einzelgänger Turner letztlich doch um Anerkennung ging.

Zu oft verlieren sich Biopics in pedantischen Nacherzählungen, oder aber sie versuchen, die Sicht auf ein Leben auf eine bestimmte Aussage hin zu verengen. "Mr. Turner" entgeht beiden Gefahren. Mike Leigh geht es weder darum, den Nationalmaler zum Helden zu stilisieren, noch um die Dekonstruktion dieses Mannes. Bescheidenheit verrät schon der Titel, ein fast ironisches Spiel mit dem Allerweltsnamen: "Mr. Turner", das könnte die Geschichte eines Jedermann sein.

Der Film kommt im besten Sinne meinungsschwach daher, erfreulich mehrdeutig. Leigh ist ohnehin kein Freund klarer Botschaften. Stattdessen nimmt er sich angemessen viel Zeit für die Geschichte Turners, zweieinhalb Stunden. Sie vergehen, wie eben Leben vergehen, mit lauten und leisen Momenten. Am Ende folgt ein lauter, das Aufbäumen auf dem Totenbett, und Turners letzter Ausruf: "Die Sonne ist Gott!"

Mr. Turner – Meister des Lichts

Großbritannien 2014

Regie: Mike Leigh

Drehbuch: Mike Leigh

Mit: Timothy Spall, Paul Jesson, Dorothy Atkinson, Marion Bailey, Karl Johnson, Ruth Sheen, Sandy Foster, Amy Dawson, Lesley Manville,Martin Savage, Richard Bremmer, David Horovitch, Patrick Godfrey, Leo Bill, Joshua McGuire, Tom Edden, Mark Stanley, Niall Buggy, Fred Pearson

Verleih: Prokino

Länge: 150 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Start: 6. November 2014

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
ColynCF 06.11.2014
Freue mich auf den Film
2. Es heisst 'Biographie' und nicht modisch-schnick-schnack 'biopic'
Freiberufler 06.11.2014
-------------
3. Duden lesen hilft Freiberuflern
townsville 06.11.2014
Biopic, das (Substantiv, Neutrum); Gebrauch: Film und Fernsehen; Verfilmung des Lebens einer Person, die tatsächlich lebt oder gelebt hat
4. Schlimmer Film
brunotte.svea 11.11.2014
Schade, wir hatten uns sehr auf den Film gefreut besonders da auch die meisten Kritiken gut waren. Aber was bekamen wir? Eine Abfolge von Szenen, die den roten Faden deutlich vermissen ließen. Weniger Kino als Theaterkulissen. Eine dubiose, noch nicht mal halb zu Ende erzählte Geschichte um eine Haushälterin; Dialoge, die einem Muster folgten und dann folglich langweilten. Ja, hübsche Bilder und einen entzückenden Turner Vater. Aber für 2 1/2 Stunden deutlich zu wenig und schwer enttäuschend!
5. Langweiliges Theater - total vergeudete Zeit
Utopia 19.11.2014
Wer Kunst und Kino wirklich liebt und etwas Interessantes erwartet wird total enttäuscht und sollte sich das nicht antun. Wir hatten den Mut nach 2 Stunden endlich zu gehen. Die ganze Zeit gibt "Turner" Grunzlaute von sich, ich kann nur brunotte.svea Recht geben: Ein wirklich schlimmer Film. Man glaubt man sitzt im Theater. Das einzig Interessante war zu sehen wie er seine Bilder in der eigenen Galerie inszenierte. Und drei oder vier schöne Landschaftseinstellungen. Aber für 3 Minuten fast 3 Stunden Lebenszeit opfern?
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