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"München": Spielberg im Schattenreich

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Steven Spielberg wirft in seinem neuen Film "München" die Frage auf, wohin der Kampf gegen Terror führt, wenn man Gewalt mit Gegengewalt begegnet. Für sein bisher mutigstes und ambitioniertestes Werk wird der Hollywood-Regisseur zu Unrecht attackiert.

In Steven Spielbergs letztem Film, dem Science-Fiction-Spektakel "Krieg der Welten", geht die US-Armee mit ihrem ganzen Waffenarsenal gegen übermächtige Aliens vor - und muss am Ende doch einsehen, dass der brutale Einsatz der Streitmacht unnütz war. Die Außerirdischen sterben an einer Unverträglichkeit irdischer Bakterien - und die Welt ist gerettet.

Solch wundersame Geschichten, die am Ende gut ausgehen, verfilmt Steven Spielberg gerne. In seinen Filmen kämpfen Menschen zumeist gegen eine Macht, die zunächst fremd und übermächtig erscheint, sich dann aber doch als verletzlich - menschlich - erweist. Natürlich besiegt Chief Brody am Ende von "Der weiße Hai" seine Angst vor dem Wasser und trifft das Monstrum an seiner schwächsten Stelle. Und natürlich findet Viktor Navorski in "The Terminal" selbst in der feindlichsten Umwelt, die man sich vorstellen kann, dem New Yorker Flughafen JFK, einen Ort der Wärme und Geborgenheit. Spielbergs Figuren, ob sie nun gegen Haie, Dinosaurier, Aliens, Nazis oder Sklaventreiber kämpfen, suchen stets nach Liebe und Heimat - und dürfen sie zumeist auch finden. Nicht umsonst genießt der 59-jährige Amerikaner den Ruf, der genialste Märchenerzähler Hollywoods zu sein.

Politische Provokationen

Das Unbehagen, das Spielbergs neuer Film "München" auslöst, liegt darin begründet, dass es diesmal nicht so einfach ist: Kein Feindbild ist klar umrissen, kein Happy End ist in Sicht - mit seinem ersten Polit-Thriller wagt sich der Regisseur auf für ihn unbekanntes Terrain. Kein Wunder, dass Spielberg im Interview mit dem SPIEGEL sagt, er sei "unendlich froh", dass er den Mut hatte, "München" zu machen. Denn er wagt sich nicht nur in ein neues Genre vor, er nimmt sich mit dem Konflikt zwischen Israel und Palästina auch noch eines Konfliks an, der emotional und politisch aufgeladen ist wie kein anderer.Doch selbst Spielberg, der Regisseur von "Schindlers Liste" und Gründer der international renommierten Shoah Foundation muss sich harscher Kritik stellen: Er sei ein Verräter an der Sache Israels, ein blinder Pazifist, der Terrorismus und Terrorvergeltung gleich setze und sich noch dazu auf fragwürdige Quellen stütze, klagen namhafte Vertreter Israels.

Natürlich beruft sich der Filmemacher darauf, sein Recht als Geschichtenerzähler in Anspruch zu nehmen. "München" basiere zwar auf Fakten, sei am Ende aber doch ein fiktionales Werk. Tatsächlich erzählt Spielberg auf Basis des umstrittenen Buches "Die Rache ist unser" von George Jonas dessen Version der Geschichte der Ereignisse nach der Olympia-Geiselnahme durch die palästinensische Terrorgruppe "Schwarzer September" von 1972. Abseits der diplomatischen Wege entscheidet sich die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir zu einer Vergeltungsmaßnahme, die den Terroristen klar machen soll, dass Anschläge auf israelische Bürger, wo auch immer in der Welt, nicht ungesühnt bleiben. Sie lässt ein von allen offiziellen Bindungen befreites Killer-Kommando zusammenstellen, das die vermeintlichen Hintermänner des Olympia-Attentats töten soll: "Diese Leute", sagt Meir, gespielt von Lynn Cohen, "haben geschworen, uns zu vernichten. Vergesst Frieden. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir stark sind". Im Folgenden darf sich der bisher unauffällige Mossad-Agent Avner Kauffman (Eric Bana) ein Viererteam aus Söldnern und Bombenspezialisten zusammensuchen und bekommt eine Liste mit zwölf Zielpersonen, die es zu eliminieren gilt. Eine klandestine Hetzjagd durch ganz Europa beginnt.

Fakten und Fiktion

Die dokumentarisch wirkende, mit Originalbildern versetzte Rekonstruktion des Olympia-Attentats, die den aufwühlenden Anfang des Films bildet, geht beinahe nahtlos über in eine zunächst konventionelle Thriller-Handlung. Man kann Spielberg vorwerfen, dass er die Grenzen zwischen Realität und Fiktion mit Montagen wie diesen arg strapaziert, aber letztlich nutzt er lediglich die Mittel, die das Genre bietet. Das kritische Polit-Kino der Siebziger wird hier ausgiebig zitiert: Costa-Gavras' "Z", Sidney Pollacks "Drei Tage des Condor" und Alan Pakulas "Parallax View" stehen hier ebenso Pate wie das grobkörnig-schmuddelige Kino der Rebellen des New Hollywood. Neu ist nicht nur, dass Spielberg sich von der Hochglanz-Ästhetik löst, die viele seiner Filme dominiert, neu ist auch, dass er sein Sujet mit nie gekannter Brutalität bebildert. Drastischere Gewaltdarstellungen hat man beim sanften Pazifisten Spielberg bisher selten gesehen. Gleich zu Beginn des Films wird einem Mann in Großaufnahme durch die Wange geschossen. bei einem der Attentate, die Avner und seine Männer auf einen recht harmlos wirkenden palästinensischen Poeten verüben, vermischt sich dunkelrotes Blut mit einer Lache aus vergossener Milch. Das ewige Zusammenspiel von Tod und Neubeginn will Spielberg nach eigener Aussage mit Bildern wie diesen ausdrücken. Eine Fruchtbarkeits-Metaphorik, die er gegen Ende des Films ins fast Unerträgliche steigert, indem er einen leidenschaftlichen Geschlechtsakt zwischen Avner und seiner Frau mit den brutalen Szenen der Geiselexekutionen auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck mischt.

Terroristen als Menschen

Diese Sexszene ist nicht nur Spielbergs erste in seinem bisherigen Schaffen, sie führt auch geradewegs zum Kern von "München". Denn Avner, der seine Frau und seine kleine Tochter im Zuge seiner Undercover-Tätigkeit nach Brooklyn auf neutrales Terrain ausgelagert hat, ist am Ende der Anschlagserie, die er im Auftrag seines Vaterlandes verüben muss, ein seelisches Wrack. Der lebensfrohe junge Mann, der zu Beginn des Films ein charmantes und selbstsicheres Lächeln vor sich her trägt, starrt nun selbst im Liebesakt angstvoll in einen Abgrund aus Unmoral, Angst und Sinnlosigkeit.

Spielbergs Film ist am stärksten, wenn er zeigt, dass Terroristen, so profan das klingt, auch nur Menschen sind. Denn Menschen, das ist der ideologische Vorwurf, der ihm gemacht wird, sind in "München" sowohl die israelischen Killer, als auch die gejagten Araber. Spielberg entwirft die Welt der durch Paris, London, Athen und Amsterdam vagabundierenden Männer als eine Art Schattenreich, eine parallel zur politischen Realität existierende Unterwelt aus Informationsverkäufen, hinterhältigen Anschlägen und moralischen Untiefen, in der Kategorien wie Gut und Böse verwischen und in der es nur noch ums nackte Überleben geht - mit allen Mitteln. Spätestens als den israelischen Mördern klar wird, dass sie sich zur Rechtfertigung ihrer Taten nicht auf eine moralische Überlegenheit berufen können, wird man auch als Zuschauer in diesen Strudel der Ambivalenz hineingezogen. Hier ist Spielberg ganz der Kino-Virtuose, den man kennt und für seine suggestive Kraft schätzt.

Gesichter des Todes

Es gibt viele Schlüsselszenen in "München". Zum Beispiel ein nächtliches Gespräch zwischen Avner und einem arabischen Terroristen in einem Safehouse, einer Art entmilitarisierter Zone für politische Attentäter. Der PLO-Kämpfer hält den Israeli für einen europäischen Terroristen und erzählt ihm von seiner Motivation für den bewaffneten Kampf: die Sehnsucht, irgendwann in seine Heimat zurückkehren zu können. Die Suche nach Heimat, Familie, Sicherheit - universelle Themen, die nicht nur bestimmend für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sind, sondern auch zum großen narrativen Kanon Spielbergs gehören, seit er Filme macht.So holzschnittartig und plakativ Momente wie diese auch sein mögen, sie verdeutlichen, worum es in "München" geht: Nicht um die Relativierung oder Bewertung israelischer und palästinensischer Taten, sondern um das Verständnis eines Konflikts auf menschlicher Ebene, der zumeist nur noch auf einem abstrakt-politischem Niveau analysiert wird. Die politische Botschaft Spielbergs ist dabei so banal wie unbefriedigend: Gewalt ist keine Lösung, denn sie zieht nur neue Gewalt nach sich.Am Ende des Films - wenn sich Avner und sein Mossad-Kontaktmann ein letztes Mal zu einem unversöhnlichen Gespräch treffen, zeigt Spielberg im Hintergrund die Silhouette Manhattans mit dem - 1973 gerade fertig gestellten - World Trade Center. Zwar bestreitet Spielberg in Interviews die politische Komponente dieser Szene, und doch kann man den Schluss ziehen, dass der als politisch liberal geltende Regisseur hier eine Parallele vom Terror der Siebziger zu den fragwürdigen Maßnahmen der US-Regierung im aktuellen Kampf gegen den Terrorismus zieht. Aber man darf eben nicht den Fehler machen, "München" nur nach ideologischen Gesichtspunkten zu bewerten. Vielleicht sagt es eine Menge über den Dogmatismus und den Grad der politischen Verhärtung unserer Zeit aus, wenn einer der profiliertesten Filmemacher der westlichen Welt so viel Misstrauen und Hass erntet für einen Film, der schwierig und provokant ist und eben deshalb zu den mutigsten Arbeiten seiner Karriere zählt. In den Siebzigern hätte man - bei aller Rücksicht auf die Emotionalität des Themas und die bis heute unklare Faktenlage - über politisch engagiertes Hollywood-Kino wie dieses befreit gejubelt. Heute wartet man lieber auf brave Bakterien, die das vermeintlich Böse verjagen.

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