Münchner Filmfest Neues deutsches Blut-und-Brodel-Kino

Viel Herz, wenig Hirn: Marcus H. Rosenmüllers aktueller Film "Räuber Kneißl" gilt als wichtigstes Ereignis des Münchner Filmfests. Bei der Welturaufführung erwies sich das neue Werk des "Wer früher stirbt, ist länger tot"-Regisseurs jedoch als gülledampfendes Krawallspektakel.


Er kann angeblich alles außer Hochdeutsch. Marcus H. Rosenmüller steht mit verwuscheltem Blondhaar auf der Bühne des Münchner Maxx-Kinos, ein brutal sympathisches Dauerlächeln im Gesicht, die Wangen leicht verschwitzt, den kleinen Wohlstandsbauch unter einem flatternden braunen Hemd stolz vorgereckt, und spricht ein akkurat gepflegtes Salonbayerisch: Sein Hauptdarsteller Maximilian Brückner, jubelt der Regisseur, sei "ein Schauspieler, der wo sein Herzblut in den Film einfließen lässt".

Regisseur Rosenmüller: Kinokaiser von Süddeutschland
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Regisseur Rosenmüller: Kinokaiser von Süddeutschland

Bei so viel Dialekt-Geprotze zieht es wohl selbst dem Fußballkaiser Franz den Trachtenjanker aus. Aber Rosenmüller, 35, ist dank der Erfolgs-Tragikomödie "Wer früher stirbt, ist länger tot" aus dem Jahr 2006 ja auch eine Art junger Kinokaiser von Süddeutschland. Über 1,5 Millionen Kinozuschauer haben seinen tatsächlich mitreißend naiven und nur manchmal angestrengt humorigen Überraschungshit gesehen, Rosenmüllers zur Schau gestellte Nestwärme, sein Mutterwitz und seine gemütvoll-halsbrecherische Schauspielerführung ließen die Kritiker schwärmen.

Jetzt soll es mit dem "Räuber Kneißl" (Kinostart 21. August) den nächsten wirklich großen Rosenmüller-Streich geben. Zwar hat Rosenmüller in den letzten beiden Jahren auch schon "Schwere Jungs", "Beste Zeit" und "Beste Gegend" herausgehauen, weil die deutschen Film- und Fernseh-Geldverwalter auf einen wie ihn offenbar nur gewartet hatten. Aber das waren allesamt eher schnell zusammengezimmerte, von Kritik und Publikum durchaus freundlich beklatschte Werke. Der "Räuber Kneißl" hingegen ist als triumphales Großwerk angekündigt.

Maria Furtwängler ("Tatort" Hannover), Maximilian Brückner ("Tatort" Saarbrücken) und Brigitte Hobmeier (Kammerspiele München) spielen die Hauptrollen, die historisch verbürgte Geschichte dreht sich um einen schießwütigen Rebellen, armen Schlucker und Volkshelden: Der reale Matthias Kneißl wurde nur 27 Jahre alt und mit dem Fallbeil hingerichtet. Logisch, dass Rosenmüllers Film vor der Welturaufführung am späten Dienstagabend zum aufregendsten Event des noch bis zum Wochenende dauernden Münchner Filmfests ausgerufen wurde.

Böse und verzagt schauen alle drein

Glücklich konnte sein, wer im Gerangel vor der Kinotür noch eine Eintrittskarte ergattern konnte, noch glücklicher hopste der knuddelige Regisseur vors Bühnenmikro, doch als es dunkel wurde im Saal, da fing das Unglück an.

Böse und verzagt schauen sie alle drein in diesem Film, von Anfang an. Mit fast schon gewohnter Rosenmüllerscher Rumpeligkeit tapert ein Polizist (gespielt von dem im Theater meist wundervollen Thomas Schmauser) auf einen verkommenen, vermatschten Bauernhof. Er sucht die schulschwänzenden Kneißl-Kinder, die man hinterm Gebälk der Scheune huschen sieht. Mit einer Steinschleuder geben sie dem Polizisten eins auf die Backe. Der aber tritt jetzt nicht etwa in Aktion, sondern guckt nur dumpf und dumm und lässt sich fluchend vom mitgeschlurften Dorfpfarrer davonführen.

Genau so statisch geht es weiter: Hier die plumpe, hasserfüllte Staatsmacht, dort der unbändige, lausbubenhafte Lebensdrang der armen Kneißl-Sippe. Das ist der Holzschnitt, den Rosenmüller für ein Drehbuch hält.

Wir sehen Maria Furtwängler von ganz nah als pittoresk hergerichtete Mutter Courage der bayerischen Hinterwälder, minutenlang hängt ihr eine Träne an der Nasenspitze, als sie den Tod ihres Wilderer-Ehemann und das Los ihrer Kinder beweint. Wir sehen die jungen Kneißl-Buben durch Schlamm, Gras und Gehölz tollen, dass man pausenlos "Juhu" und "Juche" schreien möchte.

Wir sehen Vögel flattern und Wiesen dampfen und Wasser plätschern. Nur von den Handlungen der Menschen sehen wir fast nichts: Statt zum Beispiel die spannende nächtliche Jagd auf einen kapitalen Hirschen zu zeigen, den der wildernde Kneißl-Vater mit seinen Kumpanen erlegt, huscht die Kamera nur kurz über die Männer hinweg, die das riesige tote Tier abtransportieren.

Krawallige Hetze im Proleten-Passionsspiel

Überhaupt herrscht eine krawallige Hetze in diesem Proleten-Passionsspiel. Nach dem Vater ist gleich auch der Bruder des Helden tot, die erste Gefängnisstrafe abgesessen, und flugs liegt Maximilian Brückners Kneißl mit seiner Geliebten Mathilde unterm Küchentisch und übt die Liebe. Sie nennt ihn "Hosenscheißer", oben auf der Tischplatte hat ihre besoffene Mutter ihr schnarchendes Haupt gelagert.

Die billigen Lacher, die es für solche Szenen im Kino gibt, sind dem bayerischen Volks- und Bauerntheater abgeschaut, doch jeder noch so turbulente Fernseh-"Komödienstadl" seligen Angedenkens wirkt subtil angesichts Rosenmüllers grobschlächtiger Regie-Einfälle. Einmal schneidet er Bilder vom Schwindsucht-Tod einer Kneißl-Schwester zusammen mit Folterszenen im Knast, wo ein Kneißl-Kumpel übel verprügelt wird, ein wüstes Potpourri aus Sabber, Blut, Siechtum und entsetzten, weit aufgerissenen Glotzaugen.

Selbst ansonsten ausgezeichnete Schauspieler treibt der Regisseur Rosenmüller in einen geradezu stummfilmhaften Ausdruckskrampf aus zitternden Lippen, knirschenden Zähnen und bebenden Fäusten. So wird "Räuber Kneißl" zu einem wahren Horrorfilm. Wer die trüben Dialogsätze hört, die Rosenmüllers Helden aus den Mündern tropfen, wer die ungelenken Naturbeschwörungen aus Sonnenuntergängen und Waldesruh sieht, wer sich ins mit alten Schießgewehren und Fahrrädern beschworene Zeitkolorit einzufühlen versucht, der fängt an, Joseph Vilsmaier ("Herbstmilch") und Wolfgang Schleif ("Die Mädels vom Immenhof") als Intellektuelle unter den Heimatfilmregisseuren zu schätzen.

Viel Herz und wenig Hirn: Es ist kein Blut-und-Boden-Realismus, sondern ein allzeit brodelndes Blut- und Jauche-Kino, das dieser Film feiert. In seiner umarmungssüchtigen Menschelei macht Rosenmüller seinen Helden klein. Keinen bewussten, frech entschlossenen Revoluzzer gegen die staatliche Willkür sehen wir, sondern einen armen Wurm, der verzweifelt um die Aufnahme in eine Gesellschaft kämpft, die ihn - frei nach der Devise "Zuchthäusler bleibt Zuchthäusler" - gnadenlos verstoßen hat.

Rosenmüllers Räuber Kneißl kämpft nicht, er heult und schnieft und umhalst ständig, mal die Geliebte und mal die Frau Mama. So bleibt der Kneißl selbst in Zeiten, als ihn die Massen und die Medien als verwegenen Aufmüpfling feiern und verdammen, nur einer, dem die süße Mathilde seinen Kosenamen zu Recht gegeben hat: ein Hosenscheißer.



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