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19. Februar 2013, 12:17 Uhr

Oscar-Favorit "Les Misérables"

Wie Karaoke, nur schlimmer

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Acht Oscar-Nominierungen können täuschen: Die Musicalverfilmung "Les Misérables" ist missraten. Stars wie Anne Hathaway und Russell Crowe können spielen, aber leider nicht singen - in der nächsten Karaoke-Bar um die Ecke hat man mehr Spaß.

Ein Hundeleben. Nein, schlimmer: Barfuß im kalten Wasser des Hafens von Toulon steht die Horde von Gefangenen und muss ein mächtiges Schiff allein mit Muskelkraft ins Dock ziehen. Unter ihnen Häftling Nummer 24601, eigentlich ein Kraftpaket, doch 19 Jahre Haft für den Diebstahl eines Kanten Brot haben ihn gebrochen. Während die Kogge in den regengepeitschten, schwarzen Himmel ragt, fangen die Sträflinge an zu singen. "Look down, look down/Don't look 'em in the eye/Look down, look down/You're here until you die". Im Frankreich von 1815, das wird klar, besteht für sie keine Hoffnung auf Gnade.

Jean Valjean, der Sträfling mit der Nummer 24601, wird schließlich doch entlassen. Polizist Javert, der eben noch die Gefangenen im Hafen gnadenlos angetrieben hat, gibt ihm seinen Pass inklusive Vorstrafenvermerk wieder und erinnert Valjean übellaunig daran, dass dieser immer ein Dieb bleiben werde: "Unless you learn the meaning of the law."

Der Anfang von Tom Hoopers Kinoadaption des Musicals nach Victor Hugos "Les Misérables" ist ganz Großleinwand, ganz Drama, ganz Held und Antagonist. Hugh Jackman als Valjean erschreckt durch sein ausgezehrtes Gesicht. Angeblich hatte der normalerweise knackig durchtrainierte Schauspieler tagelang kaum Flüssigkeit zu sich genommen. Russell Crowe als Javert bildet den gut genährten Gegenspieler, der bis zum Lebensende mit dem Schicksal des widerspenstigsten aller Gefangenen verbunden sein wird.

Wenn Crowe dann das erste Mal ansetzt, um seine Verachtung für Valjean per Lied kundzutun, zuckt man ein bisschen zusammen. Doch daran muss man sich gewöhnen: "Les Misérables" ist ein Musical mit 99,9 Prozent Songanteil. Bis auf wenige Zwischenrufe werden die Dialoge geschmettert, geschnulzt oder gepiepst.

Hugh Jackman hat das drauf: Mit einer veritablen Tanz- und Gesangsausbildung im Lebenslauf merkt man ihm den Spaß am mit viel Pathos verzierten Timbre und an der dramatischen Story an. Dass er als bester Hauptdarsteller für den Oscar nominiert ist, leuchtet ein.

Seine Stimme und sein Spiel treiben einen kundig von Handlungsstrang zu Handlungsstrang der ausufernden Geschichte: Valjean bricht vor einer Kirche zusammen, wird vom Bischof entdeckt und freundlich bewirtet, stiehlt das Kirchensilber, wird wiederum geschnappt und dem Bischof vor die Füße geworfen, der ihm zum zweiten Mal verzeiht. Das läutert den Verbitterten, und am Ende des Prologs ist aus Valjean ein Ehrenmann geworden, der, wenn auch unter falschem Namen, für andere Ausgebeutete Partei ergreift.

Stimmbändchen im Wind

Besonders Fantine, gesungen und gespielt von Anne Hathaway (Favoritin für den Oscar als beste Nebendarstellerin), hat Beistand nötig. Die Näherin hat unverschuldet ihren Job in einer Fabrik verloren. Um ihre kleine Tochter ernähren zu können, verkauft sie zuerst Haare, dann Zähne, schließlich den ausgemergelten Körper. Fantine liegt bereits im Sterben, als Valjean sie findet. Voller Mitleid verspricht er ihr, sich um Töchterchen Cosette zu kümmern, die von einer zwielichtigen Gasthausfamilie aufgezogen wird.

Und spätestens beim Auftritt der kleinen süßen Cosette, deren weiland von Emile Bayard gemaltes Konterfei das berühmte Bild zum Film bietet, kann man es nicht mehr ertragen, wie sehr die Darsteller stimmlich überfordert sind. Man muss bei professionell ausgebildeten Musicalstimmen die Künstlichkeit nicht mögen, das Schmettern, die theatralische Wucht. Aber immerhin tragen solche Profi-Stimmen eine Geschichte. Wenn aber Anne Hathaway, Russell Crowe und später Amanda Seyfried (als erblühte Cosette) todernst ihre Stimmbändchen in der Wucht der Musik flattern lassen, tut einem stellvertretend der Rachen weh.

Auch der Geschichte fehlen die Zwischentöne, ein paar Döneken, eine Brechung mit dem Genre und seinem Pathos. Den Jux-Part müssen Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen allein ausfüllen, die als Cosettes Pflegeeltern vor allem Kohle machen wollen. Eine Hand voll Lacher besorgen sie zwar, unterstützt von absurdem Dekor und Makeup - souverän, aber arg vorhersehbar. In Tim Burtons Musicalverfilmung "Sweeney Todd" (2007) waren sie bereits in ähnlichen Rollen zu sehen.

Und wo bleibt die Logik?

Der Rest von "Les Misérables" bleibt Darben, Leiden und Singen in zu hohen Tonlagen. Hinzu kommt, dass "The King's Speech"-Regisseur Hooper und seine Drehbuchautoren William Nicholson und Herbert Kretzmer dramaturgisch ein wenig über das Originalscript hinweg geschludert haben. Wichtige Motive haben sie geschwächt oder weggelassen. So wird zum Beispiel nicht klar, dass es eine Tätowierung ist, die Valjean als Sträfling verrät. Auch wird erst erwähnt, dass es einen anderen Gefangenen gibt, mit dem Valjean verwechselt wurde, als der Fremde bereits vor Gericht steht und für Valjeans Taten verurteilt werden soll.

In Akt Zwei nehmen schließlich Politik- und Herzensangelegenheiten ihren Lauf. Während Aufständische parolensingend auf die Barrikaden des Pariser Juniaufstands von 1832 gehen, entflammt Cosettes Herz für den Revolutionär Marius (Eddie Redmayne, "My Week with Marilyn".) Doch da ist die Lust am Zuschauen und -hören längst in den Kulissen steckengeblieben, die nach den grandiosen Anfangsbildern immer weniger an Kino erinnern.

Und man fragt sich, wozu die Verfilmung - nach fast 50 Filmadaptionen des Buchs - überhaupt nötig war. Das Musical wird ja noch aufgeführt und bietet die gleiche Künstlichkeit im Bühnenbild. Hat man Victor Hugos mitreißendes Epos etwa als Starvehikel missbraucht und Namen vor Können gesetzt? Oder wollte Tom Hooper trotzig aus dem slicken Musicalstimmensound ausbrechen, indem er fast ausschließlich in Schauspiel ausgebildete Darsteller engagierte? Vielleicht soll die fehlende musikalische Kraft genau jene Brechung darstellen und den Film vom Musical abgrenzen. Aber es stellt sich eher der Karaoke-Effekt ein: Es ist quälender, jemandem beim verzweifelten Versuch zuzuschauen, richtig zu singen, als beim fröhlichen Mir-nichts-dir-nichts-Scheitern.

Im Internet kursiert ein kleiner Videoclip, in dem Jackman und Crowe ein Duett aus dem Film vortragen und dabei herrlich über sich selbst kichern. Diese Ironie, die bei einer solch hohen Theatralikdichte eigentlich dringend nötig ist, fehlt im Film weitgehend. Zurück bleibt das titelgebende Elend.

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