Oscar-Kandidat "Mustang" Fünf Mädchen für die Freiheit

"Mustang" erzählt von fünf Schwestern in der türkischen Provinz, die der fanatische Onkel einsperrt. Deniz Gamze Ergüven gelingt damit ein furioser Debütfilm, der jetzt für den Oscar nominiert ist.

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"Komm, lass uns schwimmen gehen!" Was könnte es an einem warmen Sommertag am Schwarzen Meer Naheliegenderes geben als diese Aufforderung von Schwester zu Schwester?

Nach der Hälfte von "Mustang" irritiert sie jedoch nachhaltig. Sind Lale und ihre vier älteren Schwestern nicht seit Monaten im Haus von ihrem Onkel eingesperrt? Hat er ihnen nicht die Handys und Computer weggenommen? Müssen sie nicht sackartige Kleider tragen und sich von ihrer Oma in Haushaltsführung unterweisen lassen, anstatt in die Schule zu gehen?

Doch, genauso schlimm ist die Lage für die verwaisten Schwestern. Und trotzdem gehen sie schwimmen. In ihrem Schlafzimmer, mit Matratzen und Decken als Meer. Die Sonne scheint auf ihre braungebrannten Arme und Beine, während sie bäuchlings Schwimmzüge imitieren und doch keinen Meter vorankommen.

Mit unvergesslichen Szenen wie diesen erobert "Mustang" seit seiner Premiere im Mai 2015 bei den Filmfestspielen in Cannes weltweit das Publikum. Sogar die Academy konnte er überzeugen: "Mustang" ist einer von fünf Spielfilmen, die am kommenden Sonntag für den Auslands-Oscar nominiert sind. Neben Dokumentarfilmerin Liz Garbus ("What Happened, Miss Simone?") ist die gebürtige Türkin Deniz Gamze Ergüven die einzige Regisseurin, die 2016 nominiert ist. Und das mit ihrem Debütfilm.

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"Mustang": Ein Gefängnis voller Sonne
Die Bilder vom Trockenschwimmen sind ein fernes, schmerzhaftes Echo der Anfangsszene. Am letzten Tag vor den Schulferien laufen die fünf Schwestern Lale (Günes Sensoy), Nur (Doga Zeynep Doguslu), Selma (Tugba Sunguroglu), Ece (Elit Iscan) und Sonay (Ilayda Akdogan) mit ein paar Schulkameraden am Strand entlang nach Hause. Spontan entschließt sich die Gruppe, in ihrer Schuluniform ins Wasser zu gehen. Auf den Schultern der Jungs liefern sich die Schwestern Duelle darum, wer sich die längste Zeit über Wasser halten kann. Die weißen Schulblusen kleben an ihrer Haut, die langen, dunklen Haare fliegen durch die Luft. Die Stimmung ist ausgelassen, aber nicht erotisch.

Die Komplizenschaft der Frauen

Zu Hause bei ihrem Onkel Erol (Ayberk Pekcan) und ihrer Oma (Nihal G. Koldas) erwartet die Mädchen trotzdem Ärger. Eine Nachbarin hat von vermeintlich unzüchtigen Spielen im Wasser berichtet. Wutentbrannt schleppt der Onkel die Mädchen zum Arzt. Der soll attestieren, ob ihre Jungfernhäutchen noch intakt sind. Doch auch der Beleg, dass sie noch Jungfrauen sind, lässt den Onkel nicht zur Ruhe kommen. Die Handys und Computer werden weggesperrt, und die Abschottung der Schwestern vom Rest der Welt beginnt.

Der Symbolismus von "Mustang" ist so platt, dass man ihn schon kaum mehr Symbolismus nennen kann: Der zunehmend autoritäre Staat Türkei sperrt seine Töchter ein. In dieser Hinsicht könnte der Film durchaus denen in die Hände spielen, die der Türkei grundsätzlich die Fähigkeit absprechen, sich "europäischen" Werten anzupassen. Er ist schließlich kein türkischer Film, sondern eine in der Türkei gedrehte internationale Co-Produktion, die von Frankreich als Oscar-Beitrag eingereicht wurde.

Den Schematismus der Grundkonstellation gleichen Ergüven und ihre französische Co-Autorin Alice Winocour ("Maryland") auf anderen Ebenen jedoch aus.

So spüren sie in der Figur der Oma der Komplizenschaft von Frauen bei der Unterdrückung anderer Frauen nach. In der Sorge um den Ruf der Familie ist die Oma nämlich nur allzu bereit, den Onkel bei seinen Disziplinarmaßnahmen zu unterstützen. Als die ersten arrangierten Hochzeiten anstehen, freut sie sich am meisten. Doch wenn den Mädchen ein ums andere Mal der Ausbruch aus ihrem Gefängnis gelingt, dann ist sie es, die die Spuren verwischt.

Als nächstes kommt die Zwangsverheiratung

Und nicht zuletzt macht Ergüven aus den Mädchen viel mehr als nur Opfer. Schlichtweg meisterhaft inszeniert sie sie wechselnd als Individuen und als Gruppe. Im einen Moment bilden sie eine freundliche Hydra, ein fünfköpfiges Wesen mit einem Gewirr aus fliehenden Mähnen und mehrstimmigem Lachen. Fast kann man verstehen, warum sich der Onkel vor ihnen und ihrer Weiblichkeit fürchtet - so sehr ähneln sie einem Naturereignis.

Im nächsten Moment treten die Unterschiede zwischen den Schwestern hervor. Sonay, die Älteste, kann durchsetzen, dass sie ihren Freund heiraten kann und feiert die Hochzeit als gelungene Flucht. Ece, die Mittlere, kämpft hingegen vehement gegen ihre Zwangsverheiratung an und geht immer größere Risiken ein. Als der Onkel die Mädchen ausnahmsweise mit dem Auto in die nächstgelegene Stadt mitnimmt und zum Geld abheben den Wagen verlässt, holt Ece einen wildfremden Jungen zu sich. Schon bald verdunkeln sich die Scheiben, und der Wagen fängt an, rhythmisch zu wackeln.

Beobachtet wird die Geschichte aus der Perspektive der Jüngsten, Lale. Das lässt die Ereignisse unschuldiger und hoffnungsvoller erscheinen, als sie es wahrscheinlich sind. Verdoppelt wird dieser Eindruck von den sonnenwarmen Bildern von David Chizallet und Ersin Gok, die einen ewigen Sommer heraufbeschwören, ohne in die traumhafte Vagheit von Sofia Coppolas "The Virgin Suicides" (1999) abzugleiten. Immer wieder fängt die Kamera die gebräunten Arme und Beine der Schwestern und ihre geröteten Wangen ein - aber auch ihre gierigen Blicke und ihre eindeutigen Aufforderungen.

So durchzieht den Film eine Sinnlichkeit, die immer auf Seiten der Mädchen ist. Damit behauptet sich "Mustang" trotz seiner beklemmenden Geschichte letztlich als Sehvergnügen, ähnlich wie sich die Mädchen mit ihrer Lebenslust behaupten - eine grandiose Erneuerung des Sozialdramas und ein furioser Einstand im europäischen Kino zugleich.

Im Video: Der Trailer zu "Mustang"

Mustang

FRA, DEU, TUR 2015

Regie: Deniz Gamze Ergüven

Drehbuch: Deniz Gamze Ergüven, Alice Winocour

Darsteller: Günes Nezih Sensoy, Doga Zeynep Doguslu, Elit Iscan, Tugba Sunguroglu, Ilayda Akdogan

Verleih: Weltkino Filmverleih

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Start: 25. Februar 2016

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