"Mustang"-Regisseurin Ergüven "Jede Szene hat einen wahren Hintergrund"

Gleich mit ihrem Debütfilm hat es Deniz Gamze Ergüven zu den Oscars geschafft: "Mustang" erzählt von der Unterdrückung von fünf Schwestern in der türkischen Provinz. Doch wie viel Realität steckt in der Geschichte?

Weltkino

Ein Interview von Frank Arnold


Zur Person
  • AP
    Deniz Gamze Ergüven, geboren 1978 in Ankara, absolvierte ein Filmstudium an der Pariser Filmhochschule La Fémis. Ihr erster Spielfilm "Mustang", der von der Revolte von fünf Schwestern in der türkischen Provinz gegen konservative Moralvorstellungen erzählt, erhielt seit seiner Premiere in Cannes 2015 zahlreiche Preise und ist als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert, der am kommenden Sonntag vergeben wird.
SPIEGEL ONLINE: Frau Ergüven, gibt es reale Ereignisse, die Sie zu "Mustang" inspiriert haben?

Ergüven: Jede Szene hat einen wahren Hintergrund, etwa wenn die Mädchen im Meer auf den Schultern der Jungen sitzen oder wenn sie mitten in der Nacht ins Krankenhaus gebracht werden, um festzustellen, dass ihr Jungfernhäutchen noch unversehrt ist. Das erste habe ich selber erlebt, das zweite passierte in der Generation meiner Mutter. Alle diese Geschehnisse sind also real - wie die Mädchen darauf reagieren, ist allerdings Fiktion. Nachdem wir damals auf den Schultern der Jungen gesessen hatten, schämte ich mich und senkte den Blick, während die Mädchen im Film dies als Ausdruck ihrer Lebensfreude verteidigen.

SPIEGEL ONLINE: Dass die minderjährigen Mädchen mit Männern verheiratet werden, die sie zuvor noch nie zu Gesicht bekommen haben, bringt man nicht unbedingt mit der Türkei von heute in Verbindung.

Ergüven: Das existiert durchaus noch. Die Türkei ist einerseits eine moderne Gesellschaft, andererseits gibt es auch noch Mädchen, die zwangsverheiratet werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine Frage von Stadt und Land?

Ergüven: Nein, die ländlichen Gegenden der Türkei sind ziemlich dünn besiedelt, das spielt sich alles in den Städten ab. Die Szene mit dem Jungfernschaftstest wurde mir von einer Gynäkologin geschildert, die in einem staatlichen Krankenhaus in der Hauptstadt Ankara arbeitet und die erzählte, dass das mehrere Male im Jahr vorkommt, das heißt, es leben in den Großstädten auch Menschen mit traditionellen Werten.

SPIEGEL ONLINE: Gab es je Versuche von staatlicher Seite, das zu verbieten?

Ergüven: Es ist vollkommen verboten. Gesetzlich sind die Frauen geschützt, jeder Nachbar kann die Polizei verständigen und so etwas melden.

SPIEGEL ONLINE: Einmal besuchen die Mädchen heimlich ein Fußballspiel, bei dem nur Frauen als Publikum zugelassen sind. Sie konzentrieren sich dabei auf die Reaktionen der Mädchen selber, das ist sehr kraftvoll. Wie ist die Situation für Frauen bei Fußballspielen?

Ergüven: Ich habe einmal ein Fußballspiel besucht, bei dem ich die einzige Frau war und muss sagen, dass ich es geradezu hasste - es war unglaublich gewalttätig. Da wird ein unheimlicher Druck abgelassen. Es gab überall Metallgitter, weil in dem Stadion gerade Umbauten stattfanden, so dass man sich vorkam wie in einem Käfig. Bei einem anderen Spiel, das ich besuchte und wo auch andere Frauen anwesend waren, reagierten diese zwar wild, aber nicht gewalttätig. Nachdem die Anhänger von Fenerbahce Istanbul 2011 durch hooliganhaftes Verhalten aufgefallen waren, verfügte der türkische Fußballverband, dass zwei Spiele ohne Zuschauer stattfinden müssten. Dann wurden die Bestimmungen so geändert, dass weibliche Fans und Kinder unter 12 Jahren zugelassen wurden - und das bei freiem Eintritt. Das schuf eine ziemlich verrückte Situation, als Tausende von Zuschauerinnen ihren Gefühlen freien Lauf ließen. Das irritierte sogar die Spieler, denn wenn sich der Ball den Zuschauertribünen näherte und die Schreie kulminierten, klang es wie in einem Horrorfilm.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie an die eindrucksvollen Darstellerinnen der jungen Mädchen gekommen? Bis auf die Darstellerin von Ece ist dies ja ihr Schauspieldebüt.

Ergüven: Das war ein langwieriger Prozess. Die Frau, die für das Casting verantwortlich war, hat Tausende von Mädchen angesehen. Das lehrt einen Bescheidenheit, denn wir hatten die ganze Zeit die Zahl von 4000 Mädchen im Kopf, die der Regisseur von "Beasts of the Southern Wild" sichtete, bevor er seine junge Hauptdarstellerin fand. Und wir mussten gleich fünf Mädchen finden, die zudem in der Gruppe ein bestimmtes Gleichgewicht bilden. Also musste ich ihr Zusammenspiel in allen möglichen Kombinationen ausprobieren. Für mich waren sie wie ein Körper mit fünf Köpfen - eine Hydra. Dadurch kommt auch ein Element des Fantastischen in den Film. Mit ihren langen Haaren erinnern die fünf an junge Fohlen, so kam ich auch auf den Filmtitel.

SPIEGEL ONLINE: Sie bewahren eine gewisse Unschuld…

Ergüven: Ja, gerade in der ersten Szene, wenn sie auf den Schultern der Jungen sitzen. Dass manche konservative Zuschauer das als Sexualisierung wahrnehmen, liegt wohl eher an ihnen. Ich habe mich jedenfalls in der Inszenierung bemüht, das konsequent zu vermeiden. Die spielerische Art, in der wir das machten, zahlte sich schließlich aus. Ich fühlte mich an ein Buch des Theaterregisseurs Peter Brook erinnert, das ich vor langer Zeit gelesen hatte, wo er den magischen Moment beschreibt, wenn diese Zusammenarbeit funktioniert. Wir haben dann zwei 'Boot Camps' gemacht, bei denen ich professionelle, erwachsene Schauspieler dabei hatte, die die Mädchen angeleitet haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Mädchen auch Filme zur Vorbereitung gezeigt?

Ergüven: Ja, obwohl sie da selten einer Meinung waren. Den britischen "Fish Tank" etwa hassten sie, weil sie keine Verbindung zu sich herstellen konnten. Manchmal zeigte ich ihnen aber auch nur einzelne Szenen, wie eine Sequenz aus David Lynchs "Wild at Heart", wo sich das Licht innerhalb weniger Minuten radikal verändert, ein Video meines Hundes oder Gemälde.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film zeichnet kein schmeichelhaftes Bild von der Türkei. Wird der Film dort auch in die Kinos kommen?

Ergüven: Ja, er hat einen türkischen Verleih, ist aber für Kinder unter 15 verboten.

Im Video: Der Trailer zu "Mustang"

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