"Muxmäuschenstill" Meister Proper läuft Amok

In ihrer verstörenden Realsatire "Muxmäuschenstill" porträtieren Marcus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg einen selbstgerechten Rächer aller sozialen Missstände. Das anfangs schadenfrohe Lachen über die Bestrafung von Schmarotzern und Schwarzfahrern bleibt einem schnell im Halse stecken.

Von Oliver Hüttmann


Szene aus "Muxmäuschenstill" (mit Jan Henrik Stahlberg und Fritz Roth): Faschistoide Utopie
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Szene aus "Muxmäuschenstill" (mit Jan Henrik Stahlberg und Fritz Roth): Faschistoide Utopie

"Wahrheit ist stärker als Quote", sagt Mux energisch. "Die Zeit, in der alle Niveaulosigkeit beklagen, aber keiner Schuld sein will, ist vorbei." Das sind starke Worte, denen man sofort beipflichten möchte. Dann räumt Mux auf. Beschimpft Schwarzfahrer für die "unsolidarische Erschleichung von Leistungen". Ermahnt Jugendliche, die rauchend an einer Bushaltestelle herumlungern, ihre "überschüssige Energie beim Sport abzureagieren". Stellt Männer an den Pranger, die ins Schwimmbecken gepinkelt haben. Drückt Hundebesitzer mit dem Gesicht in den Kot. Und immer wieder steigt in einem Ekel auf, wenn man diesem Ordnungsfanatiker zusieht und zuhört bei seinen Aktionen, die er mit missionarischer Brutalität umsetzt.

Doch dann lacht man auch schadenfroh, wenn Mux einen Raser stoppt und dem kleinlauten Fahrer das Lenkrad abmontiert. Erziehungsmaßnahmen nennt er das. Recht so, möchte man rufen. Denn, seien wir ehrlich, in jedem von uns steckt ein wenig Mux. Haben wir nicht auch schon mal kurz mit dem Gedanken gespielt, einen Autofahrer anzuzeigen, der mit dem Handy am Ohr einen Zebrastreifen missachtet hat? Andererseits haben wir alle schon mal gegen Gesetze verstoßen oder gegen die guten Sitten - und uns trotzdem nicht wirklich schuldig gefühlt.

Aus diesem Widerspruch haben die beiden Schauspieler Marcus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg einen Film gemacht. Stahlberg hat das Drehbuch geschrieben und Mittermeier die Regie übernommen. Für 40.000 Euro haben sie "Muxmäuschenstill" produziert, ohne öffentliche Fördermittel. Im Grunde sind sie ähnlich aktiv geworden wie ihre Hauptfigur Mux. Und das Ergebnis ist ebenso furios wie fatal, kreist die Wehleidigkeit und Gleichgültigkeit der Gesellschaft ein und fördert doch auch die Selbstgerechtigkeit.

"Muxmäuschenstill" prüft nicht unser Gewissen, sondern fordert unsere Gefühle heraus, unsere Instinkte und Ängste. Man kann nur emotional, spontan mit Jubel oder Abscheu auf das reagieren, was wir mit Mux erleben. Stahlberg verkörpert diesen Volkserzieher mit diffusem Charisma. Ein Durchschnittstyp, bieder gescheitelt wie ein Sparkassenangestellter, der als abgebrochener Philosophiestudent Kant studiert und Filme von Antonioni ansieht. Er brennt vor Idealismus und belässt es doch bei frustrierter Moral. Er redet sich in Rage und schwadroniert doch nur von sich selbst. Er ist arrogant, jähzornig, gnadenlos und doch so sympathisch wie Don Quixote. Er ist wie wir. Unser Nachbar. Der Nebenmann am Stammtisch.

"Wir haben keine Helden. Michael Schumacher ist ein Held, weil er schnell um Kurven fährt und keine Steuern zahlt. Armes Land", referiert Mux. Seine Firma nennt er "Gesellschaft für Gemeinsinnspflege". Motto: "Alle Bürger sind potentielle Kunden" - also Sozialschmarotzer und Kriminelle. Denn, so seine hanebüchene Rechnung, wenn er 60 bis 80 "Straftäter" pro Woche überführe und bekehre und damit die Solidarität erreicht sei, habe er auch die Arbeitslosigkeit abgeschafft. Den Anfang macht er mit dem unterwürfigen, tumben Sozialhilfeempfänger und Alkoholiker Gerd (Fritz Roth). Der soll Mux' Heldentaten auf Video dokumentieren.

Mux (Jan Henrik Stahlberg) am Krankenbett eines seiner Opfer: Für zwei Sekunden stumm
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Mux (Jan Henrik Stahlberg) am Krankenbett eines seiner Opfer: Für zwei Sekunden stumm

Gemeinsam gehen Mux und Gerd auf Streife. Bei Regelverstößen sind Alter, Geschlecht, Rasse, Religion oder Gebrechen nicht relevant - vor Mux sind alle gleich. Er knöpft sich ein Paar mit Baby vor, das seinen Wagen auf einem Behindertenparkplatz abgestellt hat, und bepöbelt einen Rollstuhlfahrer, der an einer roten Ampel vor Kindern die Straße überquert. Bei einem Vortrag an einer Schule stellt er die Klasse ruhig, indem er die Schüler mit Papierkügelchen bewirft. Pädagogen werden ob dieser Szene entsetzt sein, aber manch einer wird gewiss schon davon geträumt haben. Manchmal schreit Mux auch nur mit einem Megaphon aus dem Fenster seines Büros, so wie alte Menschen, die sich über jeden auf der Straße beschweren.

Mux bekommt viel Zuspruch und Zulauf. Leute rufen ihn an, weisen auf Regelverstöße hin. Die Grenze zwischen Zivilcourage, Selbstjustiz und Schikane verschwimmt immer stärker. Denunziantentum entspringt aus Hilflosigkeit und Minderwertigkeitskomplexen, Rache und Neid, Besserwisserei und Blockwartmentalität. In den Medien beherrscht das keiner besser als die "Bild"-Zeitung: Wie sie etwa den so genannten "Florida-Rolf" als Sozialhilfeabzocker ihrer Klientel zum Fraß vorwarf, ist beispiellos in der deutschen Mediengeschichte.

Mit perfider Raffinesse loten Mittermeier und Stahlberg zwischen Realsatire und Reality-TV alles aus, was gerade noch zumutbar und denkbar erscheint. Einem Käufer von Kinderpornos schiebt Mux eine Videokassette in den After. Mit perverser Neigung nutzt er seine Machtfülle aus. Er zwingt eine junge Ladendiebin, die einen Büstenhalter unter ihrer Kleidung angezogen hat, sich vor seinen Augen zu entblößen. "Die Erniedrigung fand ich klasse", diktiert Mux selbstgefällig Gerd in die Kamera. "Sie wusste, sie kann nichts mehr machen. Und es hat ihr gefallen. Ihre Brustwarzen wurden steif, da bekam ich richtig Bock."

Nur einmal wird er für zwei Sekunden stumm, als er einem Graffiti-Sprayer die Farbe in die Augen gesprüht hat und der dann vor einen S-Bahn-Zug läuft. Irritiert blickt Mux in die wackelnde Kamera. Auge um Auge - das ist in diesem Film immer erschreckend doppeldeutig.

"Muxmäuschenstill" ist eine sehr deutsche Variante von "Taxi Driver", gedreht im Stil der Killer-Groteske "Mann beißt Hund" und von pathologischer Tragikomik wie "Fight Club". Die totale Ordnung, die Mux anpeilt, ist eine faschistoide Utopie. Selbst Weltverbesserer, so gut sie es meinen mögen, sind auch immer Bürokraten. Verstörend, makaber, rücksichtslos und scharfsinnig schneiden Mittermeier und Stahlberg tief ins Fleisch der absoluten Vernunft.

Menschen, so die Erkenntnis, werden am Ende doch von Trieben geleitet, und so scheitert Mux in seinem Wahn von Reinheit letztlich am Chaos der Liebe. Mux lernt ein Mädchen kennen, Kira (Wanda Perdelwitz), eine kaum volljährige Kellnerin. Er will ihr "weißer Ritter" sein, nennt sie aber seine Muse: "Viele große Denker hatten Frauen, die sie inspiriert haben." Doch bald zerquält sich der Macho vor Eifersucht, und Meister Proper sieht rot.

Am Ende wirkt Mux tatsächlich wie der Ritter von trauriger Gestalt. Dass man ihn zugleich verachtet, ja hasst, und man den Film mit Wut im Bauch verlässt, sich angewidert fühlt und trotzdem noch lange darüber sinniert, bis man beinahe von einem Radfahrer überrollt wird und flucht - das alles macht diesen Film zu einer seltenen Erfahrung.


Muxmäuschenstill


Deutschland 2004. Regie: Marcus Mittermeier. Drehbuch: Jan Henrik Stahlberg. Darsteller: Jan Henrik Stahlberg, Fritz Roth, Wanda Perdelwitz, Joachim Kretzer. Produktion: Schiwago Film. Verleih: X-Verleih. Länge: 90 Minuten. Start: 8. Juli 2004



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