Film über die Liebe der Obamas Michelle, my belle

Er redet viel, sie weiß nicht, ob es ein Date ist: "My first Lady" wäre eine öde Schnulze über zwei junge Liebende - wenn es nicht die Obamas wären. So wirft der Film ein Licht auf die smarte mediale Inszenierung des Präsidentenpaares.


Barry redet zu viel, aber das ist bei einem ersten Date ja normal. Ist es denn überhaupt ein Date? Michelle ist sich nicht sicher. Beide arbeiten in der gleichen Kanzlei in Chicago, schon deswegen kann es keins sein. Trotzdem steht sie besorgt vor dem Spiegel, zum Amüsement ihrer Mutter. Es ist Sommer, im Radio läuft Janet Jackson.

20 Jahre später werden Barry und Michelle Präsident und First Lady der USA sein. Trotz der damals kaum absehbaren welthistorischen Bedeutung dieser Verabredung ist "Southside With You" (in der deutschen Fassung "My First Lady") vom jungen Regisseur Richard Tanne keine historische Biografie. Weder als epische Erzählung, noch in der aktuell beliebten Version, in der kurze Momentaufnahmen ein Leben erklären. Tanne versucht einfach nur, zwei Menschen zu zeigen, die sich im Laufe eines Tages ineinander verlieben.

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Film über die Obamas: Der Präsident mag Pop

Der Filmemacher achtet darauf, hier nicht zwei überlebensgroße Statuen miteinander sprechen zu lassen - sondern zwei Menschen, die durchaus verloren und verletzt sind. Aber trotzdem wirkt der Wille zur Lebensnähe in "Southside With You" doch manchmal ungeschickt - die gegenseitigen Fragen ("Sprichst du Französisch?" "Kannst du Klavier spielen?") haben etwas von einem Bewerbungsgespräch.

Zwei so prominente Figuren der Zeitgeschichte zu verkörpern ist trotz des Prestiges eine undankbare Aufgabe. Mit Tika Sumpter (als Michelle Robinson) und Parker Sawyers (als Barack Obama) wurden zwei unbekanntere Darsteller verpflichtet. Schauspieler also, die in ihren Rollen einfacher verschwinden können als große Stars. Sawyers vermeidet Imitation oder gar Parodie, schafft es leider aber auch nicht, wenigstens kurz den typischen Obama-Tonfall anzuschlagen.

Hommage an ein schwarzes, politisch reges, kulturell interessiertes Chicago

Das hat seine Gründe. Lange Zeit haben sich Künstler an Obama-Imitationen die Zähne ausgebissen - Fred Armisen, der ihn zuerst in der Sketch-Show "Saturday Night Live" mit gefärbter Haut gespielt hat, hat es scheinbar gar nicht versucht und beschränkte sich auf gelegentliche "ähs". Erst der Komiker Jordan Peele knackte die Formel: Sein Obama ist ein charismatischer Jura-Professor, der gerne Dinge erklärt, aber eben auch nur einmal. Peele und sein Sketch-Partner Keegan-Michael Key drehten für ihre gemeinsame Serie eine Reihe von Sketchen, in der Obama während seiner Reden den "anger translator" Luther an seiner Seite hat, der Obamas unterdrückte Wut in wilde Gesten und Geschrei verwandelt:

Inzwischen ist Obama selbst mit Luther aufgetreten. Beim White House Correspondents Dinner 2015 äußerte der Präsident die üblichen staatstragenden Plattitüden, während Luther die versammelte Presse beschimpfte. Dann schwang das Pendel in die andere Richtung, und Obama wurde beim Thema globale Erwärmung so wütend, dass Luther ihn beruhigen musste. Das war nicht nur ein schlauer Gag über das Klischee der schwarzen Wut, sondern von Obama auch noch bemerkenswert professionell gespielt:

Der Humor in "Southside With You" ist von einer anderen Sorte: leiser. Er entsteht vor allem aus Baracks awkwardness im Gespräch mit Michelle - wenn er sie mit langen Monologen zum Maler Ernie Gaines und der schwarzen Sitcom "Good Times" belegt, verwandelt er sich kurz in einen übereifrigen Teenager.

Aber auch sonst ist der Film voller Referenzen. Regisseur Tanne ist zwar weiß und kommt aus New Jersey, trotzdem funktioniert seine Hommage an ein schwarzes, politisch reges, kulturell interessiertes Chicago. Nur wenn im Autoradio Rap läuft, wechselt Barack lieber den Sender.

Das widerspricht dem Image als vage HipHop-affiner Präsident, das sich Obama aufgebaut hat. Während des Wahlkampfs 2008 bekannte er, Fan von Jay-Z zu sein; später mischte er sich in einen der Skandale um Kanye West ein und nannte ihn "Jackass". Wenn er sonst Musik hört, ist er eher old school: "Ich höre Marvin, Stevie, Earth, Wind & Fire". Immer wieder tritt er in der Öffentlichkeit als Musikfan auf. Vor wenigen Wochen veröffentlichte Obama zwei Sommer-Playlists - "Day" und "Night", die erste mit Fokus auf Blues-Pop und Rock, die zweite mit R&B-Kuschelhits.

Natürlich glaubt niemand, dass Obama selbst sein iTunes durchforstet. Trotzdem fällt es natürlich schwer, in der Begeisterung, mit der die Playlists auf Popkultur-Seiten verbreitet wurden, etwas anderes zu sehen als die Popsnob-Version der unsäglichen Meinungsforscher-Frage, mit welchem Kandidaten die Wähler am liebsten ein Bier trinken wollen. Am Ende schrieben Popkulturseiten halb ironisch und halb bezaubert über den Musikgeschmack von Obama, der sehr "cool dad" sei.

Trotz rechter Hysterie verabschieden sich also große Teile der USA mit Wehmut von den Obamas. Auch wenn seine Amtszeit in vielerlei Hinsicht eine politische Enttäuschung war, gilt das Ehepaar in der Öffentlichkeit immer noch als bewundernswert integer. Zwei andere Filme, die sich jeweils zum Ende einer Präsidentschaft mit der jüngsten Geschichte befassten, zeigen diesen Unterschied auf: Während die kaum versteckte Clinton-Erzählung "Primary Colors" und Oliver Stones missglücktes Biopic "W." recht bittere Satiren waren, ist "Southside With You" ein versöhnlicher Liebesfilm.

Eine normale schwarze Familie der oberen Mittelschicht

Politik kommt nur im Hintergrund vor. Barack bringt Michelle in das Viertel, in dem er vor dem Studium in Harvard als "community organizer" gearbeitet hat. Hier wird Barack bewundert und als heimgekehrter Sohn gefeiert - und natürlich halten die "church ladies" sofort Michelle für seine Freundin.

Bei einem Nachbarschaftstreffen ist es an Barack, die gesunkene Moral zu heben. In einem großen Monolog formuliert er sein politisches Ethos, spricht von Hoffnung, Veränderung und Optimismus, bis sein Publikum wieder mit Zuversicht ins Morgen sieht und daran glaubt, dass es doch etwas erreichen kann. Der Film präsentiert diesen Moment eben gerade nicht als den Zeitpunkt, in dem Michelle sich in Barack verliebt, weil sie seine wahre Größe erkennt.

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Barack Obama: "Mein Bruder, ein bester Freund für immer"

Diese Tradition des "community organizing", eigentlich als politische Graswurzelbewegung absolut konform mit amerikanischen Idealen der lokalen und individuellen Verantwortung, wird von Feinden der Demokraten immer wieder als Beweis für eine versteckte sozialistische Agenda angeführt. Sie hat starke Wurzeln in Chicago, weil Saul Alinsky dort in den Dreißigern und Vierzigern den Anwohnern geholfen hat, ihre Belange in lokalen regionalen Verwaltungen durchzusetzen. Obama kommt aus dieser Tradition, Hillary Clinton ebenfalls.

In den weniger rationalen Flügen der politischen Rechten - die natürlich inzwischen längst den Kern stellt - tauchte der Begriff "Alinskyite", analog zum "Trotzkisten", in den letzten Jahren immer wieder als Kampfbegriff auf. Im angeheizten Obama-feindlichen Klima des konservativen Kulturkampfes ist so eine Szene also auch eine kleine Provokation.

Natürlich war für viele weiße Rassisten schon die Präsenz der schwarzen Obamas eine Provokation. Gleichzeitig hat das Präsidentenpaar ikonische Bilder geschaffen. Dabei hat es immer darauf geachtet, sich als normale schwarze Familie der oberen Mittelschicht - Akademiker-Haushalt, zwei Kinder, ein putziger Hund - zu präsentieren. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Essence", die vor allem eine weibliche und schwarze Leserschaft hat, zeigen sich die beiden in vermeintlich privaten Momenten, wie JFK und Jackie O.

Das eigene Bild in den Geschichtsbüchern kann auch Barack Obama nur bedingt gestalten. Sein Pop-Image aber schon. Die Grenzen zwischen beiden verwischen ohnehin. Die sanfte Überzeichnung, mit der "Southside With You" den Eiscreme-Laden, vor dem sich Michelle und Barack das erste Mal küssen, ins Licht rückt, fügt sich in diese Inszenierung. Am Ende ist der Film so auch nur eine weitere "origin story" eines Superhelden: Barack Begins.

Im Video: Der Trailer zu "My first Lady"

"My first Lady"

    USA 2015

    Originaltitel: Southside With You

    Regie: Richard Tanne

    Drehbuch: Richard Tanne

    Darsteller: Tika Sumpter, Parker Sawyers, Vanessa Bell Calloway, Phillip Edward Van Lear, Tom McElroy, Deborah Geffner

    Verleih: Capelight Pictures

    Länge: 81 Minuten

    FSK: ab 6 freigegeben

    Start: 15. September 2016

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