Nach Cannes-Gewinn US-Verleiher reißen sich um Michael Moore

Erst umstritten, jetzt umworben: Nachdem die Bush-kritische Dokumentation "Fahrenheit 9/11" in Cannes die Goldene Palme gewann, rangeln die US-Verleiher um die Rechte an Michael Moores Skandalfilm.


 Cannes-Gewinner Moore: Geld verdienen mit Bush-Kritik
AP

Cannes-Gewinner Moore: Geld verdienen mit Bush-Kritik

Michael Moores Sieg beim Filmfestival in Cannes hat Folgen - für Studio und Filmemacher äußerst erfreuliche. Denn die US-Filmverleiher reißen sich darum, seinen Anti-Bush-Film "Fahrenheit 9/11" in die amerikanischen Kinos zu bringen. US-Medienberichten zufolge rechnet die Branche mit mehr als 100 Millionen Dollar Einspielergebnis.

Moore hat für seinen Film, der sich äußerst kritisch mit US-Präsident George W. Bush und dessen Regierung auseinandersetzt, einen symbolträchtigen Kinostart vorgesehen. Premiere soll am Wochenende vor dem 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, sein. Bevor ein Verleiher den Zuschlag bekommt, stehen allerdings noch Verhandlungen zwischen dem Disney-Konzern und den beiden Chefs der Produktionsfirma Miramax, Harvey und Bob Weinstein, an. Die beiden Filmmogule wollen die Rechte als Privatpersonen erwerben, nachdem Disney-Vorstandschef Michael Eisner den Vertrieb durch die zum Konzern gehörende Tochterfirma Miramax untersagte.

Die Verhandlungen darüber stehen nach Angaben aus Branchenkreisen kurz vor dem Abschluss. Im Gespräch sei eine Summe von rund sechs Millionen Dollar (fünf Millionen Euro). Nach Angaben der "New York Post" haben große Filmverleiher wie NBC Universal's Focus Features und Paramount den Weinstein-Brüdern bereits Angebote für die Verleihrechte von "Fahrenheit 9/11" gemacht. Auch kleinere Firmen seien im Rennen, darunter das Unternehmen New Market, das Mel Gibsons umstrittenen Jesus-Film "Die Passion Christi" mit großem Gewinn vermarktete.

 Festival-Chef Tarantino: "Der beste Film, den wir zu sehen bekamen"
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Die Auszeichnung von Moores Dokumentation mit Europas wichtigstem Filmpreis hat nicht nur die Branche in Aufruhr versetzt, sondern unter Kritikern und Publikum zu Kontroversen geführt. Gerüchten, Moore habe die Goldene Plame nur erhalten, weil er sich gegen Bushs Politik stelle, widersprach Jury-Mitglied Quentin Tarantino ("Pulp Fiction"). "Ich wusste, dass dieser ganze Politik-Mist kommen würde", erklärte der amerikanische Regisseur bei der Preisverleihung. Politik habe aber nichts mit der Entscheidung der Jury zu tun. "Wir fanden, dass es der beste Film war, den wir dieses Jahr zu sehen bekamen."

Erstmals in der Geschichte des Cannes-Festivals äußerten sich Juroren zu ihrer Entscheidung. US-Darstellerin Kathleen Turner ("Rosenkrieg") bekannte einem BBC-Bericht zufolge, "Fahrenheit 9/11" sei "mehr als nur ein Dokumentarfilm". Tilda Swinton, britische Charaktermimin ("The Beach") dementierte, sie und Chef-Juror Tarantino hätten sich überworfen: "Quentin Tarantino hat ein enormes Mundwerk, aber auch zwei große Ohren."



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