Zum Tod von Burt Reynolds Der Unterschätzte

Burt Reynolds war Footballspieler, Westernheld und Sexsymbol. Er lockte Massen ins Kino, doch wurde er von Kritikern lange belächelt. Im Alter von 82 Jahren ist der Hollywoodstar nun gestorben.

imago/ ZUMA Press

Von


In "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten" gibt es eine Episode, in der die Ejakulation aus Sicht einer Schaltzentrale geschildert wird. Während sich Woody Allen als Spermium mit Hornbrille unten in den Hoden vor dem Orgasmus fürchtet, arbeitet oben im Gehirn die "Mission Control" fieberhaft am erfolgreichen Abschluss. Ein schnauzbärtiger Offizier ist für die Hydraulik zuständig und meldet den Grad der Erektion ("45 Grad, Feuer frei!") und der Erregung ("Zurückhaltung nicht länger möglich! Fertig zum Abschuss!").

Das ist Burt Reynolds. Es ist beinahe auch schon der ganze Burt Reynolds in seiner ganzen Komik und Sexualität. Aber eben nur beinahe.

Vom Footballfeld zur Schauspielerei

Als junger Mann hatte Reynolds in den frühen Fünfzigerjahren eine Laufbahn im Football angestrebt. Er stand kurz vor einer Profikarriere, als Verletzungen und ein Autounfall den Plan zunichte machten. Über ein Stipendium wechselte er vom Leistungssport ins Schauspielfach, wie vor ihm nur Johnny Weissmüller und nach ihm O. J. Simpson oder Arnold Schwarzenegger, denen er als Vorbild diente.

Fotostrecke

18  Bilder
Burt Reynolds: Kämpfer, Playboy, Hollywood-Haudegen

Vor allem ab den Sechzigerjahren wurde Reynolds für Gangsterfilme und Western gebucht. Manche der Filme waren so schlecht, dass sie "nicht im Flugzeug" gezeigt wurden, wie er später scherzte: "Die Leute wären sonst rausgesprungen".

Dem jungen Brando sah er allerdings so ähnlich, dass er ihn für eine Folge von "Twilight Zone" parodierte. 1970 war er sogar als James Bond im Gespräch. Eine Rolle, die er sich, geplagt von Selbstzweifeln, damals schlicht nicht zutraute. An seiner Stelle ging damals George Lazenby unter.

Sexsymbol der Siebzigerjahre

Reynolds eigentlicher Durchbruch bei Kritik und Publikum war "Deliverance" ("Beim Sterben ist jeder der Erste") von 1972, an der Seite von Jon Voight und Ned Beatty. Vier Freunde gehen auf Kanutour in die Wildnis der Appalachen, wo sie ins Fadenkreuz psychopathischer Hinterwäldler geraten und mit Pfeil und Bogen ums Überleben kämpfen müssen.

Der Film nimmt in Härte und Tiefe "Apocalypse Now" ebenso vorweg wie "Rambo" und gilt heute als Kultfilm. Reynolds bekam die Rolle des virilen Bogenschützen, nachdem Donald Sutherland und Charlton Heston sie dankend abgelehnt hatten. Im gleichen Jahr ließ er sich, als erstes männliches Centerfold überhaupt, für die Zeitschrift "Cosmopolitan" nackt und behaart und grinsend auf einem Bärenfell ablichten, ein Zigarillo zwischen den Zähnen.

Es war ein ikonisches Foto, das ihn zum Sexsymbol der Siebzigerjahre machte. Er verkörperte kein Protzen, aber doch ein selbstironisches Kokettieren mit Potenz, wie es heute vollkommen undenkbar ist. Im Grunde blieb Woody Allen damals gar keine andere Wahl, als diesen Mann für eine Rolle als Testosteron im Hypothalamus zu besetzen.

In den folgenden Jahren suchte sich Reynolds seine Rollen oft danach aus, wer die weibliche Hauptrolle spielen sollte, darunter auch Größen wie Liza Minnelli ("Lucky Lady") oder Catherine Deneuve ("Straßen der Nacht"). Mel Brooks war es, der sein komisches Talent erkannte, ihn zur Komödie brachte - und damit den Weg zu seinen größten Erfolgen ebnete.

Ab "Smokey and Bandit" ("Ein ausgekochtes Schlitzohr", 1977) drehte Reynolds einen Hit nach dem nächsten sowie Fortsetzungen dieser Hits, wobei die "Cannonball"-Filme ("Auf dem Highway ist die Hölle los") sich in Deutschland noch heute größter Beliebtheit erfreuen - vergleichbar mit den filmischen Meisterleistungen von Bud Spencer und Terence Hill.

Anders als die beiden vollkommen asexuellen Italiener aber spielte Reynolds in diesen "Cars and Stars"-Komödien nicht nur an der Seite von prominenten Darstellerinnen. Er traf sie häufig auch privat. Mit Sally Fields war er mehrere Jahre liiert. "Ich hab's versaut", sollte er Jahrzehnte später sagen, "wie ich auch alles andere versaut habe. Ich hätte bei ihr bleiben sollen".

Reynolds und Fields 1978 in New York
DPA

Reynolds und Fields 1978 in New York

Auch wird man aus jener Zeit schwerlich Filme finden, in denen der Mittlere Westen auf so unbeschwerte und einnehmende Weise gezeichnet ist. Mit Reynolds als sympathischem Redneck, der dem korrupten Bullen den Mittelfinger zeigt - und damit durchkommt. Tatsächlich kannte er aus seiner Zeit als Footballspieler beide Welten, das ländliche Amerika und das turbokapitalistische Hollywood, und war sich dessen bewusst.

Die Mutter aller Scheidungsschlachten

In den Achtzigerjahren sank sein Stern. Eine Rolle in "Pretty Woman" hatte er ausgeschlagen, frischere Stars ersetzten ihn im Fach des augenzwinkernden Frauenhelden. Mit Loni Anderson lieferte er sich die Mutter aller Scheidungsschlachten ("Heiraten ist für einen Mann die teuerste Art, seine Wäsche gewaschen zu bekommen"). Sein Hang zu selbst ausgeführten Stunts brachte ihm gebrochene Kieferknochen und eine Abhängigkeit von Schmerzmitteln ein. In den Neunzigerjahren hielt er sich, bankrott, mit TV-Rollen über Wasser.

Anderson und Reynolds 1987 in Florida
Anne Ryan/South Florida Sun-Sentinel/AP

Anderson und Reynolds 1987 in Florida

Wieder war es ein Komiker, der ihn 1997 neu entdeckte: Rowan Atkinson. Im selben Jahr spielte er an der Seite von Mark Wahlberg und Julianne Moore einen gealterten, aber visionären Pornoproduzenten in "Boogie Nights" (Regie: Paul Thomas Anderson) - der erste Film, der ihm trotz seiner botoxbedingt eingeschränkten Mimik immerhin eine Oscar-Nominierung für die beste Nebenrolle einbrachte.

Sein letzter großer Auftritt blieb ihm verwehrt

In den letzten zwanzig Jahren hielt er es wie immer und nahm an, was ihm angeboten wurde - von krudem Quatsch bis zu Juwelen wie "The Last Movie Star", in dem er einen Filmstar spielte, dessen große Zeit längst hinter ihm liegt. Wenn er nicht arbeitete, verdiente er Geld mit seiner eigenen Schauspielschule zu Hause in Florida. In dem Bundesstaat ist er am Donnerstag im Alter von 82 Jahren einem Herzinfarkt erlegen.

2019 sollte er in Quentin Tarantinos neuem Film "Once Upon A Time In Hollywood", einem Drama über die Manson-Familie und ihre Morde, eine weitere große Rolle bekommen. Reynolds sollte Charles Spahn spielen, den Vermieter von Charles Manson. Gegenüber dem "Hollywood Reporter" sagte seine Nichte in einem Statement: "Mein Onkel freute sich auf die Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino." Leider sollte es nicht mehr dazu kommen.

Es wäre ein würdiger Abschluss seiner Karriere gewesen. Oder, wie er selbst sagte: "Wenn du nur lange genug bei einer Sache bleibst, kommt sie wieder in Mode. So wie ich."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Reynolds habe bereits mit Tarantino gedreht. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Taiga_Wutz 07.09.2018
1. Hidden Gems
Wenn man seinen Trash-Perlen schon huldigt, darf auf keinen Fall unterschlagen werden "Striptease" mit Demi Moore. Ein Film, der für Reynolds ungefähr das war, was "Pulp Fiction" für Travolta darstellte. Reynolds' Performance als moralisch verkommener Kongressabgeordneter darin ist einfach ein absoluter Kracher!
chronoc 07.09.2018
2. Mr. Selbstironie
Dieser Mann war so unwiderstehlich sympathisch in seiner Art, sich voller Freude selbst auf die Schippe zu nehmen. Er mag eitel gewesen sein, aber er hat sich (zumindest in seinen Rollen) meist nicht so richtig ernst genommen. Ich lache fast Tränen, wenn ich auch nur an die unfassbar lustige Szene in "Silent Movie" denke, in der er sich erst lüstern im Spiegel bewundert und dann von fremden Händen liebevoll eingeseift wird. Für mich ist diese kurze Szene eine Beschreibung seines Lebensgefühles. Eitel, aber der Ruhm und sein Sexappeal waren ihm stets etwas unheimlich. Er war nie komplett von sich selbst überzeugt. Machs gut, Burt.
upalatus 07.09.2018
3.
Wohl wahr. Wenn ich zusätzlich an die seinerzeit präsente französische Filmkultur zurückdenke, deren wunderbare Repräsentanten und Produktionen, könnte man glatt in so etwas wie Wehmut verfallen. Und in so was wie Mitleid/Trauer für die gegenwärtigen computer-aided/dominated-design-Kulturen der beiläufig-cleanen Beliebigkeiten. Einer wie Reynolds hatte gewissermaßen Farbe, Geschmack. Dazu eine 'Stofflichkeit', wie sie heute nicht aufkommen mag, weil hauptsächlich und in Masse Plastiktütenfeeling verkauft wird.
eswirdbesser 07.09.2018
4. Die Zeit vergeht. .
Wieder ein Schauspieler verstorben mit dessen Filmen ich aufwuchs, von der TV Krimiserie Dan Oakland bis hin zu seinem Auftritt in einer Akte X Folge. Nach Bud Spencer , Goetz George jetzt er...:/
noalk 07.09.2018
5. Sehr schade, ...
... dass er die Rolle als James Bond abgelehnt hat. Mit seiner Selbstironie wäre er Connerys idealer Nachfolger gewesen. Schade auch, dass er Ryan Reynolds geniale Foto-Hommage nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Auf jeden Fall hätte er es verdient gehabt, 1972 zum Sexiest Man Alive gekürt zu werden. RIP!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.