Zum Tode Peter O'Tooles Peter Pan im Wüstensand 

Er war "Lawrence von Arabien", "Lord Jim" und "Der Löwe im Winter": Eine letzte Begegnung mit dem genialen und charmanten irischen Schauspieler Peter O'Toole, der mit Hollywood auf Kriegsfuß stand. Jetzt ist der Charakterkopf im Alter von 81 Jahren gestorben.

Von Marc Hairapetian


War Peter O'Toole der uneheliche Sohn von Orson Welles? Das mutmaßte im Jahr 1996 der renommierte britische Filmkritiker David Thomson in seinem Buch "Rosebud - The Story of Orson Welles". Charakterdarsteller O'Toole wurde am 2. August 1932 im irischen Connemara als Sohn eines Buchmachers und einer Krankenschwester geboren. In der gleichen Region lebte der damals 17-jährige US-Amerikaner Welles. Beide gelten in der Film- und Theater-Welt als Giganten - auch wenn sie von der Physiognomie und vom Spielstil betrachtet, kaum unterschiedlicher sein könnten.

O'Toole, der schlaksige Beau mit den wasserblauen Augen und den so natürlich wirkenden gefärbten blonden Haaren, der auf die Verkörperung von gebrochenen Helden abonniert schien, weigerte sich 2003 den Oscar für sein Lebenswerk von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences anzunehmen. Er schrieb der "feinen Gesellschaft" einen Brief, in dem er mitteilte, dass er noch "im Spiel sei" und gern mehr Zeit hätte, um den "hübschen Kerl" zu gewinnen. Die Academy entgegnete, dass sie ihm den Oscar für sein Lebenswerk verleihen würde, ob es ihm nun passe oder nicht.

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Peter O'Toole: Der Andere, der Feine
Als er in der Talkshow von Charlie Rose weiter darauf beharrte, den Ehren-Oscar nicht entgegennehmen zu wollen, versuchten ihn schließlich seine Kinder vom Gegenteil zu überzeugen. So entschied sich O'Toole doch noch, zur Verleihung zu erscheinen. Was machte die Faszination des Peter Pans unter den Schauspielern aus?

Schöner als er ist kein Weißer durch die Wüste geritten. Kühner hat niemand mit seinen arabischen Brüdern Attacken gegen die türkischen Besatzer geführt. Verzweifelter hat kein Mime beim Verlust seiner treuen Bediensteten in den wolkenlosen Himmel geschaut. Die Rede ist von T.E. Lawrence, der O'Toole zu seinem Durchbruch zum Weltstar in David Leans Meisterwerk "Lawrence von Arabien" (1962) verhalf.

Der leidende Zug um seinen Mund

Das Anderssein ist wohl kaum eindrucksvoller verkörpert worden als von O'Toole, der sich höchstens nur noch selbst übertreffen konnte - wie in der Rolle des "Lord Jim". Außergewöhnlich war alles, was der mit 23 Jahren jüngste "Hamlet" des renommierten Bristoler Old Vic Theatre später auf der Leinwand tat.

Der leidende Zug um seinen Mund ist zu seinem Markenzeichen geworden, ob in "Lawrence von Arabien", "Lord Jim" oder als Wehrmachtsgeneral in Anatole Litvaks "Die Nacht der Generäle" (1967). In allen drei Filmen wurde er auf Deutsch von Sebastian Fischer synchronisiert, dem er nie persönlich begegnete.

O'Toole beherrschte nicht nur das ernste Fach, sondern auch die Komödie, wie an der Seite von Audrey Hepburn in "Wie klaut man eine Million?" (1966) oder umgeben von mehreren internationalen Schönheiten in "Was gibt's Neues, Pussy?" (1965). In diesem Film demonstriert er als nymphomaner Modejournalist, dass auch ein männlicher Striptease sexy sein kann.

Ab den siebziger Jahren wurde seine Rollenauswahl noch exzentrischer. Paradebeispiele sind sein geisteskranker, zutiefst religiöser Aristokrat Jack Gurney in "The Ruling Class" oder der gegen die Windmühlen des Lebens kämpfenden Miguel de Cervantes/Don Quijote im Musical "Der Mann von La Mancha" (1972). Kurz vor seinem 80. Geburtstag gab Peter O'Toole bekannt, er gebe die Schauspielerei auf.

"Ich gehöre ja zum Götterclan"

Peter Seamus O'Toole, der ehemalige Journalist der "Yorkshire Evening News", spielte für seine Klientel und war dennoch äußerst öffentlichkeitsscheu und gab kaum Interviews. Dem Autor dieser Zeilen wurde diese Ehre im März dieses Jahres zuteil. In seinem bestens gesicherten Haus im Londoner Stadtteil Hampstead empfing er nur selten Gäste. Alkohol bot der vorbildlich gealterte Gentleman nicht an. Seitdem er Mitte der siebziger Jahre bei einer Leberoperation fast ums Leben gekommen wäre, verzichtete er ganz darauf.

Mit einem gehörigen Schuss Ironie gab er zu, es zu genießen, ein Star zu sein. "Ich gehöre ja zum Götter-Clan, also zum Verein der Schauspieler, Nachrichtensprecher, Rennpferde und Regisseure. Wir werden alle angebetet, und das bedeutet auch, dass alles, was wir tun, wahnsinnig wichtig ist."

Den Weltschmerz im Whiskey ertränken

Früher sah sich O'Toole als "zornigen jungen Mann", ganz in der Tradition von John Osbornes Rebellendrama "Blick zurück im Zorn" (1956): "Mein Kumpel Richard Burton und ich waren bereit, alles zu verändern und an den Grundfesten des Theaters zu rütteln. Wir waren aber auch melancholisch und alles andere als pflegeleicht, ertränkten unseren Weltschmerz im Whiskey."

O'Toole hegte eine leidenschaftliche Abneigung gegen Hollywood. Er hatte dort kaum Filme gedreht, obwohl ihn in Kalifornien jeder kannte: "Was ich an der Traumfabrik nicht mag, ist die Inkompetenz. Außerdem stelle ich mir ein anderes Leben vor als das in einer Filmkolonie."

Und warum hatte er nicht schon den Oscar für "Lawrence von Arabien" erhalten? "Die Academy-Mitglieder geben zwar gerne Frauen für ihre erste richtige Rolle einen Oscar, aber nicht Männern."

Und war Orson Welles nun eigentlich sein Vater? "Blödsinn!", winkte O'Toole ab. "Wer ist der beste lebende Schauspieler?", frage ich, ohne mir einer eventuellen Provokation bewusst zu sein. "Marlon Brando, John Gielgud und Oskar Werner - bis zu ihrem Tod. Lebendige fallen mir gerade nicht ein." Angst vor dem Sterben kannte der Filmheld nicht, der aber zumindest einräumte: "Ich bin aber auch nicht scharf drauf. Als Grabinschrift wünsche ich mir: ,Es wird schon reichen'. Ich habe diesen Spruch auf dem Etikett einer chemischen Reinigung entdeckt, zu der ich meine Jacke brachte. Ich habe mich halb totgelacht!"

Nun wird Peter der Größte, der am 14. Dezember 2013 im Alter von 81 Jahren in einem Londoner Krankenhaus nach langer Krankheit verstarb, einen regulären Oscar, für den er lange Zeit wie ein "Löwe im Winter" und zu jeder Jahreszeit kämpfte, nicht mehr erringen. Zur ewigen Schande von Hollywood.



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keinuntertan 16.12.2013
1. "Akabaaaa....!!!"
Zitat von sysopddp imagesEr war "Lawrence von Arabien", "Lord Jim" und "Der Löwe im Winter": Eine letzte Begegnung mit dem genialen und charmanten irischen Schauspieler Peter O'Toole, der mit Hollywood auf Kriegsfuß stand. Jetzt ist der Charakterkopf im Alter von 81 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/nachruf-auf-den-schauspieler-peter-o-toole-a-939267.html
"Lawrence of Arabia" ist für mich einer der schönsten Filme, die je gedreht wurden. Die Szenen im Wadi Rum waren sensationell. Die Schauspieler genial.
bochumschalke 16.12.2013
2. Lawrence
Das die echte, historische Figur ein Killer war, auch ohne Kriegshandlung mehr als 10 Männer umbrachte, sollte ruhig einmal entgegen britischen und deutschen Glorifizierungsversuchen, erwähnt werden!
chirug 16.12.2013
3. Götterclan
Jetzt ist O'Toole wirklich ein Teil des Götterclans. "Truly (...), for some men nothing is written!" RIP
jimdandy 16.12.2013
4. Der letzte der glorreichen Hellraiser
hat die Bühne verlassen, um sich zu seinen drei Zechbrüdern zu gesellen, und ich frage mich, ob die Engel wohl genügend booze für dieses famose Saufquartett in Trinknähe haben, ansonsten in der Tat die Hölle los wäre ... Klasse, Stil, Lässigkeit, Eleganz, Charme, Esprit, Coolness, die ganze Palette von debonair über eloquent zu suave: all das verkörperte dieser irische Kumpan mit einer nonchalanten Leichtigkeit, die so ziemlich einzigartig bleiben wird ... Alas, they just don't come out like this anymore ... R.I.P.!? Rest my eye! Carry on, Peter, Oliver, Richard & Richard, continue to raise hell ...!
Critik 16.12.2013
5. Connemara
Zitat von sysopddp imagesEr war "Lawrence von Arabien", "Lord Jim" und "Der Löwe im Winter": Eine letzte Begegnung mit dem genialen und charmanten irischen Schauspieler Peter O'Toole, der mit Hollywood auf Kriegsfuß stand. Jetzt ist der Charakterkopf im Alter von 81 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/nachruf-auf-den-schauspieler-peter-o-toole-a-939267.html
Ganz richtig ist diese Formulierung nicht; Connemara ist eine raue und hüglige Region im Westen Irlands mit mehreren Dörfern und Ortschaften. Es ist also nicht klar, ob Welles im gleichen Ort lebte, aber er war wohl in der Region.
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