Nachruf auf Maximilian Schell Der schöne Rebell

Nur wenige deutschsprachige Schauspieler waren in Hollywood so erfolgreich wie Maximilian Schell. Er war beneidenswert souverän, gut aussehend, aber auch anstrengend exzentrisch. Jetzt ist der Lebenskünstler aus Österreich im Alter von 83 Jahren gestorben.

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Man kann es für die Tragik dieses mit vielen Talenten geschlagenen Mannes halten: Für sein unverschämt gutes Aussehen und für seine Liebe zu anmutigen Frauen war Maximilian Schell fast zu allen Zeiten seines Lebens noch berühmter als für seine Kunst. Vielleicht war diese sinnliche Strahlkraft aber auch sein größter Trumpf.

Tatsächlich gab sich der Schauspieler und Filmemacher, Stückeschreiber und leidenschaftliche Fußballfan, der jetzt im Alter von 83 Jahren gestorben ist, oft den Anschein eines Mannes, der dem Ruf des sonnigen, allzu reich beschenkten Götterlieblings entfliehen wollte. Deshalb berief er sich gern auf seinen Schauspielerkumpel Richard Burton, der ihm angeblich früh gesagt hatte, wer als Schauspieler gut werden wolle, müsse sich schinden wie ein Sportler, der um sein Leben läuft. "Wir müssen immer so spielen, als wäre es das letzte Mal", behauptete Schell. "Nur dann sind wir Spitze."

Was natürlich Quatsch ist. Schell, der 1930 in Wien in eine Schriftsteller- und Theaterfamilie geboren wurde, hat 1962 einen Oscar gewonnen. Er spielte in "Das Urteil von Nürnberg" einen Verteidiger von Naziverbrechern, der fast ohne moralische Hemmungen ist. Und wer sich diesen Film heute ansieht, sieht im markanten Gesicht dieses Mannes eine inzwischen sehr aus der Mode gekommene, fast expressionistische Ausdruckswut. Der Darsteller Schell wurde weitere fünf Male für einen Oscar nominiert, er hat eine respektgebietende Anzahl von Preisen gewonnen, er hat als einer der wenigen deutschsprachigen Schauspieler eine Hollywoodkarriere hingelegt und mit Vanessa Redgrave, Montgomery Clift, Marlon Brando, Dean Martin und vielen anderen Berühmtheiten gespielt. Aber selbst einen Star darstellen wollte er nicht.

Spaziergänger im Künstleruniversum

Er hat das Einzelgängerische, Zerrissene, das Hadern mit sich und der Welt oft ein bisschen selbstverliebt kultiviert. Er beteuerte in späten Jahren, dass er sich nie für einen guten Schauspieler gehalten habe. Am effektvollsten war seine Selbstzerknirschungsbegeisterung auf der Theaterbühne, wo er in einer legendären Hamburger Inszenierung 1963 den Hamlet unter der Regie von Gustaf Gründgens spielte. Den "Jedermann" litt er von 1978 bis 1982 so brillant auf den Brettern vor dem Salzburger Dom, dass ihm die Salzburger Festspiele an seinem Todestag in einer Huldigung nachrühmen, er sei "ein Weltstar, ein Weltbürger, ein Intellektueller, ein Philanthrop" gewesen, vor allem aber "einer der ganz Großen auf den Bühnen der Welt".

Er war wohl eher ein Spaziergänger in den Kulissen des großen weiten Künstleruniversums. Ein beneidenswert souveräner und manchmal auch nervtötend egozentrischer Flaneur. Schon als Elfjähriger stand Maximilian Schell 1941 im Zürcher Schauspielhaus auf der Bühne. Nach Zürich war die Familie geflüchtet, als die Österreicher 1938 jubelnd Hitler empfingen. Schell wuchs mit drei gleichfalls künstlerisch ambitionierten Geschwistern auf (von denen die Schauspielerin Maria die bekannteste wurde), er war ein begabter Klavierspieler und machte als 17-Jähriger in Zürich Abitur, nebenbei spielte er für den Fußballverein Grasshoppers Zürich. Nach dem Militärdienst studierte er unter anderem in München ein paar Semester Philosophie, Literatur, Musik und Kunst, bevor er sich in Bern zum Schauspieler ausbilden ließ. Mit 22 wurde er ans Theater Basel engagiert, mit 25 drehte er seinen ersten Film, mit 27 debütierte er in Hollywood in dem Werk "The Young Lions" (das auf Deutsch echt "Die jungen Löwen" hieß) und war der andere blendend aussehende Kerl neben Montgomery Clift.

Schell lebte fortan ein Vagabundenleben zwischen Los Angeles, Großbritannien und Deutschland, wo er in den Münchner Kammerspielen und bei Gründgens in Hamburg spielte. Er versuchte sich als Übersetzer unter anderem von John Osborne, er führte selbst Theaterregie und drehte 1970 seinen ersten Film als Regisseur. Er verfilmte Iwan Turgenjews Novelle "Erste Liebe" und bekam dafür viel Lob von einigen Kritikern, die sogar Einflüsse von Stanley Kubrick und Michelangelo Antonioni erkennen wollten. Er setze darauf, "die Stille im Film zu zeigen", hat Schell damals behauptet, und dafür ließ er seine Darsteller tatsächlich die ersten 20 Minuten des Films kein einziges Wort sagen. Vermutlich ist sein schönster eigener Film die 1984 veröffentlichte Dokumentation "Marlene", in der man die Freundschaft zwischen Marlene Dietrich und Maximilian Schell als Duell zweier beinahe ebenbürtiger Diven bestaunen kann. Schonungslos gegen sich und andere ist auch seine anrührende Huldigung an die demenzkranke Schauspielerschwester in "Meine Schwester Maria" aus dem Jahr 2002.

Von den Menschen geliebt und öfter dumm angeredet wurde Maximilian Schell in seiner Lebensrolle als Liebhaber schöner Frauen. Er war ein paar Jahre lang der Mann an der Seite der ehemaligen Schah-Gattin Soraya. Er heiratete Mitte der Achtziger eine hübsche russische Schauspielerin namens Natalja Andreitschenko, die ihm eine Tochter gebar und sich 2002 von ihm trennte. Er zelebrierte seine letzte große Liebe zu der Opernsängerin Iva Mihanovic, die er 2013 ebenfalls heiratete. Dass Maximilian Schell Taufpate von Angelina Jolie war, dank seiner Freundschaft mit Jolies Schauspielervater Jon Voight, passte natürlich gut ins Bild.

Er veredelte mittelmäßige Fernsehfilme und öde Talkshows, indem er mit seiner wunderschönen Stimme gurrte, er gab ein paar legendär zickige Interviews und ließ auf vielen wichtigen und unwichtigen roten Teppichen seinen Schal und seine Schauspielermähne flattern. Ein Mann von weltmännischer Eleganz, so pflegte er seinen Künstlerstolz und die Erinnerung an viele kluge, tolle Freunde. Ab und zu schrieb er auch, Theaterstücke und sogar einen Roman. Den nannte er "Der Rebell".

Ob das Aufbegehren, das dieser Mann zeitlebens so expressiv demonstrierte, wirklich bis ins Letzte ernst zu nehmen war oder nicht, ist möglicherweise gar nicht so wichtig. Sicher ist: Selten sah ein Rebell so verdammt gut aus wie Maximilian Schell.

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