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"Napoleon Dynamite": Feldherr der Freaks

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Träumer, Eckensteher, Außenseiter: Hier kommt euer Film! Jared Hess' Highschool-Tragikomödie "Napoleon Dynamite" präsentiert einen wunderbaren Helden, der die hässliche Wirklichkeit mit schönster Schrulligkeit bekämpft.

Sie gehören zum Inventar jedes amerikanischen High School Films: Der dicke, unsportliche Junge, das schüchterne Mädchen mit der Kassenbrille, blasse Heavy Metal Fans, verhaltensauffällige Klassenclowns und verklemmte Computerfrickler. Kurz, die Freaks und Geeks am unteren Ende der sozialen Hackordnung. Zumeist sind die Außenseiter lediglich schmückendes Beiwerk der pubertären Dramen und Romanzen, außer sie stehen im Mittelpunkt einer der im Genre so beliebten Aschenputtelgeschichten und verwandeln sich vom Eckensteher-Entlein in einen Schulhof-Schwan.

Eben das wird Napoleon Dynamite (Jon Heder) nie passieren, was den Titelhelden der zielsicher an allen Erwartungen vorbei gedrehten Komödie von Jared Hess so einzigartig macht. Denn der rotblonde Einzelgänger ist ein Nerd, der selbst angesichts heftigster Widerstände starrsinnig an seiner Weltsicht festhält.

Der amerikanische Tagtraum

Und Napoleon hat im Provinzflecken Preston, Idaho jede Menge Probleme. Da wäre sein Bruder Kip (Aaron Ruell), der mit 32 Jahren noch zu Hause wohnt und den ganzen Tag nach der großen Liebe im Internet sucht. Oder die missgünstigen Mitschüler, welche sich partout nicht von Napoleons frei erfundenen Urlaubsabenteuern inklusive Bärenangriff beeindrucken lassen.

Als Oma Dynamite wegen eines Unfalls beim Motocross ins Krankenhaus muss, übernimmt zu allem Überfluss Napoleons chronisch erfolgloser Onkel Rico (Jon Gries) die Haushaltsführung. Macho Rico nervt nicht nur mit alten Footballanekdoten, sondern versucht sich als selbstständiger Vertreter von Tupperware und Brustimplantaten, die er mit öligem Charme den Hausfrauen der Umgebung aufdrängt.

Eigentlich Grund genug zu verzweifeln, aber Napoleon bleibt standhaft. Schließlich findet er einen Freund und zugleich seine Mission in Gestalt des neuen Mitschülers Pedro Sanchez (Efren Ramirez). Der einsilbige Pedro hat schon einen Schnurrbart, was ihn in Napoleons Augen zum Amt des Schülerpräsidenten prädestiniert. Von der Hinterbank aus organisieren die beiden einen unkonventionellen Wahlkampf und treten gegen das populäre All-American-Girl Summer Wheatly an. Unterstützung finden sie bei Deb (Tina Majorino) die im örtlichen Fotoladen mit Hingabe die standardisierten Porträtaufnahmen umarrangiert.

Weck den Liger in Dir

Zu dritt bewältigen sie den tückenreichen Schulalltag, wobei die größte Herausforderung noch auf Napoleon wartet. Denn obwohl sein Selbstvertrauen unerschütterlich scheint, sehnt sich der passionierte wie talentfreie Kunstzeichner und Schöpfer des "Liger" – einer hingekritzelten Kreuzung aus Löwe und Tiger, selbstverständlich brandgefährlich –, nach einem Date. Aber bei seinem Werben um eine Klassenschönheit droht Napoleon die zaghaften Avancen seiner Seelenverwandten Deb zu übersehen.

Es ist unmöglich, all die absurden Momentaufnahmen in diesem eigentümlichen Provinzpanoptikum aufzuzählen. Ob nun Pedro und Napoleon ihre Wahlkampfkasse durch Fronarbeit auf einer Hühnerfarm aufbessern oder Stubenhocker Kip dank seiner Chatroom-Bekanntschaft, einer hochgewachsenen Afro-Amerikanerin, den Soulbrother in sich entdeckt – mit entwaffnender Selbstverständlichkeit führt Autor und Regisseur Jared Hess das Publikum in seinen kuriosen Kosmos ein, in dem die Figuren wie kleine schillernde Planeten vornehmlich um sich selbst kreisen.

Wenn sie dann doch unvermittelt aufeinanderprallen, schlägt die Kollision herrliche Funken, wie beim Paartanz zwischen Napoleon und Deb zu Cindy Laupers "Time After Time". Auch Alphavilles "Forever Young" gelangt zu ehrenvollem Einsatz, aber ansonsten vermeidet der Film allzu offensive Popreferenzen und beschränkt sich auf seine ureigene Americana-Fabel. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb war es der Musiksender MTV, der den Festivalgeheimtipp "Napoleon Dynamite" in den USA zum Phänomen hochpushte.

Dass der Film längst zum Pflichtprogramm des Teenagerkinos gehört und die Dynamite-Diktion mittlerweile Eingang in die Jugendsprache gefunden hat, ist allerdings vor allem Hauptdarsteller Jon Heder zu verdanken. Mit jeder Faser seines schlaksigen Körpers steht er für die Integrität dieser Figur, die trotz ihrer Kauzigkeit nie ihre Würde verliert. Ohnehin gibt es in der kleinen Welt von Napoleon kein Außen, von dem sich auf die Bewohner herabsehen ließe. Vielmehr wird der Betrachter zum Komplizen der zahlreichen Don Quichottes, die hier stoisch gegen die Windmühlen der alltäglichen Existenz ankämpfen und dank reinen Herzens letztlich gewinnen.

So ist es alles andere als lächerlich, wenn Napoleon irgendwann tatsächlich auf einem weißen Ross seiner Angebeteten entgegenreitet, genauso wie er es immer in seinem Skizzenblock ausgemalt hat. Denn er reitet für die Liebe zu sich selbst und seinen Freunden sowie für das unveräußerliche Recht des Tagträumers, neben der Spur das Glück zu suchen. Und darum ist er einer der wahrhaftesten Kinohelden der letzten Jahre. Stolz und stark wie ein Liger.

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