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"Narnia"-Spektakel im Kino: Kirchhof der Kuscheltiere

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Heldentum oder Opfertod - dazwischen gibt es nichts in Narnia. Im zweiten Teil der Fantasy-Verfilmung nach C. S. Lewis prügeln sich Menschen, Zwerge und Zentauren um die Macht im Märchenland. Leider ist das nicht nur langweilig, sondern muffelt auch noch nach religiöser Mission.

"Wenn ich noch ein einziges Narnia-Buch lesen muss, bringe ich mich um." So harsch urteilt Nomi Nickel, die heranwachsende Heldin aus Miriam Toews' wunderbarem Initiationsroman "Ein komplizierter Akt der Liebe", über den millionenfach verkauften Geschichtenzyklus von C. S. Lewis. Nomi Nickels Abneigung gegen "Die Chroniken von Narnia" ist dabei vor allem dem Umstand geschuldet, dass der streng religiöse Vorstand ihrer Provinzgemeinde keine andere Jugendliteratur zulässt.

Tatsächlich erfreut sich die Sage vom weisen Löwen Aslan, der gütig über die vielfältigen Kreaturen im phantastischen Narnia herrscht, seit den fünfziger Jahren vor allem in christlichen Haushalten besonders großer Beliebtheit. Und gerade konservative US-Protestanten, sonst gerne zur Verdammung von Fantasy-Schmökern wie "Harry Potter" bereit, schätzen den 1963 verstorbenen Oxford-Professor Lewis als bibeltreuen Erzähler.

Lukrative Fantasy-Franchises

Aber auch ohne höheren Segen gehören "Die Chroniken von Narnia" zu jenen weltweit bekannten Literaturmarken, aus denen sich jenseits des Bücherregals ganz irdisches Kapital schlagen lässt. Nachdem der Filmverleih Warner mit "Harry Potter" und "Herr der Ringe" über Jahre hinweg den Markt der lukrativen Fantasy-Franchises dominierte, zog Disney 2005 mit der ersten Narnia-Verfilmung nach. "Der König von Narnia" spielte denn auch fast 750 Millionen Dollar ein, weshalb das laute Kassenklingeln jede Kritik am kreuzbiederen Spektakel um die englischen Geschwister Pevensie und ihre erste Reise in Lewis' vollgestopften Themenpark übertönte.

Die jetzt folgende, unvermeidliche Fortsetzung kann sich immerhin eines enorm langen Titels rühmen: "Die Chroniken von Narnia: Prinz Kaspian von Narnia" klingt schon umständlich, und der Film von Regisseur Andrew Adamson kommt in seinen langen 144 Minuten auch nie richtig in Fahrt.

Dass die schulpflichtigen Helden Peter, Susan, Edmund und Lucy Pevensie nach einem Jahr zurück in der Realität, im London des Zweiten Weltkriegs, durch Zauberkraft erneut ins sagenhafte Narnia expediert werden, verdanken sie eben jenem Prinz Kaspian (Ben Barnes). Seit dem letzten Aufenthalt der Geschwister sind in Narnia über 1300 Jahre vergangen, und Kaspian ist der designierte Thronfolger der Telmarer, einer kriegerischen Nation irgendwo zwischen spanischen Konquistadoren und Piratenfolklore, die Narnia blutig erobert hat.

Kaspians intriganter Onkel Miraz beansprucht die Krone für sich und seine Nachkommen und trachtet dem Prinzen nach dem Leben, weshalb dieser in der Not mittels eines magischen Horns die alten Könige von Narnia – die Pevensie-Geschwister – herbeiruft.

Kaum angekommen, rekrutieren die jungen Kämpfer eine Armee aus den diversen versprengten Phantasievölkern. Dazu gehören Zwerge, Faune, Minotauren, Zentauren, ein sprechender Dachs und eine fechtende Maus sowie alles, was sich sonst noch im mythologischen Gemischtwarenladen von C. S. Lewis auftreiben lässt. Durch Abwesenheit glänzt hingegen Löwe Aslan, dem die junge Lucy nachspürt, während ihr ältester Bruder Peter sich mit Kaspian über die Befehlskette kabbelt.

Das große Sandkastenspiel vor der Naturkulisse Neuseelands zieht sich bis zum erwartbaren Ende, wobei fraglich bleibt, was denn nun mehr nervt: Das pompöse Schlachtgetöse oder die klebrige Putzigkeit der volldigitalen Kuscheltiersöldner, die minderjährige Zuschauer bei der Stange halten sollen. Wenn es um die Vermählung von Kitsch und Krieg geht, macht Narnia jedenfalls keine Gefangenen. Mit unreflektiertem Pathos werden die pubertierenden Feldherren dabei zu Heilsbringern stilisiert, für die sich jeder Waldwichtel bereitwillig niedermetzeln lässt.

In Narnia wird gehorcht, nie nachgefragt

Eine Alternative zu Heldentum oder Opfertod gibt es ohnehin nicht, denn in Narnia wird gehorcht und gedient, aber nie nachgefragt. Das entspricht ganz dem puritanischen Prinzip der Prädestination, also der Erfüllung eines vorbestimmten Schicksals. Das ist ideologisch fragwürdig, vor allem aber äußerst unspannend – denn so wie es prophezeit wird, kommt es dann am Schluss auch. "Der König von Narnia" hatte immerhin Tilda Swinton als aufgekratzte Weiße Hexe zu bieten, aber hier sind selbst die Schurken demütige Erfüllungsgehilfen des großen Plans.

Nun finden sich Erweckungs- und Erlösungsmotive in nahezu allen populären Werken des Fantasy-Genres, und auch willenloses Sagen-Sampling – in Narnia ist von der griechischen Mythologie über die Artus-Legende bis zur frühmodernen Gothic Novel alles zu finden – ist nichts Verwerfliches. Aber die konsequente Abwesenheit eines freien Willens in der Phantasiewelt macht das ebenso missionarische wie martialische Märchen besonders unangenehm.

Wer sich dafür letztlich begeistern soll oder kann, sei einmal dahingestellt. Aber wenigstens verdanken wir dem ersten Narnia-Film den großartigen "Lazy Sunday"-Rap, den die US-Komiker Chris Parnell und Andy Samberg für "Saturday Night Live" produzierten.

Auf dem Weg ins Kino besingen die beiden die Qualitäten der "Chronicles of Narnia", wenn es darum geht, einen faulen Sonntag über die Runden zu bringen. Im Refrain heißt es "We love that Chronic-what?-cles of Narnia! / Pass that Chronic-what?-cles of Narnia!", wobei die Tatsache, dass "Chronic" eine umgangssprachliche Bezeichnung für Marihuana ist, für zusätzliche Erheiterung sorgt. Nomi Nickel, die renitente Narnia-Verächterin, hätte jedenfalls ihre helle Freude daran.

Halluzinogene Drogen sind aber keine Lösung, auch nicht, um sich diesen penetrant nach Weihrauch muffelnden Film schön zu sehen. Darum muss auch diese Songzeile als bedenkliche Kifferphantasie verstanden werden: "Then quiet in the theatre or it's gonna get tragic/ We're about to be taken to a dream world of magic." Schön wär's.

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"Die Chroniken von Narnia": Menschen, Zwerge, Minotauren


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