Herausragendes Filmporträt Der Staat gegen Pablo Neruda

Kaum hat Pablo Larraín "Jackie" ins Kino gebracht, legt er das nächste Meisterwerk nach: Sein Biopic "Neruda" zeigt die politische Verfolgung des chilenischen Nationaldichters und sprüht dennoch vor Witz und Geist.

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"Viele Frauen glauben, er mache Liebe mit einer Rose zwischen den Zähnen und springe danach auf, um ein von ihnen inspiriertes Gedicht zu verfassen." Es ist eine merkwürdige Stimme, die aus dem Off Pablo Nerudas Auftritt auf seiner eigenen Kostümparty kommentiert. Sie will Herablassung ausdrücken, doch es klingt vor allem Neid heraus.

Dabei macht Neruda (Luis Gnecco) noch nicht einmal eine besonders gute Figur. Der pummelige Dichter hat sich als Lawrence von Arabien verkleidet - samt Kajal umrandeten Augen und weißem Wüstengewand. Von diesem Gewand legt er nun Schicht um Schicht ab, während er eines seiner berühmtesten Liebesgedichte vorträgt: "Ich könnte die wehmütigsten Verse schreiben in dieser Nacht..." - "So eine Schande, dieses Bauerngedicht wieder vorzutragen. Geschrieben vor über 20 Jahren", lästert die Stimme. Doch Nerudas Gäste hängen ihm an den Lippen, als hörten sie die Zeilen zum ersten Mal.

Wem gehört diese Stimme, die Neruda kleinmachen will und doch nichts gegen seine Größe ausrichten kann?

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Filmporträt "Neruda": Vom Kaiser zum Gejagten

Nach einer knappen Viertelstunde erhalten wir den ersten Hinweis. Es ist der strebsame Polizist Óscar Peluchonneau (Gael García Bernal), der es sich zum Ziel gemacht hat, Neruda ins Gefängnis zu bringen. Der Zweite Weltkrieg ist kaum drei Jahre vorbei, und weniger als zwei Jahre sind vergangen, seit Neruda zum Senator und Gabriel González Videla zum Präsidenten Chiles gewählt wurden. Wie die meisten Kommunisten hat auch Neruda für Videla gestimmt, doch dessen überraschende Hinwendung zu den USA erzürnt ihn so sehr, dass sich Neruda zum Oppositionellen aufschwingt und schon bald die Repressionen der sich abzeichnenden Militärdiktatur fürchten muss.

Lange weigert sich Neruda zu fliehen - er kann es kaum glauben, dass dieses Chile, das er als Künstler und Politiker mitaufgebaut hat, sich nun gegen ihn wendet. Doch erst einmal auf der Flucht, fängt er an, Spaß am Katz-und-Maus-Spiel mit Kommissar Peluchonneau zu finden. Er neckt ihn mit bewusst hinterlassenen Spuren und führt ihn hoch hinauf auf die schneebedeckten Gipfel der Anden, wo es schließlich zum Showdown zwischen Freigeist und Staatsmacht kommt.

Auf dieser Reise an die rettende Grenze zu Argentinien, die historisch verbürgt ist, stellt sich jedoch heraus, dass neben Neruda noch andere Menschen falsche Fährten ausgelegt haben: Regisseur Pablo Larraín und Drehbuchautor Guillermo Calderón. Peluchonneau, mit seinem dünnen Schnurrbart und seinem dämlichen Eifer, entpuppt sich nämlich als Erfindung von Neruda. Wenn schon Jagd auf ihn gemacht wird, so scheint es sich der Krimifan Neruda stellvertretend für die Filmemacher gedacht zu haben, dann doch bitte von jemandem mit Unterhaltungswert.

Der Kaiser geht ins Bordell

Wenige Wochen ist es erst her, dass Pablo Larraíns meisterliches Filmporträt "Jackie" in die deutschen Kinos gekommen ist. Mit "Neruda" legt er nun ein Biopic nach, das genauso brillant wie "Jackie" ist und doch völlig anders - spielerischer, deftiger, lustiger. Der Dichter erscheint als bukolischer Schelm, sein Verfolger als Parodie auf die zerrissenen Ermittler des Noir-Films, die nie wissen, wessen Spiel sie gerade spielen.

Überhaupt sind Genreanleihen und Filmzitate von Anfang an eingestreut, mit "Ave, Kaiser Caligula!" wird Neruda von anderen Senatoren begrüßt, eine Szene im Bordell scheint sogar direkt aus Gore Vidals berüchtigtem Historienporno entnommen zu sein. Und wenn Neruda in ein Fluchtauto steigt oder sich Peluchonneau auf ein Motorrad schwingt, dann zieht im Hintergrund ganz offensichtlich eine Kulisse vorbei.



"Neruda"

Chile/Argentinien et al. 2016
Regie: Pablo Larraín
Drehbuch: Guillermo Calderón
Darsteller: Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Morán, Alfredo Castro
Produktion: Fabula, Participant Media et al.
Verleih: Piffl
Länge: 107 Minuten
Start: 23. Februar 2017


Das Spiel mit dem Filmmaterial ist zu einem Markenzeichen Larraíns geworden. In "Jackie" arbeitete er mit dokumentarischen Aufnahmen gegen das Authentizitätsversprechen konventioneller Biopics an. Seine oscarnominierte Tragikomödie "No!" über die Volksabstimmung in Chile, die 1988 das Ende der Pinochet-Diktatur einläutete, imprägnierte er durch VHS-Ästhetik vor der Vereinnahmung durch die Gegenwart.

In "Neruda" wirkt Larraíns Material- und Zitatspiel nun viel lustvoller. Es wehrt die Überhöhung des Nationaldichters und späteren Nobelpreisträgers ab und gibt Luis Gnecco wunderbar viel Raum, um den verschlagenen Charme seiner Figur spielen zu lassen. Einmal versteckt sich Neruda vor der Polizei in einem Schaufenster, das voller Starporträts ist. Sie rahmen sein eigenes Gesicht so, dass es sich nahtlos zwischen die anderen Bilder einfügt und so exponiert und unsichtbar zugleich ist.

Der Moment, in der dieses doppelte Versteckspiel im Bild zu sehen ist, dauert nur wenige Sekunden und bildet noch nicht einmal den Fokus der Szene. Dennoch ist er typisch für einen Film, der sich von seinem Detailreichtum nicht verlangsamen, sondern antreiben lässt, der nicht eitel bei seinen Ideen stehen bleibt und sie bewundert.

Zu den Fabrikarbeiten, in die Straflager

Obwohl Gnecco glänzt, kommt der komischere Part dennoch Gael García Bernal zu. Mit bebendem Schnurrbart und weit aufgerissenen Augen versieht er jedes Wort von Peluchonneau mit Irrsinn. Kaum hat man sich auf das grotesk unterhaltsame Hin und Her zwischen ihm und Neruda eingelassen, führt Larraín jedoch eine weitere Tonlage ein.

In der Zeit im Untergrund hat Neruda seinen Gedichtzyklus "Canto General" (deutscher Titel: "Der große Gesang") vollendet. Während seine Unterstützer geheime Abschriften verteilen, um so das Opus Magnum vor der Zensur zu retten, trägt er daraus vor. Es sind Worte, die buchstäblich aus dem Setting des Films herausspringen, die zu Fabrikarbeitern durchdringen und zu den Inhaftierten der Straflager. Worte, die in ihrer Unnachgiebigkeit, mit der sie die Verbrechen der Kolonialmächte und ihrer Handlanger anprangern, unvergleichlich sind. In Momenten wie diesen versteht man, warum Max Frisch in "Montauk" ohne jede weitere Erläuterung schrieb: "Wir haben gehört, wie Neruda liest."

Im Video: Der Trailer zu "Neruda"

Dass solche Momente im Film nicht nur vorkommen, sondern sich in ihn organisch einfügen, belegt, wie souverän Larraín und Calderón in ihrem Zugriff auf Neruda sind. Weder lassen sie sich durch Respekt auf Abstand halten noch von Ehrerbietung einnehmen. Es ist Wertschätzung, die den Film durchdringt: für die historische Figur Pablo Neruda, aber auch für die Filmfigur, die sich in ihren Widersprüchlichkeiten so herrlich auffächern lässt.

Letztlich ist es wohl das, was "Neruda" und "Jackie" zu so wegweisenden Biopics machen. Selbst in der Begegnung mit Ikonen vergessen sie nie, Film zu sein. Das klingt nach wenig, ist im Kino aber alles.

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