Filmklassiker "Riddles of the Sphinx": Ein Fabelwesen wirft Fragen auf

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"Riddles of the Sphinx": Ein Filmerlebnis in sieben Kapiteln Fotos
Laura Mulvey and Peter Wollen 1977/ Stills courtesy the artists and British Film Institute, London

Abschied von Ödipus: Endlich gibt es eine DVD-Edition von Laura Mulveys und Peter Wollens Essayfilm "Riddles of the Sphinx". Das Schlüsselwerk des feministischen Avantgarde-Films hat auch nach 35 Jahren nichts an intellektueller Schärfe und formaler Radikalität verloren.

"Als wir 'Riddles of the Sphinx' Ende der Siebziger zeigten, galt es schon als Wunder, wenn sich jemand den Film überhaupt zu Ende ansah", sagt Autorin, Regisseurin und Darstellerin Laura Mulvey, 71. Das kann nur halb stimmen, denn "Riddles of the Sphinx" galt schon schon zu seiner Entstehungszeit im Jahr 1977 als Schlüsselwerk des feministischen Avantgarde-Films.

Vollkommen recht hat Mulvey aber, wenn sie sagt, dass Filme wie dieser heute ein anderes Publikum fänden. Das hat nicht nur mit generell veränderten Sehgewohnheiten und produktiveren Referenzrahmen wie dem Essayfilm zu tun, sondern in diesem Fall vor allem mit der ersten DVD-Edition von "Riddles of the Sphinx", die das Berliner Arsenal und die Filmgalerie 451 soeben herausgegeben haben und die dem Film so viele Zuschauerinnen und Zuschauer wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr bescheren dürfte.

Die Erzählerin fragt

Zwei Jahre vor "Riddles of the Sphinx" war Mulvey mit dem Aufsatz "Visual Pleasure and Narrative Cinema" ("Visuelle Lust und narratives Kino") berühmt geworden. In dem nur zehn Seiten umfassenden Text, der trotz seiner Kürze eine der fruchtbarsten filmtheoretischen Diskussionen überhaupt anstieß, argumentierte Mulvey bezwingend, wie der männliche Blick das klassische Hollywood-Kino geprägt und die Repräsentation von Frauen limitiert hatte. Zeitgleich hatte sie zusammen mit ihrem Ehemann Peter Wollen ihren ersten Film "Penthesilea: Queen of the Amazons" gedreht. Doch Texte waren und sind immer noch entscheidende Bezugspunkte in Mulveys und Wollens Filmen.

Das zeigt schon das erste Bild von "Riddles of the Sphinx": Eine Texttafel mit den Überschriften von sieben Kapiteln erscheint. 28 Jahre vor Erscheinen der ersten DVD ist damit das Buch als Bezugspunkt markiert, dennoch nimmt die Ankündigung das digitale Nutzungsverhalten mit seinem individualisierten und rekontextualisierten Zugriff auf einzelne Bestandteile des Films voraus. Fast alle Kapitel von "Riddles of the Sphinx" können in beliebiger Reihenfolge gesehen werden, von der filmischen Untersuchung von Sphinx-Statuen bis zu den panoptischen Bilderbögen aus dem Leben der alleinerziehenden Mutter Louise (gespielt von Dinah Stabb).

Allein die zwei Passagen, in denen Mulvey erst in die Kamera spricht und sich später nach dem Abhören einer Tonaufnahme der ersten Passagen noch einmal selbst kommentiert, sind unabdingbar als Rahmung für die sonstigen Kapitel. Zu Anfang erzählt Mulvey den Ödipus-Mythos, den wichtigsten Baustein in Sigmund Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung, neu - nämlich aus der Perspektive der Sphinx.

"Nie Ausdruck von etwas Fixem"

Das bedrohliche Hybridwesen stürzt sich in dieser Fassung nicht in den Tod, nachdem Ödipus ihr Rätsel gelöst hat ("Welches Geschöpf ist am Morgen vierfüßig..."), sondern es lebt weiter - als neuartige Erzählstimme, die keine Antworten einfordert, sondern Fragen aufwirft. Damit ist nicht nur der Titel erklärt, sondern auch das filmische Projekt von Mulvey und Wollen beschrieben: Aus dem Bestehenden mit Hilfe der Psychoanalyse ein alternatives Sprechen und Zeigen zu entwickeln, das Auswege aus der Marginalisierung von Frauen bietet.

Dass Mulvey und Wollen in "Riddles of the Sphinx" ebendies gelingt, liegt vor allem an den 360-Grad-Schwenks, die das Gravitätszentrum des Films bilden. 13-mal schreitet die Kamera Szenen aus dem Leben von Louise ab, die sich nach der Trennung von ihrem Mann als Alleinerziehende in neuen sozialen und ökonomischen Umständen zurechtfinden muss. Louise, ihre Tochter, ihre Mutter, ihre Freundinnen und ihre Kolleginnen füllen bei diesen Schwenk mal das Bild aus, mal tauchen sie nur an der Peripherie auf. Stets ist aber klar, dass im Zentrum eine Kamera steht, die die Verhältnisse nicht ordnen will, sondern sie als fluide begreift und genau so auch zu zeigen vermag. So öffnet sich trotz strenger formaler Anordnung ein filmischer Raum der Möglichkeiten, nicht der Sicherheiten - auch rund 40 Jahre später ein aufregendes Seherlebnis.

"Ich glaube nicht, dass Peter und ich unsere Filme jemals als Ausdruck von etwas Fixem gesehen haben", erklärt Mulvey in einem Video-Interview, das neben einem Audio-Kommentar, einer Tonaufnahme von der Filmpremiere auf der Berlinale 1977 als Bonus-Material sowie dem experimentellen Kurzporträt "Amy!" von Flugpionierin Amy Johnson auf der DVD enthalten ist. Da Mulvey bereitwillig und präzise über ihre Filme spricht, fungieren diese Aufnahmen sehr gut als Brücken zwischen ihrem filmischen und ihrem theoretischen Werk.

Unterstützt wird das noch durch das umfangreichen Booklet, das neben einer annotierten Bibliografie von Tobias Dietrich noch einen erhellenden Text von Winfried Pauleit auf Deutsch und Englisch enthält. Allein den sich hartnäckig haltenden Fehler aus Pauleits Text, dass das erste Kapitel von "Riddles of the Sphinx" "Flicking Pages" heiße (korrekt ist: "Opening Pages"), hätte man sich korrigiert gewünscht. Doch das schmälert das Verdienst, dass es diesen bahnbrechenden Film endlich und ansonsten sorgfältig auf DVD aufbereitet gibt, nur minimal.


DVD "Riddles of the Sphinx & Amy!" erschienen bei Arsenal/Filmgalerie 451

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Glauben, Denken und Fühlen der Antike pur!
kalumeth 01.08.2013
Zitat von sysopLaura Mulvey and Peter Wollen 1977/ Stills courtesy the artists and British Film Institute, LondonAbschied von Ödipus: Endlich gibt es eine DVD-Edition von Laura Mulveys und Peter Wollens Essayfilm "Riddles of the Sphinx". Das Schlüsselwerk des feministischen Avantgarde-Films hat auch nach 35 Jahren nichts an intellektueller Schärfe und formaler Radikalität verloren. http://www.spiegel.de/kultur/kino/neu-auf-dvd-riddles-of-the-sphinx-von-laura-mulvey-a-913860.html
um die Sphinx herum hat sich, neben S. Freud, auch der familiensystemische Märchen-Psychologe Claus Riemann Astrologie, Claus Riemann (http://www.vantastik.de) mit einer astro-psychologischen Be-Deutung der Ödipus-Saga beschäftigt. Sein empfehlenswertes Taschen/Buch 'Der tiefe Brunnen - Astrologie und Märchen' spiegelt klaren naturpsychologischen Verstand im metaphorischen "Götter"Glauben der Antike wieder! Wie in Grimm's- so auch in weltweit/klassischen Märchen..
2. IMDb Wertung
fitzgerraldo 01.08.2013
Zitat von sysopLaura Mulvey and Peter Wollen 1977/ Stills courtesy the artists and British Film Institute, LondonAbschied von Ödipus: Endlich gibt es eine DVD-Edition von Laura Mulveys und Peter Wollens Essayfilm "Riddles of the Sphinx". Das Schlüsselwerk des feministischen Avantgarde-Films hat auch nach 35 Jahren nichts an intellektueller Schärfe und formaler Radikalität verloren. http://www.spiegel.de/kultur/kino/neu-auf-dvd-riddles-of-the-sphinx-von-laura-mulvey-a-913860.html
Ohne den Film zu kennen(ich werde ihn mir aber besorgen), eine IMDb Wertung von 3,7/10 verheisst erstmal nichts gutes ;o
3. Woody Allen?
maxweber 01.08.2013
Der Artikel liest sich wie eine Szene aus einem Woody-Allen-Film, wo sich weltfremde Intellektuelle stundenlang über Filme und Bücher unterhalten, die niemand kennt. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass Woody Allen die Szene betritt und etwas sagt wie: "Ich muss jetzt leider gehen. Wenn ich zu lange solch geistiger Überdrehtheit zuhöre, bekomme ich Verdauungsstörungen."
4. Einbildung ist auch Bildung
mnbvc 01.08.2013
"feministischer Avantgarde-Film" und "intellektuelle Schärfe" sind beim Primitivfeminismus a la Wir-wollen-alles-tun-was-Männer-auch-tun-auch-wenn-deren-Handel-dumm-ist doch klare Widersprüche in sich. Wenn es intellektuelle Schärfe bei aktuellen Feministinnen geben sollte, dann wird die bislang medial ignoriert. Alles, was man veröffentlicht von "Frauenrechtlerinnen" seit vielen Jahren zu hören bekommt, ist die immer wiederkehrende Forderung nach institutionalisierter Bevorteilung gegenüber den bösen Männern. Wer jetzt wieder mit den Gehaltsunterschieden ankommt, möge einfach die Statistiken lesen und anerkennen, dass darin nicht nach Arbeitsdauer unterschieden wird. Wenn ein Vollzeit arbeitender Mann mehr verdient als eine Teilzeit arbeitende Frau (oder umgekehrt), kann ich daran keine Benachteiligung erkennen. Der Hinweis auf diese bewusste Fehlinterpretation von Makrodaten durch Feministinnen wäre ein kleines Zeichen von intellektueller Schärfe. Aber bislang ist auch davon nichts zu sehen.
5. Das ist dann wohl einer
chris4you 01.08.2013
der Artikel, der die Aufmerksamkeit auf etwas lenken soll, was sonst, gelinde gesagt, wenige interessiert... Oder irre ich mich da?
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