Neuer "Hunger Games"-Film Jugend trainiert für Dystopia

Mit "Mockingjay Teil 1" startet der neue "Hunger Games"-Film. Rebellin Katniss Everdeen ist längst nicht mehr allein: Von "Divergent" bis "Maze Runner" lässt das Kino überall Teenager um ihr Leben rennen. Warum eigentlich?

Von


Das Spiel- wird zum Schlachtfeld für Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence), die Lichtgestalt des Lumpenproletariats im Zukunftsstaat Panem. Denn mit "Mockingjay Teil 1" beginnt das auf zwei Filme gedehnte Finale der "Hunger Games"-Trilogie, im dem das telegene "Girl on Fire" aus der futuristischen Zirkusarena in den Krieg zieht.

Wie in den vorherigen Verfilmungen von Suzanne Collins' Romanreihe geht es auch hier um einen ästhetischen Aufstand, wenn die widerständige Katniss mit Intuition sowie geschickter Manipulation dem totalitären Regime um Präsident Snow (Donald Sutherland) seine Herrschaft über die Bilder streitig macht. Doch nun kommen immer mehr Kanonen zu den Kameras, und die von den Massen ebenso bewunderte wie beanspruchte Heldin muss sich in der zwiespältigen Rolle als Gallionsfigur einer Rebellion zurechtfinden.

Fotostrecke

17  Bilder
Neue Action-Filme: Wenn Hollywood hetzt
Mehr noch als die atemlose Prosa der Buchvorlage zeichneten sich die "Hunger Games"-Adaptionen bislang durch die Überspitzung des Casting-Show-Prinzips, sowie plakativen, aber treffenden Einlassungen zur medialen Verfasstheit der Gesellschaft aus. "Mockingjay Teil 1" muss nun teilweise von der Erfolgsformel abweichen: Der "Hunger Games"-Wettbewerb steht nicht mehr als Erzählgerüst zur Verfügung, da der Film zum ultimativen Duell zwischen Katniss und Präsident Snow im letzten Teil hinführen muss. Dass dieses Duell nicht ohne episches Blutvergießen zu haben sein wird, macht "Mockingjay Teil 1" überdeutlich - und nährt damit Katniss' Zweifel, ob sie wirklich die Anführerin eines blutigen Aufstandes sein will.

Existentialistisches Jump-and-Run-Game

Ihr konfliktreiches Ringen um Selbstbestimmung ist der goldene Maßstab im Wettbewerb der Young Adult Novels, die vom lukrativen Buchmarkt auf die Leinwand drängen. Allein dieses Jahr starteten mit "Divergent" und "The Maze Runner" zwei weitere Kinoreihen, deren jugendliches Personal sich in mehr oder minder originellen Post-Apokalypsen wiederfindet.

In "Divergent" etwa passt die junge Beatrice "Tris" Prior (Shailene Woodley) nicht in das rigide Kastensystem einer neuen Weltordnung und wird als mehrfach begabte Normabweichlerin - wenig überraschend - zur Bedrohung für den Status Quo. Dass sich auch hier neben Kampf und Krampf eine verbotene Liebesgeschichte entspinnt, macht den im Widerspruch zu seinem Titel sehr generischen Film zum eklatantesten "Hunger Games"-Epigonen.

Fotostrecke

9  Bilder
"Divergent - Die Bestimmung": Wer nicht passt, muss sterben

"The Maze Runner" dagegen kann sich rühmen, dass die Romanvorlage von James Dashner ihre Welt düsterer zeichnet als die der Konkurrenz. In der Verfilmung gelangt der Protagonist Thomas (Dylan O'Brien) ohne Gedächtnis auf eine Lichtung, die von einer Gruppe ebenfalls unter Amnesie leidender Jugendlicher bewohnt wird. Umgeben ist die Teenager-Kommune von einem riesigen Labyrinth. Das will vom begabten Läufer Thomas durchquert werden, und darin warten nicht nur perfide Monstermaschinen auf ihn, sondern auch eine weitere Dystopie samt globalen Katastrophen, Humanexperimenten und Verschwörungen. Davon wird allerdings erst in den allerletzten Minuten des Films erzählt, weshalb "The Maze Runner" bis dahin weniger als finstere Parabel, denn als existentialistisches Jump-and-Run-Game funktioniert.

Dämon Sozialstaat?

Dem kommerziellen Erfolg hat das nicht geschadet, und sowohl "The Maze Runner" als auch "Divergent" werden im Kino fortgesetzt. Wie Katniss dürfen also auch Tris und Thomas weiter für ihr jeweiliges Weltuntergangsszenario trainieren. Und unweigerlich stellt sich die Frage: Woher rührt die aktuelle Beliebtheit der apokalyptisch-romantischen Jugendabenteuer?

Womöglich bieten sie lediglich zeitgemäße Identifikationsfiguren für gar nicht neue Sehnsüchte heranwachsender Zuschauer. Einmal die Smarteste oder der Schnellste, kurz jemand Besonderes sein. Das wäre ein zumindest verständlicher Wunsch, ebenso wie der nach adoleszenter Auflehnung gegen despotische Staatsväter und -mütter.

Das ist die simpelste Lesart, manche sehen die Fabeln über juvenile Selbstoptimierung und -ermächtigung vor Science-Fiction-Kulisse indes weitaus kritischer. In einem Artikel für den "Guardian" entwickelte der Schriftsteller Ewan Morrison die These, dass populäre Young Adult-Fiktionen wie "Hunger Games ", "Divergent" oder auch "The Giver" den Sozialstaat als unfreies System dämonisieren und dagegen eine neokonservative, radikal-individualistische Agenda verfolgen. Der US-amerikanische Feuilletonist Andrew O'Hehir wiederum machte in einem weniger dogmatischen - dafür unterhaltsamer zu lesenden - Text auf Salon.com die Geschichten von Katniss und Co. als kapitalistischen Agit-Prop aus.

Alles gut in der Gegenwart

Morrison erinnert an eine vergangene, linke Tradition des dystopischen Romans - vertreten durch Autoren wie H. G. Wells, Philip K. Dick oder Margaret Atwood - und sieht die heutige Jugend unter dem Einfluss einer Literatur, die bewusst oder unbewusst Aufklärung und Erziehung zugunsten eines natürlichen Determinismus diskreditiert.

O'Hehir widerspricht Morrison in entscheidenden Punkten: Für ihn sind "Divergent" und "Hunger Games" weder links noch rechts im parteipolitischen Sinn, sondern Propaganda für das Ethos des Individualismus und damit für die zentrale Ideologie des Konsumkapitalismus. Daher dienten die Geschichten auch nicht einer allegorischen Kritik an bestehenden Verhältnissen. Vielmehr würden ihre vagen Schreckensszenarien dem Publikum vergewissern, dass sie in der kapitalistischen Gesellschaftsform alle Freiheiten genießen. Die Revolution darf also ausfallen.

Beide Artikel liefern lohnende Ansätze für eine Analyse des Phänomens, können aber bei aller Reflexion einen bisweilen paternalistischen Unterton nicht vermeiden. Vielleicht spricht daraus ein leises, kulturkritisches Unbehagen angesichts der immensen Popularität dieser Erzählungen mit ihren Auflagen in zweifacher Millionenhöhe und Rekordumsätzen an der Kinokasse.

Gemeinsames Streben nach Glück

Was fehlt, ist ein Zutrauen in die interpretatorische Leistung des jugendlichen Publikums. Und das Zugeständnis, dass weder Text oder Bild dieser Popkultur-Produktionen so manifest sind, dass sich Bedeutungen für ihr Publikum nicht ändern könnten.

Zudem ist es natürlich legitim, dass Morrison wie auch O'Hehir auf die heutige innenpolitische Situation in den USA rekurrieren. Aber gerade mit Blick auf "The Hunger Games" scheint es problematisch, in aktuell polemisch zugespitzten Oppositionen wie "Big Government" versus "Tea Party" zu denken. Denn mit Katniss Everdeen hat die Geschichte eine Protagonistin, die eben kein Wunderkind, sondern Geschöpf der sozialen, ökonomischen und moralischen Dauerkrise ihrer Welt ist.

Je mehr sich Katniss von den vermeintlich naturgegebenen Verhältnissen emanzipiert, desto bedrohlicher wird sie ja für die Herrschenden. Zugleich sublimiert sie ihren starken Individualismus und versöhnt ihn so mit dem Prinzip solidarischen Handelns. Damit steht sie in einer amerikanischen Denktradition, die Selbstbestimmung und Gemeinwohl als untrennbar begreift, und für die das Streben nach Glück kein Alleingang ist.

Daraus lässt sich vielleicht keine Revolution machen. Aber eine spannende Erzählung, die ihr Publikum nicht für dumm verkauft, auf jeden Fall.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon-facebook-10000818692 19.11.2014
1. Links ? Rechts ? Mitte ? ....
Die Frage warum Bücher in zweifacher Millionenauflage und klingelnden Kassen im Kino ein Phänomen sind ? Einfach ! Ich habe mit Jugendlichen gesprochen. Die Jugend heute hat keine Helden mehr im Alltag, keine Phantasien davon. Alles ist geregelt. Das darfst Du das nicht. Bei Maze z. B. wird das immer wieder herrlich gebrochen und der Protagonist setzt sich über den Ordnungshüter mit Milchzähnen einfach hinweg. Genau davon träumen Jugendliche. Sich "drüber hinwegsetzen". Wieder Sensation erleben. Einige meinen sogar das bei der IS zu finden,... Hunger Games macht nur Spaß weil sie es geil finden Arenenkämpfe zu sehen, so wie aus den Computerspielen. Daher werden die letzten beiden Teile auch nur dem Erwachsenenpublikum gerecht oder denjenigen die sich unsterblich pubertierend in die Hauptdarstellerin verliebt haben. Alles andere ist langweilig und klingt nach Erwachsenenwelt. Aber eine Hofnung bleibt dann doch "Kinder an die Macht" und das macht doch wieder Spaß
corn5 19.11.2014
2. oder...
die herangewachsene Generation sehnt sich aus einer verklärten Sicht heraus einen Zusammenbruch herbei und übt ihn in Fantasien von Filmen und Spielen aus dem Bereich Post-nuclear-, post-war- und post-zombie-apokalypse schon einmal. besorgnis erregendes symptom: die wert menschlichen lebens bleibt stets auf der strecke, nur das eigene durchkommen zählt. ursache: schlicht und einfach dekadenz?
trolls99 19.11.2014
3. Schwacher dritter Band
Ich fand die ersten beiden Filme ganz toll und haben dann den dritten Band gelesen. Was für eine Enttäuschung in jeder Hinsicht: schwache Story, schwach erzählt und stilistisch auf dem Niveau von Hanni und Nanni. Wenn der Film gut ist, dann ist es jedenfalls nicht das Verdienst des Buches.
bloveldt 19.11.2014
4. 1% gegen 99%
Wie können diese Kritiker so zielstrebig am Thema vorbeischreiben? In den Hunger Games geht es doch ganz klar um den Aufstand der Have-Nots gegen die Happy Few, oder in der realen Welt: gegen die Millionäre und Milliardäre, die sich auf Kosten der Masse bereichern. Katniss ist eine radikale Occupy-Aktivistin.
Marvel Master 19.11.2014
5. Tja, warum eigentlich?
Ich selber bin wohl zu alt. Ich fand weder Teil 1 noch Teil 2 gut. Teil 3 werde ich mir wohl nicht antun. Ein Kinderfilm von Kindern für Kinder in meinen Augen. Dazu eine romantische Story. Dachte immer ich wäre jung. Aber dem ist wohl nicht mehr so. Schade. Da schaue ich lieber Pulp Fiction oder Die Hard mit echten Schauspielern. :-) VG Marvel
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.