Geschlechtersatire "Höhere Gewalt" Ein Film, der die Scheidungsrate in die Höhe treibt

Wenn Sie sich von Ihrem Partner trennen wollen, dann gehen Sie am besten in die schwedische Satire "Höhere Gewalt": Einen böseren Film über die Widersprüchlichkeiten moderner Geschlechter- und Familienbilder gibt es 2014 nicht.

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Schreien könnte helfen, schlägt Mats seinem Kumpel Tomas vor. Ihm habe das mehr gebracht als zwei Jahre Therapie. Da sie gemeinsam auf einer einsamen, schneebedeckten Bergspitze stehen, nimmt Tomas den Vorschlag zögerlich an. Der erste Schrei gerät noch verhalten, der zweite schon lauter und drängender. Es nützt nichts: Tomas ist in diesem Skiurlaub die größte Blamage seines Lebens widerfahren. Als eine Lawine das Restaurant, in dem er mit seiner Frau und den zwei Kindern zu Mittag aß, zu erfassen drohte, warf er sich nicht schützend vor seine Familie: Er schnappte sich iPhone und Handschuhe und rannte weg.

Seitdem schauen ihn Frau und Kinder mit einer Mischung aus Bestürzung und Verachtung an. Um das wiedergutzumachen, braucht es wirklich mehr als Schreie.

Einen Film, der die Scheidungsrate in die Höhe treibt, habe er machen wollen, sagt der schwedische Autor und Regisseur Ruben Östlund über "Höhere Gewalt". Diesen Anspruch dürfte Östlund erfüllt haben: Einen intelligenteren Film über die Widersprüche zeitgenössischer Geschlechter- und Familienbilder hat es in diesem Jahr noch nicht gegeben. Und einen böseren auch nicht.

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Satire "Höhere Gewalt": Mann unter Druck
Oberflächlich perfekt wie die makellos dichte Schneedecke in den französischen Alpen sind auch Tomas (Johannes Kuhnke) und seine Familie anzuschauen. Tomas' Muskeln lassen erkennen, dass er trotz seines anspruchsvollen und zeitintensiven Jobs noch Zeit für Sport findet. Seiner Frau Ebba (Lisa Loven Kongsli) sieht man weder das Dasein als Mutter noch ihre fast 40 Jahre an. Und die Kinder sind so wohlgeraten, dass auch der Fotograf auf der Skipiste ins Schwärmen kommt, was für ein tolles Motiv die vier zusammen hergeben.

Doch wenn in der majestätischen Alpenlandschaft - brillant fotografiert von Fredrik Wenzel - immer wieder die wuchtigen Schüsse der Kanonen erklingen, die kontrollierte Lawinen auslösen sollen, dann macht Ruben Östlund klar: Ohne massive Eingriffe ist das Bild von der perfekten Idylle - sei sie menschlich oder natürlich - nicht aufrechtzuerhalten.

Höhere Gewalt - oder einfache Arroganz?

Zunächst versucht Ebba, ihr Unverständnis über Tomas' Verhalten zu verbergen. Beim Abendessen im Luxushotel mit ebenso attraktiven Urlaubsbekanntschaften erzählt sie noch zögerlich von den schockierenden Momenten im Angesicht der Lawine. Erst einen Tag später, als der struppige Mats (Kristofer Hivju) und seine junge Freundin Fanny (Fanni Metelius) zu Besuch kommen, brechen sich bei Ebba die Emotionen Bahn, und Tomas muss sich der schmerzhaften Frage stellen: War das, was ihn auf der Restaurantterrasse trieb, reiner Überlebensinstinkt? Kann er also die Einwirkung der titelgebenden höheren Gewalt geltend machen? Oder war die Flucht doch Ausdruck seiner arroganten, ichbezogenen Persönlichkeit?

Mit dem Unerwarteten konfrontiert sein - das ist auch das Erzählprinzip von Ruben Östlund. Der Vorfall auf der Restaurantterrasse und seine Folgen sind zwar von innerer Logik getragen, doch Östlund kostet es aus, Irritation einzustreuen: Er schneidet Szenen abrupt gegeneinander, nimmt plötzliche Perspektivwechsel vor und lässt seine Figuren überraschend handeln. So bringt er nicht nur eine eigentümliche Spannung in den verhältnismäßig simplen Plot: Gerade mit seiner perfekten Kontrolle über die Geschichte sorgt Östlund für ein stetes Gefühl von Verunsicherung.

Genauso gelingt es ihm, üppige Panoramen zu zeigen, aber in jedem ein Element der Lächerlichkeit und Unangemessenheit zu platzieren - und meist ist dieses Element der Mensch. Wahrlich, Östlund meint es nicht gut mit den Menschen. Damit ist er von allen zeitgenössischen Regisseuren wohl Lars von Trier am nächsten. Anders als der dänische Großmeister sieht Östlund aber das größere tragische Potenzial nicht bei Frauen, sondern bei Männern. Wie er Tomas gegen die Widersprüchlichkeiten des sanften Patriarchen anrennen lässt, der für Frau und Kinder da ist, aber auch seine eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigt, ist schlicht gnadenlos.

Am Ende gönnt er ihm eine Möglichkeit, seinen Schmerz und seine Frustration zu kanalisieren. Doch diese Lösung ist für Figuren wie Zuschauer emotional so erschütternd, dass sich die Szenen unauslöschlich ins Gedächtnis brennen. Hätte Schreien doch nur geholfen.

Höhere Gewalt

Originaltitel: Turist

SE/F/N0 2014

Buch und Regie: Ruben Östlund

Mit: Johannes Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Kristofer Hivju, Fanni Metelius, Clara Wettergren, Vincent Wettergren

Produktion: Motlys, Plattform Produktion et al.

Verleih: Alamode

Länge: 118 Minuten

Start: 20. November 2014

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
schon,aber 17.11.2014
1.
Ich verstehe das Motiv des Filmemachers nicht so recht: Einerseits heißt es doch unisono, die Frauen stehen heute überall ihren Mann (Quote!) – mindestens, wenn sie nicht sogar die besseren Menschen sind. Andererseits wird dem Filmpapa ein dicker Strick gedreht, weil er, wie alle auf der bedrohten Aussichtsterrasse, die Flucht ergreift. Zitat Hannah Pilarczyk: "...warf er sich nicht schützend vor seine Familie. Er schnappte sich iPhone und Handschuhe und rannte weg." Liebe Frau Redakteurin: Das geht heute gar nicht mehr! Das wäre nichts anderes als unerwünschte Bevormundung der Gattin. Und ja, auch im Katastrophenfall. Und die Kinder würde das Recht auf Selbstentfaltung genommen. Wo bleibt der Gender-Anspruch?
Deep Thought 17.11.2014
2. Habe mich nach dem Durchlesen des Artikels gefraft, was...
..zumTeufel an der banalen Handlung und der banalen Botschaft des Films dazu führen soll, dafür Geld auszugeben... Dann hatte ich eine Gute idee: Ich schloss mit mir eine Wette ab und habe sie gewonnen: eine Autorin schlägt sich als Söldnerin im Gender-Krieg....
malte.b 17.11.2014
3. Herausforderung für Filmemacher
Nihilistische anmutende Filme über den Niedergang der Familie zu produzieren ist ja nun seit Alfred Tetzlaff und Al Bundy gängige Praxis im Westen. Vermutlich sind intelligente und erbauliche Filme über die nach wie vor einzige Keimzelle der Gesellschaft weitaus schwieriger zustande zu bringen.
carlitom 17.11.2014
4. Keimzelle?
Zitat von malte.bNihilistische anmutende Filme über den Niedergang der Familie zu produzieren ist ja nun seit Alfred Tetzlaff und Al Bundy gängige Praxis im Westen. Vermutlich sind intelligente und erbauliche Filme über die nach wie vor einzige Keimzelle der Gesellschaft weitaus schwieriger zustande zu bringen.
Ach ja, die "Keimzelle" ist halt, was das Wort schon sagt, nur eine Zelle. Um den Bestand der Gesellschaft zu retten, reicht eine Befruchtung und eine Austragung. Und irgendjemand muss sich für die Frucht zuständig fühlen. Dass das eine (heile) Familie sein muss, halte ich für ein Gerücht. Die Gesellschaft, die trotz eines auffallenden Mangels an heilen Familien Bestand hat, beweist das Gegenteil.
campdavid 17.11.2014
5. Nachbessern!
Das Bild zum Artikel lässt aber Böses erahnen im Bezug auf den Bechdel-Test. Hätte man die Frau in dieser Szene nicht in die Mitte und die Männer außen hin setzen können? Alternativ die Männer einfach rausschneiden, das sollte schwedisches Kino doch mittlerweile besser können!
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