Neue Filme in Locarno Vielleicht ein Wir

In Locarno präsentieren Angela Schanelec, Stergios Paschos und Milagros Mumenthaler ihre Werke. Alle drei spüren Beziehungen nach, die nicht enden wollen - und zeigen Lasten auf, die einem die Eltern aufbürden.

Szene aus "La idea de un lago"
Alina film/ Festival del Film Locarno

Szene aus "La idea de un lago"

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"Da muss Spucke drauf!" Neugierig scharen sich die Kinder im Schwimmbad um ihren Mitschüler mit den angestoßenen Knien. Weil der an einer Stelle blutet, rät ein anderer Junge dazu, die Wunde mit Spucke zu desinfizieren. Prompt beugt sich ein Mädchen vor und leckt über das Knie.

Eine Annäherung oder eine Grenzüberschreitung? Ein Bruch mit dem, was die Eltern an Beziehungen vorgelegt haben - oder die erste, zaghafte Nachahmung?

In Angela Schanelecs neuem Film flirrt keine Szene so vor Möglichkeiten wie die im Schwimmbad. Mit "Der traumhafte Weg" beweist sich die Berlinerin als solitäre Stilistin im internationalen Wettbewerb von Locarno. Wo andere Filmemacherinnen und Filmemacher ihre Bilder mit Farbe aufblasen, um sogleich Geschichte und Gesellschaft reinzustopfen, sortiert sie aus. Keine direkten Blicke, keine erklärenden Worte. Nur Hinweise darauf, wie die Geschichten eines jungen Paares, das sich im Sommer 1989 in Griechenland verliert, und eines älteren Paares, das sich im Berlin der Gegenwart trennt, miteinander verbunden sind. Dazu der Song, den das Mädchen aus dem Schwimmbad, das auch die Tochter des zweiten Paares ist, auswählt, als ihr Vater sie und den Mitschüler mit den lädierten Knien nach Hause fährt: Disclosures "You and Me". Du und ich. Vielleicht ein Wir, vielleicht auch nicht.

Szene aus "Der traumhafte Weg": keine erklärenden Worte
Filmgalerie 451/ Festival del Film Locarno

Szene aus "Der traumhafte Weg": keine erklärenden Worte

Bei allem Abweisenden und Verweigernden, das Schanelec gewohnterweise an filmischen Gesten auffährt, passt ihr sechster Spielfilm dennoch überaus gut in die diesjährige Filmauswahl von Locarno. Denn über die Sektionen hinweg sind Beziehungen, die kein Ende finden, und Eltern, die ihren Kindern unsichtbare Lasten aufbürden, Thema.

Den direktesten, aufregendsten, aber auch albernsten Weg, um sich der Thematik zu nähern, wählt der Grieche Stergios Paschos. In seinem Debütfilm "Afterlov" lässt er einen jungen Mann seine Ex-Freundin in einem Ferienhaus einsperren. Erst wenn sie ihm erklärt hat, warum ihre Beziehung gescheitert ist, kommt sie wieder frei. Dass es für das Ende einer Beziehung einen klar benennbaren Grund gibt, ist allerdings ein Irrtum, dem nur Hauptfigur Nikos (Iro Bezou) aufgesessen ist. Autor und Regisseur Paschos weiß es besser und inszeniert statt geordnetem Kammerspiel ein Chaos von Intensitäten, in dessen Verlauf man bestenfalls in Ansätzen begreift, was das Paar einst zusammenbrachte und was es schließlich trennte.

Filmisch schlüssig ist das nicht unbedingt. Was Paschos als Alternative zur herkömmlichen Enthüllungsdramaturgie bietet, hat nicht die brillante Logik, mit der etwa sein Landsmann Yorgos Lanthimos ("The Lobster") parallele Sinnhaftigkeiten schafft. Doch in all seiner Unausgegorenheit ist "Afterlov" eben auch ein Film, den es so in Deutschland nicht geben könnte, weil hier ständig Redakteure und Produzenten ein Wie und Warum einfordern würden. "Afterlov" hat nur bruchstückhafte Antworten parat, und das ist sowohl enttäuschend als auch wunderbar ehrlich.

Szene aus "Afterlov": aufregend, aber albern
Marni Films/ Festival del Film Locarno

Szene aus "Afterlov": aufregend, aber albern

Auch am Anfang von "La idea de un lago" (Die Idee eines Sees) stehen eine soeben beginnende und eine gerade beendete Beziehung. In Inés (Carla Crespo) wächst ein Kind heran, vom Vater des Kindes hat sie sich jedoch getrennt. Sie kann keine neue Familie gründen, ohne die Geschichte ihrer ersten aufgearbeitet zu haben. Dass sie genau das tut, nämlich Verdrängtes aufzuarbeiten, danach sieht es zunächst allerdings überhaupt nicht aus. Wenn die Mutter anruft, drückt sie das Gespräch weg. Und wenn der Kindesvater eine verbindliche Ansage einfordert, bleibt sie stumm.

Doch in ihrer Arbeit bringt die Fotografin Inés das Ungesagte zum Ausdruck. Sie stellt einen Fotoband mit alten Aufnahmen ihrer Familie zusammen, ihre Mutter ist dabei und der kleine Bruder, aber auch der Vater, der 1977 verschwand, als Inés kaum drei Jahre alt war. Damals herrschte in Argentinien eine Militärdiktatur, in deren Verlauf unzählige Menschen - ob Dissidenten oder nicht - entführt und getötet wurden, ohne dass ihre Leichen jemals gefunden wurden. Inés' Vater ist mithin einer von Zehn-, wenn nicht sogar Hunderttausenden desaparecidos, aber in ihren Bilderwelten taucht er wieder auf, hat seinen Cowboyhut auf, lehnt lässig gegen den grünen Wagen, mit dem die Familie immer in den Urlaub gefahren ist.

Welche dieser Bilder Inés' unmittelbarer Erinnerung entspringen und welche sie am Computer erschafft, lässt Autorin und Regisseurin Milagros Mumenthaler offen. Die gebürtige Argentinierin, die lange in der Schweiz lebte, bevor sie nach Argentinien zurückgekehrt ist, ist mit "La idea de un lago" bereits zum zweiten Mal in Locarno vertreten. Mit ihrem Debütfilm "Offene Türen, offene Fenster" hatte sie 2011 hier gleich den Hauptpreis Pardo d'oro gewonnen.

Ein ähnlich furioser Auftritt wird ihr mit dem neuen Film nicht vergönnt sein, denn dieser setzt auf eine Zurückgenommenheit, die man leicht mit Unerheblichkeit verwechseln kann. Konsequent privatistisch erzählt Mumenthaler von subkutanem Schmerz und ungelebter Trauer. Sie drängt das Pathos der Weltgeschichte an den Rand und spielt stattdessen in ihren ausgeblichenen Bildern von einem See, einem Wald, einem Sommerhaus mit der Sehnsucht nach den unbestimmten Sommern der Kindheit.

Doch in der spielerischen Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart liegt eine ganz eigene, drängende Tragik: Am Ende zeigt Mumenthaler ein kleines, kaum drei Jahre altes Mädchen, das die brünette Ponyfrisur von Inés trägt.

Allein sitzt das Mädchen auf dem Boden, erst sieht es auf seine Beine, dann dreht es sich um, um nach anderen Menschen Ausschau zu halten. Ist das Mädchen Inés, das schon als Kleinkind spürt, dass es verlassen wurde? Oder ist es Inés' Tochter, die mit dem Schmerz und der Trauer ihrer Mutter wird leben müssen? Wieder keine Antworten, nur schmerzhafte Fragen.

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