Neue TV-Serie "Justified": Pulp Fiction in der Provinz

Von Denis Krick

Leute abmurksen? Okay. Aber bitte dabei lächeln! In der preisgekrönten Serie "Justified" erweist sich Kentucky als Vorhof zur Hölle, in dem ein US-Marshal gegen höfliche Nazi-Ganoven und andere Verbrecher mit besten Manieren antritt. Die Waffen: Sarkasmus, schwarzer Humor und ein schneller Zeigefinger.

US-Marshal Raylan Givens macht gleich zu Beginn klar, dass mit ihm nicht zu spaßen ist. 24 Stunden Zeit hatte er einem Schurken gegeben, das schicke Miami zu verlassen. Doch der denkt gar nicht daran. Und so wird aus dem Countdown eine Deadline: Givens erschießt nach Verstreichen des Ultimatums den störrischen Verbrecher.

Die Vorgesetzten sind davon nicht begeistert, der Marshal wird in seine alte Heimatstadt ins hinterwäldlerische Kentucky strafversetzt. Givens ist sich keiner Schuld bewusst. Schließlich zog sein Gegenüber zuerst die Waffe. Für ihn war seine Aktion "justified" - gerechtfertigt.

Es wäre ein Schnellschuss, die neue Serie im Programm von Kabel 1 aufgrund dieser klassischen Eröffnung als modernen Westernverschnitt zu bezeichnen - auch wenn die Hauptfigur ständig mit Cowboyhut durchs Bild läuft. "Justified" ist vielmehr düstere Pulp Fiction aus dem US-Hinterland. Die Verantwortung dafür trägt Krimiautor Elmore Leonard ("Jackie Brown"), der die literarische Vorlage für den kantigen Marshal lieferte und als Produzent mit an Bord ist.

Leonards Kentucky ist ein kleiner Vorhof zur Hölle. Wenn auch ein sehr freundlicher. Die Mörder, Vergewaltiger und Drogenhändler haben gute Manieren. Man hält meist einen netten Plausch, ehe man zur Tat schreitet oder sich auf ein Duell mit dem US-Marshal einlässt. Die Brutalität kommt mit einem Lächeln: Hier lädt die sexy Hausfrau morgens zum geselligen Bourbon und erschießt abends kaltblütig ihren besoffenen Ehemann.

Nazi-Bande mit Panzerfaust

Timothy Olyphant ("Deadwood") sorgt als bauernschlauer Gesetzeshüter Givens unter der niederträchtigen, aber sympathischen Landbevölkerung eher widerwillig für Ruhe und Ordnung. Meist kennt er seine Kundschaft aus früheren Zeiten, mit einigen ist er sogar verwandt. Auch sein Erzeuger ist eine lokale Größe in der Unterwelt, das Vater-Sohn-Verhältnis der beiden entsprechend angespannt; insbesondere dann, wenn der Marshal mal wieder seinen alten Herrn aus dem Knast abholen muss.

Givens größtes Problem im neuen alten Revier ist jedoch sein Jugendfreund Boyd Crowder (Walton Goggins aus "The Shield"). Der eloquente Redneck und Anführer einer Neonazi-Bande schießt nicht nur mit Panzerfäusten auf Kirchen, sondern entledigt sich auch skrupellos seiner Gefolgsleute - natürlich mit der gebührenden Höflichkeit. Hätte er nicht dieses Hakenkreuz-Tattoo auf der Schulter, man müsste ihn mögen.

Des Marshals stoische Kollegen, seine Ex-Frau, die Verbrecher von nebenan: Vielschichtige Charaktere sind die große Stärke von "Justified". Und so liegt der Charme der Serie nicht in wilden Verfolgungsjagden und blutigen Schießereien, sondern in sarkastischen Dialogen und vielsagenden Blicken. Allen voran marschiert der verhinderte Cowboy Givens, der seine Schlagfertigkeit sowohl mit der Faust als auch mit dem Mund unter Beweis stellt.

"Justified" ist zusammen mit der Rocker-Serie "Sons of Anarchy" inzwischen ein Aushängeschild des US-Kabelsenders FX. Dort läuft zurzeit erfolgreich die dritte Staffel, den renommierten Fernsehpreis Emmy gab es bereits für die zweite Saison. Die Produzenten haben im Verlauf der Serie das Kunststück vollbracht, den Sarkasmus der Figuren und den schwarzen Humor noch zu steigern. Western-Reminiszenzen findet man keine mehr. Neulich passierte sogar das Unglaubliche: Der Marshal musste eine Folge ohne Hut auskommen. Vermisst hat er ihn nicht.


"Justified", Samstag, 23.10 Uhr, Kabel 1, ab 10. März

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1.
niska 10.03.2012
Zitat von sysopLeute abmurksen? Okay. Aber bitte dabei lächeln! In der preisgekrönten Serie "Justified" erweist sich Kentucky als Vorhof zur Hölle, in dem ein US-Marshal gegen höfliche Nazi-Ganoven und andere Verbrecher mit besten Manieren antritt. Die Waffen: Sarkasmus, schwarzer Humor und ein schneller Zeigefinger. Neue TV-Serie "Justified": Pulp Fiction in der Provinz - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,820261,00.html)
Sehr gute Serie. Nur schade, dass sie in D wieder Samstagnachts versendet wird wo keine Zielgruppe erreichbar ist.
2. Nichts Neues in der Röhre
moderne21 10.03.2012
Na, toll - eine weitere brutal anmutende Serie aus den USA, die es zu uns über den großen Teich geschafft hat. Gewalt geht eben immer (http://www.gewalt-geht-immer.de). Auf dass unsere Sender auch weiterhin bloß keine intelligenten TV-Produkte aus England oder Frankreich für den Rest der bundesdeutschen Mittelschicht synchronisieren !
3.
humtata 10.03.2012
Zitat von moderne21(...)intelligenten TV-Produkte aus England oder Frankreich (...)
Haben Sie hierzu ein paar Beispiele / Tips? Ich bin spontan interessiert. Und bitte, etwas weniger reflexhafte Polemik. Wenn ich eine Rangliste von (für mich) interessanten Serien erstellen müsste, fiele mir nicht einmal ein einziges heimisches Realfilm-Produkt ein.
4. Bigotte Morde zur besten Sendezeit
gutman 10.03.2012
Zitat von sysopLeute abmurksen? Okay. Aber bitte dabei lächeln! In der preisgekrönten Serie "Justified" erweist sich Kentucky als Vorhof zur Hölle, in dem ein US-Marshal gegen höfliche Nazi-Ganoven und andere Verbrecher mit besten Manieren antritt. Die Waffen: Sarkasmus, schwarzer Humor und ein schneller Zeigefinger. Neue TV-Serie "Justified": Pulp Fiction in der Provinz - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,820261,00.html)
Haha, ich liebe das am. Fernsehen. Kein nackter Busen, kein Schamhaar wird es je entweihen, aber gemordet werden darf in allen Varianten zur besten Sendezeit. In was für einer Welt leben wir eigentlich oder will uns diese neue Serie genau das erklären?
5.
niska 10.03.2012
Zitat von moderne21Na, toll - eine weitere brutal anmutende Serie aus den USA, die es zu uns über den großen Teich geschafft hat. Gewalt geht eben immer (http://www.gewalt-geht-immer.de). Auf dass unsere Sender auch weiterhin bloß keine intelligenten TV-Produkte aus England oder Frankreich für den Rest der bundesdeutschen Mittelschicht synchronisieren !
Gehts noch ein bisschen undifferenzierter? Ich meine das unreflektiert-pauschale Ami- und Seriengebashe. Sie müssen Ihr Unwissen das Serienbusiness betreffend nicht so offensichtlich zur Schau stellen. Justified ist brutal intelligent. ;o]
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