Neuer "Die Hard"-Film: Bitte sterben lassen

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Aua, das schmerzt. In "Stirb langsam - Ein guter Tag zum Sterben" kämpft sich Bruce Willis durch das radioaktiv verseuchte Tschernobyl - und eine mit reaktionären Klischees verpestete Story. Vorschlag: Das Actionheld-Unterhemd gegen Rentner-Feinripp eintauschen. Und der Tochter den Job geben.

Was? Das ist schon 25 Jahre her!?

Ja, ist es. 1988 setzt sich der New Yorker Polizist John McClane am Flughafen von Los Angeles in eine Limousine, im Radio läuft Run DMC, und lässt sich zum kaltglänzenden Hochhaus am Nakatomi Plaza bringen, damals Hauptquartier der 20th Century Fox, ein kostengünstiger Drehort. Eigentlich will sich McClane in dem Büroturm mit seiner Ex-Frau aussprechen. Doch dann gerät er mitten hinein in die Geiselnahme des deutschen Terroristen Hans Gruber. McClane verliert alsbald Schuhe und Oberbekleidung, ergattert aber eine Knarre - und setzt mit blutigen Füßen und verschwitztem Unterhemd beherzt zum Alleingang gegen die Schurken an.

Dieser John McClane, der den damals vorrangig als Hauptdarsteller in der luftigen TV-Serie "Moonlighting" bekannten Bruce Willis als Top-Star etablierte, war ein sympathischer Working-Class-Gegenentwurf zu den scheinbar unbesiegbaren Muskelmännern der Achtziger. Stallone, Schwarzenegger, Lundgren und Dudikoff schritten emotions- und regungslos durch Stahlgewitter.

Willis dagegen quälte sich barfuß durch Glasscherben, ihm lief der Schweiß über sein schmerzverzerrtes Gesicht, die Zuschauer litten mit ihm - und jubelten, als er Grubers Erpressungsplan mit dem Ausruf "Yippee-ki-yay, Schweinebacke" vereitelte. McClane, der Fehlbare, der Cop von nebenan, war einer von uns. Und "Die Hard", wie der Film im Original hieß, veränderte Hollywoods Actionhelden.

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Fünfter "Die Hard"-Film: Bruce, allmählich älter
Ja, das war vor 25 Jahren. Damals hatte Bruce Willis noch Haare. Und die "Stirb langsam"-Reihe einen Sinn. Oder besser gesagt: Es machte einfach Spaß, Willis/McClane bei seinen Alleingängen zuzusehen, man verzieh ihm sogar seine bemüht kernigen Sprüche und Patriotismen. Der zweite Teil: ein furioser Flughafen-Thriller, der dritte: eine amüsante Schnitzel- und Terroristenjagd in New York. Mit dem vierten Teil, "Stirb langsam 4.0" (2007) hatte sich das Potential der Figur allerdings erschöpft. Hanebüchene Stunts sollten die fehlende Story kompensieren - und McClane, nicht nur Willis, sah zum ersten Mal richtig alt aus. Nun startet also Teil fünf. Untertitel: "Ein guter Tag zum Sterben". Ach, würde das doch nur für diese Filmreihe gelten, die nun wirklich niemand mehr braucht.

Außer offenbar Bruce Willis, der sich an seine holzschnittartige Actionfigur klammert, als wären seine brillanten, selbstironischen Auftritte in "Pulp Fiction", "The Sixth Sense", "Unbreakable", "16 Blocks", "Sin City" oder zuletzt "Red" und "Looper" nichts wert. Auch einen sechsten "Die Hard"-Teil will er drehen, kündigte der 57-Jährige unlängst an, dann sei Schluss. Hoffentlich.

(Achtung: Spoilerwarnung!!!)

Denn gutes Actionkino kann man das, was von der Fox mit großem Pomp als Eventkino angepriesen wird, beim besten Willen nicht mehr nennen. Schon die Prämisse ist derart an den Haaren herbeigezogen, dass es wehtut: McClanes Sohn Jack (zuletzt im ersten Teil als Baby zu sehen) ist inzwischen Spion beim CIA und hat sich in Russland in einen Konflikt um einen korrupten Politiker und einen inhaftierten Geschäftsmann/Dissidenten verstrickt - und droht nun, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. Papa John, der zu seinem Sohnemann (gespielt vom Australier Jai Courtney) natürlich seit Jahren ein dysfunktionales bis nicht vorhandenes Verhältnis hat, erfährt davon, nimmt Urlaub - und setzt sich in einen Flieger nach Moskau.

Zum Heulen reaktionär

Warum bloß? Was um Himmels Willen glaubt er, in der ihm völlig fremden Stadt ausrichten zu können? Was soll das? Solche Fragen soll eine - nach einem verwirrenden Intro, das den Moskauer Plot im Schnelldurchgang zu erklären versucht - langwierige, getöseartige Auto-Verfolgungsjagd hinwegfegen, an der (neben verdächtig vielen Mercedes-Fahrzeugen) auch ein von einer Autobahnbrücke fliegender Panzerwagen beteiligt ist.

Auch Jack, der den Dissidenten (knallchargig gespielt vom deutschen Charakterkopf Sebastian Koch) außer Landes bringen soll, findet den Hoppla-jetzt-komm-ich-Auftritt seines Altvorderen nicht witzig. Doch natürlich dient das Abenteuer vor allem dazu, Vater, Sohn und Tochter (die Papa im vierten Teil retten muss) wieder in hollywoodgerechter Harmonie zu vereinen.

Das alles ist so hölzern und durchschaubar - und vor allem unironisch - inszeniert, dass man nur noch ein mattes Stöhnen hervorbringt, als die Handlung von Moskau in die Ukraine verlegt wird - nach Tschernobyl. In der Rest-Radioaktivität entpuppt sich Dissident Kamarov als wahrer Bösewicht. Angeblich verursachte er einst die Kernschmelze im Katastrophenreaktor, weil er dort waffenfähiges Uran herstellte, das er nun für teures Geld auf den internationalen Schwarzmarkt werfen will. Tschernobyl, wirklich? Skrupellose russische Kriminelle und Politiker, im Ernst?

Natürlich zeigen der alte und der junge McClane den Ost-Schurken, die zwar keine Kommunisten mehr sind, aber trotzdem nichts Gutes im Schilde führen, was eine rechtschaffene amerikanische Harke ist - und ballern so lange herum, bis Kamarov samt seiner durchtriebenen (und russisch-glutäugigen) Tochter bei einem Helikopterabsturz in Flammen aufgehen. Immerhin eine Nummer kleiner als der unfreiwillig groteske Zusammenprall eines Sattelschleppers mit einem Düsenjet, der das Actionfinale des vierten Teils bildete.

Zwischendurch hängt McClane Senior, natürlich im schmutzigen Unterhemd, an einer der Kufen des Hubschraubers, und beschwert sich dabei, dass er doch eigentlich Urlaub habe. Das ist der Humor-Holzhammer, mit dem Drehbuchautor Skip Woods ("Hitman") und Regisseur John Moore ("Max Payne") hier hantieren. Aus Nostalgie (oder Klischee-Versessenheit) gibt es zu Beginn auch noch eine Szene mit einem schrägen Moskauer Taxifahrer, der Sinatras "New York, New York" singt und McClane umsonst kutschiert, weil er ja Amerikaner ist und - von Working-Class-Hero zu Working-Class-Hero - mit ihm herumkumpelt. Sind ja schließlich nicht alle Russen Schurken. Es ist zum Heulen, so reaktionär und plump ist das alles.

Und das ausgerechnet zu einer Zeit, da die Action-Dinosaurier Stallone ("Bullet To The Head") und Schwarzenegger ("The Last Stand") ebenfalls mit schrecklich humorlosen Spektakeln in die Cineplexe drängen - und von ebenso konservativen Stahlmänner-Vehikeln wie "Jack Reacher" oder "Parker" flankiert werden. Der John McClane von 1988, ein selbstironischer Underdog, wäre da dringend vonnöten. Stattdessen: Ein Super-Patriarch, der durch Moskau poltert. Und Sohnemann Jack McClane? Guckt die meiste Zeit nur dumm-dräuend aus der (Unter-)Wäsche - man schütze uns vor ihm als Willis-Nachfolger! Vorschlag zur Güte: McClanes Tochter Lucy (wunderbar wie immer, auch wenn sie nur eineinhalb Szenen hat: Mary Elizabeth Winstead) übernimmt Teil sechs und Bruce macht es sich im Schaukelstuhl bequem. Bitte!


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insgesamt 105 Beiträge
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1.
XRay23 14.02.2013
Der Film muss wirklich gut sein. Erfahrungsgemäß sind es meist die besten Filme welche bei SPON die miesesten Kritiken einfahren. Also: Ansehen! :-)
2. Jawoll
prospektor 14.02.2013
Zitat von sysopUnd der Tochter den Job geben.
So sieht's aus. Man(n) sieht doch viel lieber eine verschwitzte vollbusige Dame im knappen Unterhemdchen herumkraxeln, und die Feministen freut's wegen dem üblichen "yeah, eine Frau, die Männer zusammenschlägt, juhu!". An der Altersdiskriminierung (Rentner-Feinripp) müssen wir aber noch arbeiten, lieber Spiegel, denn mit dem demographischen Wandel kommt sonst schnell der Absturz in der Gunst der Leser.
3. Ausnahmsweise keine deutschen Schurken
braunschweiger77 14.02.2013
Wären wie sonst auch bei "Stirb Langsam" üblich die Deutschen die Bösewichter hätte sich der Autor wohl nicht über den "erschreckend reaktionären Plot" beklagt.
4. Kult!
Hypocrist 14.02.2013
Zitat von sysopAua, das schmerzt. In "Stirb langsam - Ein guter Tag zum Sterben" kämpft sich Bruce Willis durch das radioaktiv verseuchte Tschernobyl - und eine mit reaktionären Klischees verpestete Story. Vorschlag: Das Actionheld-Unterhemd gegen Rentner-Feinripp eintauschen. Und der Tochter den Job geben. Neuer "Die Hard"-Film: Lasst mal bitte langsam sterben, die Reihe! - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/neuer-die-hard-film-lasst-mal-bitte-langsam-sterben-die-reihe-a-881331.html)
Da mir die beiden hier ebenfalls runtergemachten "Expendables"-Filme richtig gut gefallen haben, freue ich mich schon auf den aktuellen Streich von John McClane.
5.
Meckermann 14.02.2013
Zitat von XRay23Der Film muss wirklich gut sein. Erfahrungsgemäß sind es meist die besten Filme welche bei SPON die miesesten Kritiken einfahren. Also: Ansehen! :-)
Dachte ich mir auch. Mir ein Rätsel, warum der Spiegel in Actionfilmen immer nach intelligenter Handlung oder einem überraschenden Plot sucht. Dass ein fünfter Teil nicht mehr so frisch wie ein erster Teil sein kann, stimmt natürlich, aber damit rechnet ja auch keiner ernsthaft...
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Stirb langsam - Ein guter Tag zum Sterben

USA 2013

Originaltitel: A Good Day To Die Hard

Regie: John Moore

Buch: Skip Woods

Darsteller: Bruce Willis, Sebastian Koch, Jai Courtney, Mary Elizabeth Winstead, Rasha Bukvik, Julia Snigir

Produktion: Twentieth Century Fox

Verleih: Fox

Länge: 98 Minuten

FSK: 16

Start: 14. Februar 2013