Film-Essay über sterbende US-Stadt Zombie City

Die deutsche Regiehoffnung Bastian Günther hält das Leben in einer US-Geisterstadt fest: In "California City" kombiniert er Dokumentation und Drama zu einem surrealen Happening.


Im Antelope Valley in der kalifornischen Wüste verwest eine Stadt. California City, gegründet 1965, gilt flächenmäßig als drittgrößte Stadt im Bundesstaat. Sie ist jedoch eine Geistersiedlung, ein Mahnmal aus verlassenen Fertighäusern auf heißem Sand. Angeblich wohnen heute noch knapp über 13.000 Menschen dort, angelegt war sie für Millionen.

Bastian Günther stieß durch Zufall auf diesen verdorrten Traum einer Metropole. Der Regisseur, der seine Gedanken zum Thema Isolation und Stadtplanung bereits in dem beeindruckenden Trinker-und-Arbeitswelt-Drama "Houston" mit Ulrich Tukur verhandelt hatte, war fasziniert. Wenn auch nicht im positiven Sinne: "Der Ort hatte von Anfang an eine seltsame Wirkung auf mich - er deprimierte mich extrem".

Der 40-Jährige sitzt in einem Kreuzberger Café und versucht seine Begeisterung für die gruselige Leere in Worte zu fassen. "Was man dort sieht, könnte aus einem Philip K. Dick-Roman aus den Sechzigerjahren stammen. Als ob man direkt in der Science-Fiction angekommen ist."

Günther reiste immer wieder zu den in adretter Reißbrettform angelegten Ruinen. Vier Jahre lang besuchte er während mehrmonatiger USA-Aufenthalte mit seiner amerikanischen Ehefrau die verlorene Gemeinde. Und filmte schließlich, gemeinsam mit seinem Kameramann Michael Kotschi, der bereits bei "Houston" für aufsehenerregende Bilder gesorgt hatte, einen Essay. Sein Film "California City" ist ein Hybrid aus Dokumentar- und Spielfilm, das von einem Mann erzählt, der in einem Ganzkörperschutzanzug die leeren Pools der leeren Häuser mit Chemikalien einsprüht, um mögliche Mückenbrutplätze auszurotten.

Insektenkiller und Telefonwahrsager

Die sandgelben, dystopischen Tableaus, die Günther und Kotschi fanden und von Anne Fabini im Schnitt kombinieren ließen, ähneln Sci-Fi-Szenen: ein Mann im Raumanzug, der sich der Ödnis eines fremden Planeten stellt und Überreste von Zivilisationen untersucht. Zaghaft schält sich - vor allem durch Voice-Over - eine Geschichte heraus: Der namenlose Insektenkiller, der auf seiner Reise echte Menschen, störrische und eigenwillige Einwohner des Ortes kennenlernt, erinnert sich an seine Exfreundin. Sie taucht in Super 8-Sequenzen auf, schaut in die Kamera, spielt Mundharmonika, während der Protagonist das Ende der Beziehung bedauert oder diverse (echte) Telefonwahrsager um Rat bittet.

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Dokudrama "California City": Land ohne Nachbarn
Günther hat den Giant Sand-Kopf Howe Gelb gewinnen können, um für ihn Musik zu machen - nicht nur passt der Bandname, auch verschwimmen Gelbs traurige Riffs vorbildlich mit dem Geräusch von Wind und dem Motorengeräusch des Trucks.

An Howe Gelb hatte sich Günther erst einmal herantasten müssen, bevor es ans Komponieren ging. Er erzählt, wie er Gelb in Tucson besuchte, wie man den ganzen Tag gemeinsam Erledigungen tätigte, quatschte, Vintage-Schätzchen einkaufte, bis der Deutsche langsam unruhig wurde. Wann würde es denn losgehen? "In der Wüste läuft alles langsamer", sagt Günther. "Aber so wurde das ein freier, offener Prozess. Es war wichtig, dass man sich näher kommt, dass man über Leid, Krisen und Liebeskummer spricht. So hat jeder seinen emotionalen Beitrag zu dem Film geleistet. Und der Zuschauer sollte sich selbst reinfühlen können ".

Günther hat "California City" mit einem Mikrodrehbuch von 10 Seiten, einem Mikrobudget von 200.000 Euro und einer Drei-Personen-Mikrocrew gedreht, mit einer HD-Cam und einer geliehenen Infrarot-RED-Kamera, die normalerweise für Nachtaufnahmen benutzt wird. "Dadurch gab es diese rotbraunen, überstrahlten Bilder, die aussehen, als ob eine Bombe gefallen ist."

Radikal ist der Film, man könnte ihn verkopft nennen, sperrig, trotz des Settings deutsch. Dabei hat Günther, der bei dem Autorenfilmstar Christian Petzold ("Barbara") Regieassistent war und dessen klare Bildsprache sehr mag, sich einfach nur konsequent zu Herzen genommen, was ihm im Studium beigebracht wurde: "Du musst Filme machen über das, was du kennst, hieß es. Also habe ich versucht, einen Teil von mir hineinzustecken. Ich erzähle von Krisen. Wenn ich nur das machen würde, von dem ich glaube, dass andere es sehen wollen, wäre ich ein Erfüllungsgehilfe."

Dem Wahlberliner ist es wichtig, spontan zu bleiben, und die Informationen soweit zu reduzieren oder zu abstrahieren, dass nur mitkommt, wer sich wirklich drauf einlassen will. Trotz des potenziell teuren und nur mit Anstrengungen finanzierbaren Mediums Film: Im System der Förderungen, die gemäß ihrer Natur vor allem die möglichen Einspielergebnisse berücksichtigen müssen, ist diese Position selten.

Poetisch-postapokalyptische Essays wie "California City", Dramen wie "Houston", oder Günthers Erstling "Autopiloten" sind Ausnahmen in einer lokalen Filmlandschaft, die weitgehend aus Blockbuster-Komödien, Coming-of-Age-Dramen und wenigen mutigen Kamikaze-Regisseuren besteht.

Und selbst bei einer Arbeit für das behäbige öffentlich-rechtliche Fernsehen bleibt sich der Regisseur treu: Ein kürzlich gedrehter Tatort, der Ende Dezember ausgestrahlt wird, kratzt an den Formatgrenzen des heiligen Sonntagabendkrimis. Ulrich Tukur spielt neben Wolfram Koch, Martin Wuttke und Margarete Broich einen von vier Kommissaren und Kommissarinnen.

Tukur war von der Idee, die Günther seinem "Houston"-Darsteller eines Abends an der Theke vorstellte, begeistert: Die Story beginnt mit einem klassischen Fall. Doch nach einigen Minuten wechselt die Perspektive, der Schauspieler Tukur wird in einen Mordfall verwickelt und bittet seine Film-Kolleginnen um Hilfe. Egal, ob es gute oder schlechte Quoten gibt: Angenehm irritieren wird der Film auf jeden Fall.

Sehen Sie hier den Trailer zu "California City"

insgesamt 5 Beiträge
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thomas haupenthal 21.08.2015
1. Gerade...
...mal in der englischsprachigen wikipedia nachgeschaut: die Stadt stirbt nicht, im Gegenteil, die Bevoelkerung waechst. Wenn auch nur von 8000 auf etwa 14000 Menschen. Aber so klingt die Ueberschrift natuerlich besser.
hubert heiser 21.08.2015
2. @thomas
Man könnte aus dem Artikel auf herauslesen, dass die Stadt ihren Höhepunkt hinter sich gelassen hat: ca. 14.000 Einwohner in 2010, ca. 13.000 in 2014, also deutlich rückläufig. Zitat aus https://en.wikipedia.org/wiki/California_City,_California: ---Zitat--- To this day a vast grid of crumbling paved roads, intended to lay out residential blocks, extends well beyond the developed area of the city. ---Zitatende--- Ich kann mir gut vorstellen, dass dies den Eindruck einer Zombie- oder Geisterstadt hinterlassen kann. Und wenn dies genau der Eindruck ist, den der Film vermittelt, passt die Überschrift doch, oder?
Newspeak 21.08.2015
3. ...
Die Beschreibung macht jetzt nicht gerade Lust auf den Film! Es klingt wie verkopftes Autorenkino ideell gefördert von verstaubten deutschen Regieprofessoren, die zwar die gesamte Filmtheorie kennen, aber selber noch nie einen erfolgreichen Film gemacht haben. Wer sagt einem denn, daß man sich gegen den Mainstream stellt, nicht etwa weil man einen Gegenpol setzen will, sondern weil man Mainstream auch gar nicht kann? Und was soll schlecht daran sein, wenn Regisseure AUCH den Publikumsgeschmack berücksichtigen. Nicht im total kommerziellen Sinne wie bei Hollywood-Blockbustern (die im Grunde aber den sich wandelnden Publikumsgeschmack auch nicht berücksichtigen, weshalb es irgendwann Flop an Flop bei den Superheldenfilmen geben wird), aber auch nicht das andere Extrem. Und 200.000 Euro als Mikrobudget zu bezeichnen, ist auch irgendwo krank. Vor allem für einen Autorenfilm ohne viele Tricks und dergleichen. Die Leute haben doch alle keinen Bezug mehr zur Realität.
toxic 21.08.2015
4. ...
Schön, dass der deutsche Film nicht nur aus SchweigerSchweighöferM'Barek-Shit besteht...
teutonicmetal 21.08.2015
5. Ha!
Mein Schwager lebt dort. Meine Nichte ist soeben zu uns nach LA gezogen da sie es in diesem Shithole nicht mehr aushalten konnte. Was dort abgeht ist schwer zu beschreiben.
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