Neuer "Star Trek"-Film Die beste Pyjamaparty im All

Beamer, Phaser, Warp-Geschwindigkeit: Kann man all diese Klassiker des "Star Trek"-Universums noch mal interessant und zeitgemäß machen? Regisseur J. J. Abrams ist es gelungen - seine Kinofassung des Sci-Fi-Mythos ist sexy, spannend, rasant und - Skandal! - verschafft Spock sogar eine Geliebte.

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Wie immer eine ferne Zukunft auch aussehen mag, die Kneipenschlägerei bleibt uns erhalten. So will es zumindest Regisseur J. J. Abrams, der in seinem mit reichlich Erwartungsdruck aufgepumpten "Star Trek"-Prequel eine futuristische Bierschwemme zum Schauplatz ganz jetztzeitiger Keilerei macht.

Szene aus dem neuen "Star Trek": Der Kirk ist tot, lang lebe der Kirk
Industrial Light and Magic / Paramount Pictures

Szene aus dem neuen "Star Trek": Der Kirk ist tot, lang lebe der Kirk

Im Zentrum des Gerangels teilt ein junger Mann besonders kräftig aus, und seine eigentümliche Körpersprache beim Faustkampf lässt nur einen Schluss zu: Das muss James Tiberius Kirk sein, Captain des legendären Raumschiffs Enterprise und damit Ur-Held eines fast fünf Jahrzehnte, sechs TV-Serien und nunmehr elf Kinofilme umfassenden Science-Fiction-Franchise-Unternehmens.

Allein, der heißblütige Randalierer weiß noch nichts von seinem Glück, schließlich soll mit neuer Besetzung die Vorgeschichte der klassischen Serie von 1966 erzählt werden. Statt dem fröhlichen Fossil William Shatner steckt darum Jungschauspieler Chris Pine in Kirks schmucken Stiefeletten, und umso mehr beeindruckt sein physisches Spiel in dieser Szene. Perfekt spielt Pine die kleinen Manierismen und Ticks Shatners nach, dessen Captain stets für handfeste Auseinandersetzungen zu haben war: Der Kirk ist tot, lang lebe der Kirk.
Die glaubhafte Verjüngung der vertrauten Figuren ist entscheidend, denn Abrams' Werk startet aus immenser Fallhöhe: So enttäuschten die vorherigen Filme mit einer selbst längst überalterten "Next Generation" an der Kinokasse, weshalb es hier auch um den Fortbestand der erfolgreichen Marke "Star Trek" geht. Doch vor allem gilt es eine globale Fanbasis zu überzeugen, die akribisch noch den kleinsten kosmischen Pups im Universum des 1991 verstorbenen Trek-Erfinders Gene Roddenberry analysiert.

Faszinierend: Mr. Spock und der Sex

Das erfordert einen heiklen Spagat zwischen radikaler Runderneuerung und respektvoller Restaurierung des in die Jahre gekommenen Dampfers Enterprise. Abrams und die Autoren Roberto Orci und Alex Kurtzman meistern die Herausforderung, indem sie munter den Fundus des Genres sowie der erweiterten Popkultur plündern, sich mehr für zeitlose menschliche Dramen als die idealistische Vision eines pangalaktischen Völkerbunds interessieren.

Und nicht zuletzt, weil sie die Schlüsselfigur des Vulkaniers Spock kühn neu erfinden: Der spitzohrige Wissenschaftsoffizier, verkörpert von Zachary Quinto ("Heroes"), ist nun nicht mehr die kühle Stimme der Vernunft, sondern ein zwischen Ratio und Emotionen aufgeriebener Held.

Sensibel, sinnlich, ja regelrecht sexy hadert er mit dem humanen Erbe seiner menschlichen Mutter (eine unter reichlich Latex verborgene Winona Ryder) und legt sich mit dem gleichfalls getriebenen Kirk an, der im Schatten seines übermächtigen, verstorbenen Vaters auf seine Berufung wartet.

Und, konservative Trekkies halten sich jetzt besser an ihrem Tricoder fest: Dieser spätpubertierende Spock hat sogar eine Freundin.

Überhaupt wurde der gesamten Besatzung eine Hormonspritze verpasst: Die Piloten Sulu (John Cho) und Chekov (Anton Yelchin), Schiffsarzt "Bones" McCoy (Karl Urban), die unersetzliche Uhura (Zoe Saldana) und Bordmechaniker Scotty (Simon Pegg), sie alle dürfen Gefühl zeigen und in der Krise glänzen. Auch deshalb ist das geriatrische Geplänkel der alten Besatzung - welche zuletzt wie eine Familienfirma auf Betriebsausflug agierte - schnell vergessen, wenn die an Bord der fabrikneuen Enterprise vereinten Nachwuchskräfte zu ihrem ersten Notfalleinsatz ausrücken.

Anlass hierzu bietet eine Gruppe von Romulanern um den tätowierten Renegaten Nero (Eric Bana). Der ist aus der Zukunft zurückgereist, um Vergeltung für die Zerstörung seines Heimatplaneten zu üben. Dafür will Nero nicht nur das gesamte Sternenbild der Förderation pulverisieren, sondern sich auch persönlich am vermeintlich Hauptschuldigen rächen: Dem ebenfalls aus der Zukunft zurückgekehrten altersweisen Spock, den Leonard Nimoy in einer erfrischenden Reprise seiner Paraderolle gibt.

Auf ideologisch neuem Kurs

Nun war das Dilemma der "Star Trek"-Filme schon immer, dass Sternenflotte und Konsorten durch Wurmlöcher und Zeitanomalien reisen wie Pendler durch den Elbtunnel. Darum sorgt der eigentliche Plot samt Neros Anti-Materie-Gehuber auch allenfalls für wissendes Kopfnicken beim Publikum.

Weit spannender als das Was ist daher das Wie: Neben knackiger Action und einem schnittigen Design, das bis zum Salzstreuer in Raumschiffform kein Detail auslässt, sorgt die ideologische Neuausrichtung des Trecks für Aufsehen.

Der ist bei Abrams eher martialischer Kreuzzug denn friedliche Expedition, und entsprechend weicht Humboldtscher Forscherdrang einem deterministischem Schicksalsglauben: Kirk und Spock, die tragischen Halbwaisen und anfänglichen Antagonisten, müssen als verlorene Brüder zueinander finden, um gemeinsam die Galaxis zu retten. So will es jedenfalls ein neo-mythischer Weltenplan, der frappierend an die andere große Weltraumoper "Star Wars" gemahnt.

Dort wurde regelrecht abgepaust: Nicht nur düst der rebellische Farmboy Kirk eingangs durchs staubige Iowa wie weiland Luke Skywalker auf Tatooine, nein, auf einem Eisplaneten (!) hat er obendrein ein ganz eigenes Obi-Wan-Kenobi-Erweckungserlebnis, als ihm der alte Spock seine Bestimmung offenbart.

Zwischen Revolution und Restauration

Allen, die sich über den Klau beim ebenfalls wild zusammenzitierten "Krieg der Sterne" aufregen mögen, sei gesagt, dass "Star Trek" genau das lustvolle, rasante und schnörkellose Prequel ist, das George Lucas seinen leidgeprüften Zuschauern in den drögen "Episoden I-III" vorenthalten hat.

Flotter hat seit Joss Whedons grandioser Weltraum-Westernserie "Firefly" niemand alte Genrestandards an neue Sehgewohnheiten angepasst als Serienschöpfer Abrams, der gleich mehrere Konflikte und Charakterentwicklungen anreißt und damit etliche Aufhänger für mögliche Fortsetzungen bereithält.

Doch ganz gleich ob verjüngt oder nicht, Kirk und seine Crew sind kapitale Ikonen, die der Film entsprechend pfleglich behandeln muss. Darum kann Abrams nicht wie in seinem spekulativen Fernsehhit "Lost" ständig das dramaturgische Damoklesschwert über den Hauptfiguren schweben oder sie gar über die Klinge springen lassen.

Schließlich geht es auch um die Bewahrung einer paradoxen, nostalgischen Utopie, die beträchtlichen Reiz aus Vertrautheit und Wiederholung zieht. Das mit der Enterprise groß gewordene Publikum schätzt die unendliche Weiten des Weltraums, aber ebenso wichtig sind ihm Beamtransporter, Phaser, Warp-Geschwindigkeit und knallige Schlafanzuguniformen.

Die Verantwortlichen tragen dem vollends Rechnung: "Star Trek" 2009 ist eine hochtourige, über Strecken begeisternde sentimental journey in die Vergangenheit der Zukunft. Und sicherlich die beste Pyjamaparty im All.

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insgesamt 301 Beiträge
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Seite 1
NorQue, 05.05.2009
1. Hormonspritze? Schicksalsglauben?
Das Gerede von der Hormonspritze und dem Schicksalsglauben macht mir jedenfalls keine große Hoffnung auf einen sehenswerten Star Trek Film. Allenfalls ein Actionspektakel, dem irgendwie das Ettikett Star Trek aufgedrückt wurde.
FBE 05.05.2009
2. Na...
... da hört sich aber jemand gerne reden bzw. sieht sich gerne beim Schreiben zu. Hauptsache, es klingt geschwollen und intellektuell.
franxinatra 05.05.2009
3. Ich traue mich ja beinahe nicht ...
...es laut zu sagen, aber mit (Jhg '60) ist der ganze Cast ein bisschen zu Jung; Möchtegern-James-Deans, die in viel zu großen Fußspuren stapfen. Allerdings werde ich mir den Streifen dennoch ansehen, auch auf die Gefahr hin, dass es ein Treckie-Schisma geben könnte.
underdog, 05.05.2009
4. ...
Zitat von NorQueDas Gerede von der Hormonspritze und dem Schicksalsglauben macht mir jedenfalls keine große Hoffnung auf einen sehenswerten Star Trek Film. Allenfalls ein Actionspektakel, dem irgendwie das Ettikett Star Trek aufgedrückt wurde.
Hauptsache, uns bleiben Witzfiguren wie Ewoks und JarJar-Binks erspart ;)
Celegorm 05.05.2009
5. hört hört
Zitat von FBE... da hört sich aber jemand gerne reden bzw. sieht sich gerne beim Schreiben zu. Hauptsache, es klingt geschwollen und intellektuell.
Scheint der Autor aber nicht der einzige zu sein. Hauptsache genörgelt, was? Bis auf den kleinen Unterschied, dass ersterer wohl immerhin den Film gesehen hat, Sie hingegen vermutlich nicht und deshalb eigentlich auch nicht beurteilen können, ob der Artikel nicht doch den Nagel auf den Kopf trifft..;)
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