Til-Schweiger-Film "Schutzengel" Balla-balla in Brandenburg

Auch ohne Beine kann man ein cooler Typ sein, Frauen stehen auf harte Krieger - das sind die Botschaften von Til Schweigers neuem Action-Film "Schutzengel". Bei dem Heldenepos über einen ehemaligen KSK-Soldaten hat unser Autor Tränen gelacht: eine erstklassige Klamotte.

Warner Bros.

Lieber Til Schweiger,

Ich weiß schon, was Sie jetzt denken: Ah, eine Besprechung von "Schutzengel", meinem neuen Film. Na warte, da versteht wieder so ein übergewichtiger Sesselfurzer vom Föhlitongg meine Arbeit nicht. Weil er sie nicht verstehen will. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, dass nämlich auch Deutschland seine Helden hat, Leute, die sich was trauen, ob am Hindukusch oder im Cineplex. Helden aber werden hierzulande mit Häme und Humorlosigkeit bulldozergleich eingeebnet. Auf solche Kritiker pfeifen Sie völlig zurecht: "Deshalb habe ich auch vor Jahren schon gesagt: Ich zeige euch meine Filme nicht mehr vorab. Wenn ihr den Film niedermachen wollt, dann geht ins Kino und blendet aus, dass um euch herum 700 Leute sitzen, die sich totlachen".

Und deshalb haben Sie sich und zwei Tonnen Nutella von der Bundeswehr nach Afghanistan fliegen lassen, "Schutzengel" zuerst einmal "unseren" Soldaten gezeigt - und damit den Kritikern in der Heimat, was eine Harke ist und auf wessen Urteil Sie wirklich wert legen. Schließlich handelt der Film von einem KSK-Veteranen (Til Schweiger), der eine minderjährige Kronzeugin (Luna Schweiger) vor den immer aufs Neue ausschwärmenden Killerkommandos des Bösen (Heiner Lauterbach) beschützt. Im neuen Trailer sagen denn auch die Soldaten nach der Premiere posttraumatische Sätze wie: "Hier musste ich mich echt zusammenreißen, nicht vor meinen Kameraden zu weinen" oder: "Ich werde auch in Deutschland ins Kino gehen".

Ich also nichts wie rein ins Kino, gleich am ersten Tag. Nicht als Kritiker, sondern als bezahlender Zuschauer Ihres international konkurrenzfähigen Action-Thrillers mit ernstem Hintergrund darf ich es daher offen aussprechen: Ich habe Tränen gelacht. "Schutzengel" ist eine erstklassige Klamotte, Ihre bisher mit Abstand beste Komödie. Respekt. Meine Lieblingsszenen waren die, wo das Fahndungsfoto auf dem Polizeicomputer spannungsbedingt so langsam lädt, als wär's ein Fax aus den achtziger Jahren. Und die, in der beim Showdown ein Trupp vermummter Killer in gerader Linie über freies Feld auf eine Hütte zuschreitet - eine Angriffsmethode, die spätestens seit dem Paläolithikum aus der Mode gekommen sein dürfte, hier aber den Frauen die Gelegenheit gibt, durch die Hintertür zu türmen und es dem Held ermöglicht, die Tontauben einzeln abzuschießen.

Gedreht wurde der Film in Berlin und Umland, aber die Tonspur kommt komplett aus Hollywood. Anders ist nicht zu erklären, warum leere Patronenhülsen klirrend in den märkischen Sand fallen, hochdramatische Schießereien in Zeitlupe von lautem Herzklopfen begleitet werden oder die Streifenpolizei apokalyptische Heulsirenen wie in New York verwendet - statt des hierzulande üblichen, allzu betulichen "Tatütata". Es knistert wie ein Osterfeuer, wenn jemand nur an einer Zigarette zieht, und selbst das Gefluche der Halunken ("What the fuck!") ist international konkurrenzfähig. Moritz Bleibtreu spielt den treuen Kameraden, der den Verlust beider Beine mit erfrischendem Krüppelhumor nimmt und eine wenig behindertengerechte Hütte in der Uckermark bewohnt, die hier mit bräunlichen Kamerafiltern und exquisiter Requisite (Das Rad einer Kutsche! Ein amerikanisches Auto!) wie der Mittlere Westen wirkt.

Fotostrecke

6  Bilder
Action-Film "Schutzengel": Til Schweiger wachsen Flügel

Leider täuscht Ihre Liebe zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht über Ihre eigenen begrenzten Möglichkeiten hinweg. Die Löcher im Plot sind so groß, dass selbst ein Fuchs-Spürpanzer darin mühelos in Deckung gehen könnte, und die Charaktere sind so fein geschnitzt wie ein naturbelassener Baumstumpf. Der Held ist "einfach gut" und sah früher "in der Uniform einfach toll aus", seine große Liebe ist "einfach witzig", der Böse "ein echter Widerling" und der beste Freund aufopferungsvoll bis in den Tod.

Dabei haben Sie die Nebenfiguren mit allem besetzt, was man für fettes Filmförderungsgeld kaufen kann. Rainer Bock gibt den korrupten Politiker, Herbert Knaup den lustig-trotteligen Polizeichef und Hannah Herzsprung die verliebte Kollegin. In einer Gastrolle glänzt sogar Mathias Döpfner, im Nebenberuf Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, obwohl er nur für exakt eine Sekunde zu sehen ist. Trotzdem interpretiert er seine Rolle als Chirurg, dessen Operationssaal gerade von Killern gestürmt und von Maschinenpistolen durchlöchert wird, mit eher verdutztem als erschrockenem Gesicht sehr sensibel und eigenwillig.

Entsprechend nachdenklich ging's durch den Nieselregen nach Hause, denn Ihr Film stellte auch die richtigen Fragen: Warum spielten Sie den Helden nicht so, wie wir das aus ihren anderen Komödien gewohnt sind - also anfänglich als Arschloch, das im Laufe der Geschichte geläutert wird? Wäre es nicht opportun gewesen, Ihre Figur als tatsächlich traumatisierten Kriegsheimkehrer anzulegen, statt als von vorne bis hinten erzengelsgleiche Verkörperung des Guten? Wozu das ganze PR-Gebimmel mit Afghanistan und so, wenn das alles nur austauschbare Kulisse war und wir im Grunde die Blaupause für den neuen "Tatort"-Kommissar Til Schweiger gesehen haben? Und was wäre die Botschaft an Bundeswehr-Soldaten im Auslandseinsatz? Ihr könnt auch ohne Beine total coole Typen sein? Die Tugenden des Rumballerns sind auch in Brandenburg gefragt? Frauen stehen auf Narben und harte "Krieger", die in weichen Momenten mit verschattetem Blick von schlimmen "Dingen" schwadronieren? Und was hat Sie geritten, die zweite tragende Hauptrolle ihrer Tochter Luna zuzuschanzen? Vaterliebe kann es nicht gewesen sein, denn dem schläfrig nuschelnden Mädchen mit der mimischen Ausdrucksfähigkeit des Vollmonds war die Überforderung in jeder Szene schmerzhaft deutlich anzumerken.

Ich weiß, was Sie jetzt denken. Aber es stimmt nicht. Gerne hätte ich mich von "Schutzengel" beeindrucken, belehren oder wenigstens unterhalten lassen. Ich wollte Ihren Film nicht im voraus niedermachen und musste, wie gesagt, oft herzhaft lachen. Aber meine Meinung ist nicht maßgeblich. Und ich kann nicht ausblenden, dass im Kino außer mir und um mich herum 17 andere Leute saßen, die sich offenbar zu Tode gelangweilt haben.

Ihr Arno Frank

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 97 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kimba2010 28.09.2012
1. optional
Spätestens seit dem grottigen "Inglorious Basterds" weiss man doch, was man von Schweigers Geschmack und Rollenauswahl zu halten hat. Danke für die Rezension, Herr Frank.
MartinB. 28.09.2012
2. Thema Tonspuren...
Ich habe "Schutzengel" nicht gesehen, aber beim Thema Tonspuren kriege ich auch öfters die Krise. Wenn eine 9mm röhrt wie eine Weltkriegs-Flak, Autoreifen quietschend durch den Sand radieren und jeder Faustschlag klingt wie eine Porzelanvase im Sack, dann ist Holywood...
Voltaren 28.09.2012
3. Endlich mal jemand...
Zitat von sysopWarner Bros.Auch ohne Beine kann man ein cooler Typ sein, Frauen stehen auf harte Krieger - das sind die Botschaften von Til Schweigers neuem Action-Film "Schutzengel". Bei dem Heldenepos über einen ehemaligen KSK-Soldaten hat unser Autor hat Tränen gelacht: Eine erstklassige Klamotte. Respekt! http://www.spiegel.de/kultur/kino/neuer-til-schweiger-film-schutzengel-ballern-und-lachen-a-858549.html
...der diesem unausstehlichen Typen den Marsch bläst!
Le Commissaire 28.09.2012
4.
Zitat von sysopWarner Bros.Auch ohne Beine kann man ein cooler Typ sein, Frauen stehen auf harte Krieger - das sind die Botschaften von Til Schweigers neuem Action-Film "Schutzengel". Bei dem Heldenepos über einen ehemaligen KSK-Soldaten hat unser Autor hat Tränen gelacht: Eine erstklassige Klamotte. Respekt! http://www.spiegel.de/kultur/kino/neuer-til-schweiger-film-schutzengel-ballern-und-lachen-a-858549.html
Danke für diese schöne Besprechung! Ich habe die Vorschau gesehen und hatte schon dabei Fremdschämen. Wenn Till Schweiger eine Waffe in die Hand nimmt oder sonst wie böse rüberkommen möchte, wirkt das auf mich immer so, als wenn ein Mops als Wachhund eingesetzt wird.
KKonsczewski 28.09.2012
5. Schwil Teiger
Bereits die Kinovorschau war abschreckend ohne Ende, so etwa auf dem Level der Klarmobil-Werbung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.