New-York-Drama "Little Men" Kinder im Streik

Das große Problem der Gentrifizierung, erzählt in kleinen Gesten: Während ihre Eltern sich wegen Geld in den Haaren liegen, schließen zwei sehr unterschiedliche Jungen einen Pakt - und Freundschaft.

Salzgeber & Co. Medien GmbH

Von Jan Künemund


"Du bist ein super Freund, Jake." - "Du auch, Tony." Mit diesem lakonischen Dialog ist es besiegelt: Zwei 13-jährige beste Freunde aus Brooklyn beschließen, nicht mehr mit ihren Eltern zu reden. Seit Tonys Mutter und Jakes Eltern im Konflikt miteinander liegen, dürfen die beiden nicht mehr beim jeweils anderen übernachten. Es geht um Geld, eine Lösung ist nicht absehbar. Die beiden Jungen entschließen sich zur Solidarität miteinander, nicht mit ihren Familien.

In "Little Men" ist der Kontaktabbruch zu den Eltern ein dezidierter Kommentar zu ihrem moralischen Verhalten. Für Jake und Tony ist es aber auch das einzige Mittel, das ihnen zur Verfügung steht, um sich gegen einen Eingriff in ihre Welt zu wehren.

Die Situation ist kompliziert, so recht Schuld daran hat eigentlich niemand. Jakes Eltern haben ein Haus in Brooklyn geerbt, in dessen Erdgeschoss Tonys Mutter Leonor eine schlecht laufende Boutique betreibt. Die soziale Struktur in Williamsburg hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert, die Immobilie ist etwas wert. Leonors äußerst günstiger Mietvertrag läuft aus und Jakes Eltern, ein mäßig erfolgreicher Schauspieler und eine Therapeutin, die alleine die Familie unterhält, brauchen Geld, um eine beim Erbe benachteiligte Schwester auszuzahlen. Jake und Tony sind gerade erst Freunde geworden, und plötzlich wird diese Freundschaft durch Gentrifizierung bedroht.

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"Little Men": Behutsam beobachtet

"Little Men" ist der dritte Film von Ira Sachs und seinem Co-Autor Mauricio Zacharias über den Einfluss von Entwicklungen in der Stadtstruktur New Yorks auf die Beziehungen der Bewohner. "Keep the Lights on" (2012) erzählte von zwei jungen Männern in den 1990ern, deren Liebe durch Veränderungen in der Schwulenszene und die Crackwelle eingeht. In "Love is strange" wird ein älteres Männerpaar durch Arbeitslosigkeit und steigende Mieten gezwungen, auseinanderzuziehen.

Auch Obama hat sich den Film angeschaut

In "Little Men" sind es nun Kinder, die sich dagegen wehren, einen wichtigen Menschen durch einen drohenden Umzug zu verlieren. Diese Erfahrung ist vielen Menschen nicht fremd, und vielleicht ist so der vergleichsweise große Erfolg, den der kleinbudgetierte Spielfilm in den USA mit einem "begrenzten Kinostart" in nur wenigen Großstädten erzielt hat, zu erklären. Als sogar der ehemalige US-Präsident Obama darum bat, den Film vorgeführt zu bekommen, war klar, dass "Little Men" mehr ist als ein Jugendfilm über ein Alltagsproblem: Er weckt Erinnerungen an geteilte frühe Verletzungen, von denen das Kino sonst kaum erzählt.

Das geerbte Haus, in dem Jake und Tony sich kennenlernen, und das zum Konflikt zwischen ihren Eltern führt, befindet sich an der Graham Avenue, deren Name bereits Stadtgeschichte erzählt. Im Süden heißt sie auch "Avenue of Puerto Rico", im Norden "Via Vespucci". Zunächst zogen die Nachkommen italienischer Einwanderer hierher, später kamen Menschen mit südamerikanischen Wurzeln. Heute sind die Mieten so hoch, dass fast ausschließlich weiße New Yorker im Viertel leben.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass der Beiname "Avenue of Puerto Rico" gestrichen werden soll, mit der perfiden Begründung, es lebten ja kaum noch Menschen aus Puerto Rico dort. In "Little Men" dienen diese Entwicklungen als soziohistorische Folie für seine auf den ersten Blick unspektakuläre Geschichte: Jakes Familie heißt Jardini, hat offensichtlich italienische Wurzeln, sein Vater hat seine Kindheit an der Graham Avenue verbracht. Tonys Mutter kommt aus Chile, verkauft Kleider von südamerikanischen Designerinnen und wird zum Opfer der aktuellen Verdrängung lateinamerikanischer Kultur im Viertel.

Der Film ist deshalb auf mehreren Ebenen ein Film über einen drohenden Verlust: Nicht nur Jakes und Tonys Freundschaft ist in Gefahr - auch New York verliert durch die Gentrifizierung seine integrative Community-Struktur und damit die Möglichkeit, dass sich ein einzelgängerischer und, so wird zumindest angedeutet, queerer weißer 13-Jähriger wie Jake und ein selbstbewusster, etwas großmäuliger, gleichalter Latino wie Tony überhaupt miteinander anfreunden können.


"Little Men"

GR/BR/USA 2016
Regie: Ira Sachs
Drehbuch: Ira Sachs, Mauricio Zacharias
Darsteller: Theo Taplitz, Michael Barbieri, Greg Kinnear, Jennifer Ehle, Paulina García
Produktion: Charlie Guidance Productions
Verleih: Edition Salzgeber
FSK: ab 0 Jahren
Länge: 85 Minuten
Start: 2. März 2017


Diese Freundschaft beginnt denkbar unspektakulär, sie weiß nichts von kulturellen Unterschieden. Beide sind Fans der Fantasy-Buchreihe "Percy Jackson". Tony hat das Videospiel dazu, Jake zeichnet Motive daraus, wenn er sich in der Schule langweilt. Sofort teilen sie eine Welt. Der Film heftet sich an ihre Fersen, zeigt, wie sie ihre Umgebung erkunden, Tony auf dem Roller, Jake mit Inlinern.

Melodramatische Zuspitzungen

Die beiden jungen Darsteller Theo Taplitz und Michael Barbieri nutzen die Freiheiten, die sie bekommen, selbstbewusst für Improvisationen. Aber es gibt auch präzise geschriebene melodramatische Zuspitzungen, etwa, wenn Tony sich mit seinen Schulfreunden prügelt, weil sie Jake einen "Spinner" nennen und wegen seiner langen Haare aufziehen. Oder wenn Jake registriert, dass Tony anfängt, sich für Mädchen zu interessieren und ihn mit zu einer Kinderdisco in Manhattan nimmt, obwohl er selbst dort überhaupt nichts verloren hat.

Im Video: Der Trailer zu "Little Men"

"Little Men" macht es sich nicht einfach mit seiner Genrifizierungskritik. Die Dilemmata der Eltern, ihre eigenen Versuche, den neoliberalen Anforderungen des New Yorker Erwachsenendaseins etwas entgegenzusetzen, nimmt er genauso ernst, wie er melancholisch die ungewollten Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf die Lebenswelt der Kinder verzeichnet. Man muss lernen, loszulassen, versucht Jakes Vater seinem Sohn beizubringen. Er selbst hält sich zugute, in schwierigen Zeiten maximal anpassungsfähig zu bleiben (was bei ihm heißt: Off-Off-Broadway zu spielen, wenn Filmangebote ausbleiben). Nur: So weit sind die 13-Jährigen noch nicht. Sie wissen noch nicht, wie schnell Freundschaften enden können, Interessen und Lebensumstände sich ändern, wie schnell man vergisst.

Es sind große Themen, die in "Little Men" in kleinen Gesten erzählt werden. Denn in kulturell homogenisierten Neighborhoods, die vom Immobilienmarkt gestaltet werden, wird es letztlich uninteressant, zu zeigen, wie sich Figuren in ihnen bewegen. Und dann könnte man eine Geschichte wie die von Jake und Tony nicht mehr erzählen.

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böser-sachse 03.03.2017
1. Danke für den Filmtipp!
Danke für den Filmtipp! Karten sind schon bestellt und mein Samstag ist schon verplant. Eine kleine Anmerkung muss ich noch loswerden. Gut dass einer von Beiden schwul ist, dann gibt es keinen Streit um die Mädchen.
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