"New York Times"-Doku: Die graue Lady lernt das Twittern

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Massenentlassungen und Bankrott-Gerüchte: Selbst die "New York Times" zitterte in der US-Zeitungskrise. Für seine Doku "Page One" sprach Regisseur Andrew Rossi mit Redakteuren, Bloggern und Forschern - vor allem aber setzt er dem ehrwürdigen Papierprodukt ein Denkmal. Es ist auch höchste Zeit.

Dokumentation "Page One": Journalisten in der Zeitungskrise Fotos
Magnolia Pictures

Vor ein paar Wochen bekamen die Mitarbeiter der "New York Times" wieder ein Angebot: Ein paar von ihnen sollten ihren Job an den Nagel hängen, Freiwillige vor, auch wenn das in der E-Mail etwas freundlicher klang. Diesmal waren es nur 20 - auf dem bisherigen Höhepunkt der Zeitungskrise in den USA, vor zwei Jahren, waren es 100. Sogar von einem Bankrott der "New York Times" war die Rede.

Vor diesem Hintergrund ist US-Filmemacher Andrew Rossi mit seiner Kamera durch das neue Hauptquartier der legendären Zeitung in Manhattan gestolpert. Sein Film "Page One", der seit Januar auf Festivals läuft und inzwischen in den USA als DVD erschienen ist, schaut den Journalisten des Media Desk über die Schulter, allen voran David Carr, einem Kolumnisten, Reporter und abgeklärten Ex-Junkie, der kein Blatt vor den Mund nimmt.

Der Film beginnt mit einer großen Papierrolle in einer Druckerei, ein paar Schnitte weiter rattern die gedruckten und gefalteten Zeitungen über das Band und werden in Laster verladen: Die "New York Times", all the news that's fit to print. Doch Anzeigen und Leser wandern ins Web, wo sich der Verlag Geld und Aufmerksamkeit mit einer Vielzahl anderer Angebote teilen muss. Die mächtigen Maschinen werden eines Tages abgestellt werden, so viel scheint sicher. Was aber wird dann aus der Zeitung?

CNN und die Subversion

Mehr als 30.000 Mitarbeiter haben Zeitungsverlage in den USA 2008 und 2009 gefeuert, etliche Blätter mit über hundertjähriger Tradition wurden gleich ganz eingestellt. Selbst das Flaggschiff des US-Journalismus muss ums Überleben kämpfen. "End Times" war ein Artikel in dem Magazin "The Atlantic" damals überschrieben, sorgenvoll wurden die Journalisten damals von Bekannten und Kontakten zur Zeitungskrise befragt.

Angst vor dem Untergang der "New York Times"? David Carr lacht und sagt, er fürchte sich nur vor Schusswaffen und Fledermäusen. So ernst ist es also. Twitter, Blogs, WikiLeaks und das iPad künden von einer neuen Medienwelt. Eine verwirrende Zeit, in der eine Stiftung eine gemeinnützige Redaktion finanziert und der Nachrichtensender CNN mit dem krawalligen Jugendmagazin "Vice" kooperiert, um menschliche Exkremente an einem afrikanischen Strand zu zeigen.

In der nächsten Szene räumen altgediente Mitarbeiter unter Tränen ihren Schreibtisch, dann zeigt David Carr, in welcher Bar er von der Polizei mit Kokain erwischt wurde, bevor er in einem neuen Leben zur "New York Times" kam - wo er schließlich das Twittern lernte.

All das ist genug, Verzeihung, Stoff für mindestens vier Filme. Andrew Rossi stopfte all diese Themen in einen Neunzigminüter - das Ergebnis ist ein leicht verwirrender Film, als Analogie zum Umbruch funktioniert das ganz gut. "Page One" schafft es außerdem, mit seiner Kurzatmigkeit und den schnellen Sprüngen den Medienalltag zu imitieren. Wenn dann aber, nur ein Beispiel, ein interessanter Disput zwischen Redakteuren über WikiLeaks losbricht, würden ein paar Sekunden mehr nicht schaden.

Mehr Monitore und Displays

Ebenso wird allenfalls angedeutet, wie denn nun "Page One", die Seite eins, entsteht. Auf einer Redaktionskonferenz preisen Vertreter aus den Ressorts ihre Themen an, und es wird ein wenig diskutiert. Wie dann aber Texte, Überschriften und Bilder auf die Seite kommen, wie Entscheidungen getroffen werden, zeigt der Film nicht. Lieber noch ein Zitat von Medienprofessor Jeff Jarvis, der das Ende der gedruckten Zeitung beschwört.

Ständige Szenenwechsel und Dutzende Protagonisten lenken davon ab - weniger wäre hier mehr gewesen. Andrew Rossi hätte nur hin und wieder einen Schritt zurücktreten und einen Gedanken über das Niveau einer Powerpoint-Folie hinaus ausarbeiten müssen. Dann wäre "Page One" nicht nur ein sehenswertes Zeitdokument, sondern auch noch ein guter Film geworden.

So wie bei den Redakteuren der "New York Times" mehr Monitore und Displays auf dem Schreibtisch stehen als sie Augen und Ohren haben, prasseln Zeitungskrise, Medienwandel und Redaktionsalltag gleichzeitig auf die Zuschauer ein - dass eigentlich nicht besonders viel erklärt oder verraten wird, fällt erst im Nachhinein auf. Die Botschaft? Irgendwie wird es schon weitergehen mit der "New York Times". Jetzt, mehr als ein Jahr nach den Aufnahmen, ist zwar nicht mehr von Bankrott die Rede, eine Bezahlschranke für Web-Inhalte scheint zu funktionieren. Stellen aber werden auch weiterhin gestrichen.

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