Thriller "Nightcrawler" American Media Psycho

Ist die Story nicht blutig genug, hilft er nach: Wie ein Raubtier streift Jake Gyllenhaal als skrupelloser TV-Reporter durchs nächtliche L.A. "Nightcrawler" ist ein verstörender Thriller über die Mechanismen moderner Medien.

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Wer an L.A. denkt, denkt an den Glitzer des Sunset Boulevard oder an die endlose Betonwüste der Super-Highways. Dabei ist die echte Wildnis nie weit entfernt, gleich hinter Hollywood, in langgestreckten, fußgängerlosen Wohnvierteln und in bewaldeten Hills, wo nicht nur die Reichen und Erfolgreichen wohnen, sondern auch die, die erst noch reich werden wollen.

"Nightcrawler", der Los Angeles mit betörenden, somnambulen Bildern des großartigen Kameramanns Robert Elswit ("Magnolia") in all ihrer Unwirklichkeit und Wildheit abbildet, beginnt mit einer langsamen Fahrt über diese schattenreiche Hügellandschaft.

Hier laufen vereinzelte Kojoten über die Straße, hier tummeln sich auch menschliche Raubtiere; einsame, junge Männer ohne Unrechtsbewusstsein wie Lou Bloom. Von Jake Gyllenhaal mit ausgezehrter, fiebriger Getriebenheit verkörpert, stiehlt er nachts Kupferkabel oder Schrott, der sich zu Geld machen lässt. Aber er fühlt sich zu Höherem berufen. Als er sich um einen Job bewirbt, blitzt er jedoch ab - trotz oder gerade wegen geschliffener, auswendig gelernter Manager-Seminar-Floskeln. Es ist nicht das letzte Mal in "Nightcrawler", dass Bloom ungläubig und angeekelt wie ein Spinner angesehen wird.

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Thriller "Nightcrawler": Der Raubtier-Kapitalist
Auf einem seiner nächtlichen Streifzüge wird Bloom Zeuge eines Verkehrsunfalls auf einem Highway. Fasziniert beobachtet er, wie ein Kamerateam noch vor der Polizei den Ort des Unglücks samt Opfer filmt. Der Freelancer Joe Loder (Bill Paxton) erklärt ihm, dass solche Geschichten bei quotengeilen lokalen TV-Sendern sehr gut ankämen: "When it bleeds, it leads", sagt Loder. Und in Blooms verhärmten Zügen, Gyllenhaal blinzelt vielleicht ein oder zweimal im gesamten Film, ist abzulesen: Das kann ich auch, das kann ich besser!

Bald landet er, mit klapprigem Kleinwagen, Polizei-Scanner und Billig-Kamera ausgerüstet, seinen ersten Scoop: ein skrupellos abgefilmtes Opfer einer Gewalttat. Nina Romina (Rene Russo), News-Veteranin bei einer kleinen Station, kauft ihm das bluttriefende Amateur-Material sofort ab. Sie erkennt in dem Newcomer nicht nur die Ambition, sondern auch die Abwesenheit moralischer Bedenken - und verlangt nach mehr.

Nützliches, gieriges Raubtier

Vor allem in den reicheren Vierteln soll er nach Gewaltverbrechen suchen. Ihre Idealvorstellung zum Erreichen der Top-Quote: eine weiße Frau, die mit durchgeschnittener Kehle schreiend die Straße entlangläuft. Bloom zieht los - und schreckt alsbald nicht davor zurück, aktiv in Verbrechen einzugreifen, um sie kameratauglicher oder spektakulärer zu machen. Mit Erfolg: Sein Ein-Mann-Unternehmen wandelt sich in ein florierendes Medien-Business.

Dan Gilroy, Bruder des Thriller-Regisseurs Tony Gilroy ("Michael Clayton") schrieb bisher erfolgreich Drehbücher, unter anderem für "Das Bourne Vermächtnis". "Nightcrawler" ist das Regie-Debüt des 55-Jährigen, das bei seiner Premiere beim Filmfestival in Toronto für Aufsehen sorgte und übers Halloween-Wochenende in den USA mit ordentlichen zehn Millionen Dollar Umsatz startete.

Jake Gyllenhaal, nach intensiven Auftritten in "End Of Watch", "Prisoners" und "Enemy" offenbar bereit, sich in einen abseitigen, düsteren Charakter zu versenken, zeigt hier eine seiner besten Leistungen: Sein Lou Bloom ist alles andere als sympathisch. Dennoch balanciert Gyllenhaal seine Figur so fein zwischen Abscheulichkeit und Emphase aus, dass man bei ihm bleibt, sich zeitweise zum Komplizen macht, selbst wenn sich sogar schon sein von der Straße angeheuerter Fahrer und Assistent Rick (Riz Ahmed) angeekelt abwendet. So wird Bloom zum modernen Verwandten von schillernden Kino-Soziopathen wie "Taxi Driver" Travis Bickle oder "American Psycho" Patrick Bateman.

Nun kann man sich, wie einige US-Kritiker, darüber streiten, ob die harsche Kritik an sensationslüsternen Medien nicht, wie die Sendungen altmodischer News-Kanäle, ins Leere läuft, da heute längst Internet-Plattformen wie TMZ und Social Media den Ton angeben. Andererseits liegt genau in der Dienstleister-Funktion Lou Blooms die besondere Perfidität von Gilroys Geschichte.

Denn Bloom ist, anders als die Mafia-Bosse oder Drogen-Entrepreneure aus dem Kosmos der TV-Serien, deren ungezügelt kapitalistische Unternehmungen außerhalb von Gesetz und Gesellschaftsordnung existieren, ein Teil des Systems. Mit seinen blutigen Crime-Clips bildet er ein kleines, aber elementares Rädchen im Getriebe der Aufmerksamkeitsindustrie.

In Gilroys faszinierend ästhetischem Nachtfilm, geschliffen wie eine Satire, packend und rasant wie ein Thriller, gibt es jedoch weder für Bloom, noch für die Gesellschaft den Genre-typischen, kathartischen Gewaltexzess. Das Kapitalisten-Raubtier Bloom bleibt integraler, reüssierender und letztlich akzeptierter Bestandteil der Medien-Ökonomie. Ein nützlicher, krimineller Spinner.

Nightcrawler

USA 2014

Buch und Regie: Dan Gilroy

Darsteller: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Bill Paxton, Riz Ahmed, Ann Cusack

Produktion: Bold Films

Verleih: Concorde

Länge: 119 Minuten

Start: 13. November 2014

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insgesamt 2 Beiträge
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kritilligenz 12.11.2014
1. Empfehlenswert!
Der Film ist grandios, ich empfehle ihn auf jeden Fall weiter! Dem Autor muss ich allerdings widersprechen, wenn er sagt, dass die von Gyllenhall gespielte Figur "nicht sympathisch" sei. Das für mich (in Teilen) Erschreckende ist nämlich, dass diese Person sehr wohl sympathisch erscheint, als Vorbild und faszinierend.
amadeus300 13.11.2014
2. nette Kinounterhaltung
Ja es ist ein unterhaltsamer Kinofilm mit gelungener schauspielerischer Leistung. Doch würde ich den Film weder als verstörend noch als "Thriller" bezeichnen. Der Film beschreibt Mechanismen der Medienlandschaft, wie sie hinlänglich bekannt sein dürften. Die Eskalation des Dramas wird überzeugend dargestellt, jedoch ist die Entwicklung fast ausnahmslos vorhersehbar. Ein "Muß" ist der Film nicht. Ein Kinobesuch ist jedoch auch kein großer Fehler.
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