No-Budget-Komödie "Dicke Hose": Ich schnack' dich platt!

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Vom Pizzaboten zum HipHop-Paten: Der fast für umsonst gedrehte Kinofilm "Dicke Hose" erzählt diese altbekannte Gangstergeschichte als überdrehte Ghetto-Mär aus Hamburg-Ottensen - kulinarische Verbrechen und Maschinengewehr-Laberei inklusive.

Ghetto-Spaß "Dicke Hose": Auf den Straßen von Hamburg-Ottensen Fotos
WTP-Fimproduktion

Beim Arbeitsamt bloß nicht tiefstapeln, sonst schicken sie dich gleich zum Zigarettenstummel aufsammeln in den Park. Aber tiefstapeln kommt für jemanden wie ihn sowieso nicht in die Tüte, denn der arbeitslose B-Boy Sleepy (Marc Wichmann) ist das Hamburger Pendant eines Slang-Daddy, also ein echter Schnack-Papi. Als was er arbeiten wolle? Als Manager eines HipHop-Stars, was denn sonst!

Nun ist in Zeiten, wo Arbeitslosenverwaltungsbunker Jobcenter genannt werden, sowieso alles nur eine Frage der richtigen Formulierung und der geschmeidigen Anglizismen, weshalb der freundliche Herr vom Amt den verpeilten Kunden denn auch gleich zum Vorstand einer Aktiengesellschaft macht: 300 Euro lässt er ihm zukommen, dafür soll sich Sleepy mal schön selbstständig machen. Am besten irgendwas mit Essen.

Und weil die Hood des HipHopper der multi-ethnische Hamburger Stadtteil Ottensen ist, wandelt Sleepy denn auch geschäftstüchtig eine verwaiste Fettbude um die Ecke in einen Lieferservice für China-Mampf und Griechen-Fraß, Pizza und Burger um: Multikulti auf die ranzige Tour. Sleepy ist nun Koch, Kurier und, klar doch, Manager in Personalunion.

Gerne würde man mal mit dem "Dicke Hose"-Schöpfer Henna Peschel zusammen zum Arbeitsamt gehen. Man stellt sich vor, wie der Kreative auf die gleichgültige Frage des Arbeitsvermittlers, was sein Beruf sei, Filmregisseur antwortet. Sollte ihm der Beamte dann wie Sleepy im Film 300 Euro zuschieben, so wäre das tatsächlich eine völlig ausreichende Anschubfinanzierung für sein nächstes Projekt. Denn Peschel dreht Filme, deren Kernproduktionsfinanzierungen mit drei Grünen fast immer gedeckt sind. Die anfallenden Catering-Kosten werden dann durch abgelaufene Brot- und Wurstwaren niedrig gehalten.

Einige veritable Hamburg-Filme sind auf diese Weise schon entstanden, etwa die Proleten-Saga "Rollo Aller" aus Hamburg-St.-Pauli und die Tagedieb-Elegie "Mad Boy" aus Hamburg-Wilhelmsburg. Echte Stadtteilfilme sind das - und noch ein bisschen mehr. Denn der inflationäre Begriff der Authentizität, mit dem jeder wedeln muss, der beim deutschen Film Fördergelder abgreifen will, hat für Peschel und seine genuin unabhängig abgedrehten Trash-Dramen wenig Bedeutung. Selbstverständlich ist alles echt, schon weil das Geld nicht für Kostüme reicht. Aber man baut sich aus dem authentischen Schrott eine ganz eigene, phantastische Filmwelt.

Mit einem Maschinengewehr-Schnack

So verhält es sich auch mit dem Kreativen- und Lehrerquartier Ottensen in der Actionkomödie "Dicke Hose", die Peschel gemeinsam mit dem Stadtteilkenner Miles Terheggen geschrieben und gedreht hat. Der Plot der No-Budgets-Perle, die den Untertitel "Big Trouble in Little Ottensen" trägt und mit breitestem Hamburger HipHop unterlegt wurde, ist eine ins Abstruse gesteigerte Variante der Ethno- und Ghetto-Comedy. Die Multikulti-Klischees werden hier durch perfide kulinarische Zuspitzungen gebrochen, etwaige gemütliche Sozialromantik geht im Handkamera-Inferno flöten.

Und doch ist hier ganz Ottensen in the house: Adam Bousdoukos, Gelegenheitsschauspieler und Hauptdarsteller aus den beiden artverwandten Fatih-Akin-Werken "Kurz und schmerzlos" und "Soul Kitchen", kämpft in seiner realen eigenen Souvlaki-Bude gegen die "Akropolis Connection" und muss in einem halsbrecherischen Bouzouki-Wettspiel gegen den griechischen Paten antreten. Und der sympathisch abgehalfterte HipHop-Star Ferris MC verteidigt seinen kläglichen Wohlstand gegen die benachbarten Schnorrer und Abzocker. Am Ende taucht schließlich noch unerwartet der Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel auf, der hier auf der Suche nach Street Credibility in die Kamera fragt, ob er da nicht im Hamburger Hochhausviertel Billstedt eher fündig wird. Eine Frage, die nicht von der Hand zu weisen ist.

Wer lebensecht in Szene gesetzte Migrationskinderlebensläufe sucht, der ist bei "Deutschland sucht den Superstar" sicher besser aufgehoben - "Dicke Hose" ist vielmehr ein Beispiel dafür, wie man aus prekären Produktionszusammenhängen einen Kunstkosmos nach eigenen Regeln und nach eigenen Codes zusammenklaubt: Welterfindung nach dem Prinzip Trash.

Und dazu bedarf es eben eines echten Slang-Daddys wie Filmheld Sleepy (Darsteller Wichmann hat unter anderem die HipHop-Größen Samy Deluxe und Dendemann produziert), der sich durch echte Missverständnisse und kalkulierte Wortdreher seine Welt so zusammenschraubt, wie sie ihm gefällt. Wer ihm dabei im Weg steht, so die Botschaft dieses Ghetto-Krachers, den mäht er einfach mit einem Maschinengewehr-Schnack nieder.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. Umsonst
der Alleswissende 27.05.2010
"Der fast für umsonst gedrehte Kinofilm "Dicke Hose"" - liebe SPON-Redaktion, ob ein Film umsonst gedreht wurde, stellt man immer erst hinterher fest. Es ist durchaus möglich, dass er mit Null-Budget gedreht wurde, KOSTENLOS oder GRATIS. Aber dass er UMSONST gedreht wurde ist doch etwas sehr weit hergeholt. Wobei, wenn ich mir den Inhalt anschaue könnte er wirklich umsonst sein. Also ein FILM, DEN DIE WELT NICHT BRAUCHT.
2. Möchtegernkritiker..
der Mehrwissende 30.05.2010
Wie wär's mit Augen aufmachen und Gehirn einschalten? "für umsonst gedreht" hat wohl eine deutlich andere Bedeutung als einfach nur "umsonst gedreht".
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