Politfilm "No!" Ich werbe dich ab, du Verbrecher

Koks und Cabrio? Nein, Revolution! Der Oscar-Kandidat "No!" erzählt, wie ein Werber mit knalligen TV-Spots den chilenischen Diktator Pinochet aus dem Amt kegelt. Gael García Bernal glänzt darin als Reklame-Profi, der eigentlich lieber Limo bewirbt, aber nebenbei auch ein Terrorregime beendet.

Piffl Medien

Von Jörg Schöning


"Freedom", ausgerechnet "Freedom" heißt die neue Limonade, die den Chilenen, die unter der Diktatur Pinochets zu leiden haben, das Leben versüßen soll. Doch das ficht den Werbefachmann René Saavedra (Gael García Bernal) nicht an: "Dieses Produkt passt in den aktuellen sozialen Kontext!" verkündet er kühn. Zur Markteinführung des Zuckerwassers hat er einen bonbonbunten TV-Spot drehen lassen, in dem sich die Ästhetik der späten Achtziger - Träller-Pop und Aerobic-Gehampel - hochprozentig konzentriert. Süßstoff für Augen und Ohren also.

Der neue Spielfilm des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín sticht ebenfalls ziemlich ins Auge. "No!" ist - nach "Tony Manero" (2008) und "Post Mortem" (2010) - der dritte Teil seiner Trilogie über die Pinochet-Diktatur. Und bis man sich an den Anblick gewöhnt hat, sieht er aus wie ein 3D-Film, den man ohne Brille guckt: Farben verfließen, Konturen verwischen, an den Rändern franst das Bild aus. Es gibt Kinobesucher, die sich wegen so etwas beim Vorführer beschweren. Andererseits war Larraíns Film für den Auslands-Oscar nominiert. Wie kann das sein? Was ist da los?

Ein Ja! zur Demokratie

"No!" wurde mit einer U-Matic-Videokamera gedreht, und der Rückgriff auf diese obsolete Achtziger-Jahre-Technik sorgt nicht nur dafür, dass der Film im traditionellen "Academy"-, also sehr schmalen 4:3-Format auf der Leinwand erscheint. Sondern dass er in Gänze genau so aussieht wie die Werbefilme, die der Werber Saavedra in seinem Verlauf herstellen lässt.

Anders als die Hauptfigur (die aus realen Personen "zusammengesetzt" ist) sind die aber tatsächlich echt, so dass der bei Historienfilmen leicht auszumachende Unterschied zwischen inszenierten Szenen und alten Originalaufnahmen total verschwimmt. Für deren Authentizität verbürgt sich jedoch Saavedras Gegenspieler, der immer wieder in den Originalen auftaucht: Augusto Pinochet.

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Politdrama "No!": Agit-Prop mit Skateboard
Vom Ende seiner Amtszeit und damit vom Ende einer terroristischen Diktatur erzählt "No!" in einem optimistischen, immer unterhaltsamen Ton. Im Mittelpunkt der Handlung steht jene Volksbefragung, zu der sich Pinochet 1988, nach 15 Jahren an der Macht, auf Grund internationalen Drucks gezwungen sieht. Dem Volk glaubt er sich auch deshalb problemlos stellen zu können, weil er die Medien staatlich kontrolliert. Ein gleichgeschalteter Werbefeldzug wird schon dafür sorgen, dass die Frage nach seinem Verbleib im Amt mit "Si!" beantwortet wird. Doch dann engagieren die Befürworter eines "No!" den Werbefachmann Saavedra, und der macht das Unmögliche möglich.

Die Oberfläche glänzt

Der mexikanische Schauspielstar Gael García Bernal stellte zuletzt schon in "Die Reisen des jungen Che" und im Polit-Drama "Und dann der Regen" oppositionelle Charaktere dar. Die politische Bewusstwerdung eines unpolitischen Technokraten verkörpert er nun nicht weniger glaubhaft. Von der heterogenen "Regenbogen"-Opposition wegen seiner fachlichen Reputation verpflichtet, kann René Saavedra die Gegner Pinochets überreden, nicht die Verbrechen der Vergangenheit zu thematisieren, sondern die knappe Sendezeit dazu zu nutzen, in Wahlspots unterhaltsam das Bild einer Zukunft ohne Pinochet zu entwerfen. So wird aus dem "Nein!" unversehens ein "Ja!" zu Demokratie und Pluralität.

Parallel dazu verwandelt sich der Opportunist zum engagierten Streiter. In Diskussionen mit seiner Ex-Frau Verónica (Antonia Zegers) hat sich René die Argumente der Pinochet-Gegner ausführlich anhören müssen. Und als sie bei einer Demonstration in Haft gerät, bewirkt er ihre Freilassung. Doch erst nachdem René im Verlauf seiner immer erfolgreicher werdenden Kampagne nicht nur sich selbst, sondern auch seinen kleinen Sohn Simón (Pascal Montero) durch den Geheimdienst bedroht sieht, wird aus dem Mitläufer ein Aktivist - eine Entwicklung, die der Film mit seinen Thriller-Momenten äußerst spannend vorführt.

So folgt "No!" mit seinem hohen Entertainment-Faktor den Werbemethoden seines Protagonisten - und zugleich dem marktwirtschaftlichen Fundamentalismus, dem Pinochets neoliberale Politik in Chile zum Durchbruch verhalf. Mit der Figur und der Kampagne des konsumbewussten, Skateboard fahrenden Werbers feiert "No!" einerseits eine Pop-oppositionelle Haltung, die in Losungen wie "Subversion durch Affirmation" ihren Ausdruck fand.

Andererseits bestätigt deren Erfolg die Funktionstüchtigkeit eines Systems, das auf entpolitisierten Oberflächenglanz baut. Der ist in den bunten U-Matic-Bildern von "No!" derart präsent, dass man nur begeistert resümieren kann: Dieser Film passt in den aktuellen sozialen Kontext!



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Seite 1
hxk 05.03.2013
1. terroristische Diktatur ???
In den 26 Jahren, in denen er an der Macht war, sind ca. 3.000 Menschen ermordet worden, fast alle in den ersten Jahren der Diktatur. Verglichen mit den Opferzahlen linker Diktaturen ist das gar nichts. Stichwort Diktatur. Das war nicht sein erstes Referendum. Er hatte schon zwei oder drei vorher gewonnen und vermutlich nicht mal alllzuviel dabei schummeln müssen, denn man darf nicht vergessen, dass sein Vorgänger Allende keine absolute Mehrheit im Volk hinter sich hatte und dass Pinochets Wirtschaftspolitik enorm erfolgreich war.
kulinux 05.03.2013
2. Oooch…
Zitat von hxkIn den 26 Jahren, in denen er an der Macht war, sind ca. 3.000 Menschen ermordet worden, fast alle in den ersten Jahren der Diktatur. Verglichen mit den Opferzahlen linker Diktaturen ist das gar nichts. Stichwort Diktatur. Das war nicht sein erstes Referendum. Er hatte schon zwei oder drei vorher gewonnen und vermutlich nicht mal alllzuviel dabei schummeln müssen, denn man darf nicht vergessen, dass sein Vorgänger Allende keine absolute Mehrheit im Volk hinter sich hatte und dass Pinochets Wirtschaftspolitik enorm erfolgreich war.
Ein menschenfreundlicher Menschenschlächter also? Na, dann ist bzw. war ja alles gut. Und die angeblich nur 3000 Opfer haben ihr Leben sicherlich gern und mit Begeisterung dafür hergegeben, dass die Chicago Boys die Wirtschaft des Landes mit ihren neoliberalen Konzepten erst ankurbeln konnten, um sie dann umso tiefer abstürzen zu lassen, ja …? Unter diesen wirtschafts… äh: menschenfreundlichen Bedingungen wäre es Ihnen sicherlich ein Bedürfnis gewesen, für deren Erfolg (wer hat noch mal vom WAchstum der chilenischen Wirtschaft profitiert …?) auch Ihr eigenes Leben zu geben, vorher noch gewürzt mit etwas Folter, Händeabhacken oder Zusehen, wie ihre Freundin/Frau/Kinder auch gefoltert wurden?? "Bestie Mensch …"
kulinux 05.03.2013
3. Gibts auch Nebenrollen für deutsche Unions-Politiker?
Es gibt doch sicher noch irgendwo Original-Filmmaterial, das FJS und seine jungen Kollegen Koch, Wulff, Oettinger, Bouffier oder Merz (?) und andere Anden-Pakt-Mitglieder beim Schütteln der bluttriefenden Hände Pinochets zeigt? Vielleicht auf dem Gelände der Colonia Dignidad mit einigen deutschen Geheimdienstlern im Hintergrund?? Das gäbe dem Ganzen noch etwas mehr zeitgemässe Würze und einen internationalen Touch. Aber vielleicht hätte das die Chancen auf eine Oscar-Nominierung gemindert. Da hätten Kissinger und die Chicago Boys besser ins Bild gepasst …*und vielleicht sogar zum Sieg verholfen?
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