Katastrophenfilm "No Way Out" Mannschaftsgeist statt Heldentod

19 Feuerwehrmänner starben 2013 in Arizona beim Kampf gegen einen Waldbrand. Warum? Der Action-Film "No Way Out" erzählt vom Zusammenhalt im Angesicht der Katastrophe.

Studiocanal

Draußen dämmert es noch über der Steppe Arizonas, als das Handy klingelt. Schon kniet Eric Marsh (Josh Brolin) auf dem Boden und packt den Rucksack. Vor ihm liegen, aufgeräumt nebeneinander: Sprühdosen, Feilen, Klebebänder, Kabel, ein Schutzhelm, ein Funkgerät, eine Packung Batterien, Plastikkeile.

Mit dieser Szene beginnt "No Way Out - Gegen die Flammen" - mit einem Materialbild, das schon viel Auskunft darüber gibt, in welche Richtung sich dieser ungewöhnliche Katastrophenfilm bewegen wird. Denn der Blick, den Regisseur Joseph Kosinksi auf jene Spezialfeuerwehreinheit mit dem Namen Granit Mountain Hotshots wirft, die bis auf eines ihrer Mitglieder während eines Löscheinsatzes geschlossen in den Verbrennungstod ging, speist sich zu großen Stücken aus einem Blick auf deren Rüstzeug, auf deren Arbeitsmethoden und auf die kleinen und großen Entscheidungen, die in diesem Job getroffen werden müssen.

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"No Way Out - Gegen die Flammen": Gemeinsam gegen eine Naturgewalt

Das Yarnell Hill Fire im Juni und Juli 2013 zählt zu den verheerendsten Waldbränden der jüngeren amerikanischen Geschichte. 19 Einsatzkräfte starben: Das war die höchste Opferzahl unter Feuerwehrkräften seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Gemessen an der Schwere des Umweltdramas ist es deshalb umso erstaunlicher, wie wenig sich Kosinski ("Tron", "Oblivion") in seiner Verfilmung der Tragödie um den großen katastrophischen Dramaturgie-Bauplan schert - und wie sehr er sich stattdessen immer tiefer in das soziale Geflecht dieser Einsatzgruppe um den Superintendent Marsh hineininszeniert.

Es geht in "No Way Out" nicht um soldatisch-heroische Opfertodbereitschaft, wie man das mit Blick auf die Katastrophenfilmgeschichte hätte vermuten können. Die Erkenntnis, dass der Kampf gegen Wald- und Flurbrände lebensgefährlich ist, dass keine Expertise der Welt letztlich über der Urgewalt stehen kann, ist hier stattdessen stets allgegenwärtig. Die Arbeitsrisikobereitschaft gehört für die Männer zu diesem Job wie der Trainingslauf, das Funkgespräch, das Mannschafts-T-Shirt mit Flammenlogo oder das Feuerwehrgrillfest, auf dem man Kronkorken mit Kettensägen von Bierflaschen sprengt.

"Komm und hol' mich!"

Das Schöne an Kosinskis Arbeit ist, dass er nie den Blick für das Spezifische verliert. Immer fokussiert er die Gruppe, die Hierarchien, die männerfreundschaftlichen Verzahnungen, etwa das gemeinsame Hantieren mit dem Werkzeug - auch wenn sich allmählich der Neuling Brendan McDonough (Miles Teller), der es anfangs nicht leicht hat im Team, als zweite Hauptfigur neben Marsh herausschält.


"No Way Out - Gegen die Flammen"
USA, 2017

Regie: Joseph Kosinski
Drehbuch: Ken Nolan, Eric Warren Singer
Darsteller: Josh Brolin, Miles Teller, Jennifer Connelly, Pell James, Andie MacDowell, Jeff Bridges, Natalie Hall
Produktion: Black Label Media, Conde Nast Entertainment, Di Bonaventura Pictures
Verleih: StudioCanal Deutschland
Länge: 134 Minuten
Start: 3. Mai 2018


Mit anderen Worten: das Bild, das dieser Film von seinem Personal entwirft, ist immer zuerst ein Bild der Einsatztruppe als Arbeits- und Sozialgemeinschaft. Wenn Kosinski auf den Einzelnen schaut, auf seine Biografie, seine Charakterzüge, letztendlich also auf sein Leben und sein Sterben, dann immer ausgehend von seiner Stellung in der Gruppe.

Einen ähnlich offenen und nuancierten Blick wirft er auf den Feind, auf das Feuer also, auf seine raumgreifende Wucht, die man mal aus weiter Entfernung als brennenden Horizont erlebt, mal als unmittelbares, die Kamera umzüngelnd-umzingelndes Inferno. Immer wieder adressiert Marsh das Feuer direkt. Dann sehen wir sein rußverschmiertes Gesicht, die zugekniffenen Augen hinter der runden Brille mit dem schmalen Rahmen, den unter einem Schnauzbart nuschelnden Mund: "Komm und hol mich!" Das Feuer ist hier mythische Materie, eine götterkriegerische Kraft, die es auf den Menschen abgesehen hat, die ihn im Bruchteil eines Augenblicks zu Asche werden lässt.

Keine gewöhnliche Helden-Schlusspolitur

Das ist die eine Seite. Die andere ist - und erst die gibt der mythischen ihr Gewicht - die elementare, chemisch-physikalische. Wir erleben sie, wenn die Drohnenkamera über das Steppengelände jagt, die Flammen im Rücken, die unaufhaltsam ihren Weg in alle Richtungen schlagen; wenn wir auf der Leinwand für einen Moment nichts anderes mehr sehen als das pure Element.

"No Way Out" ist einer der spannendsten katastrophischen Filme der jüngeren Zeit - und erst recht eine der umsichtigsten und aufmerksamsten filmischen Auseinandersetzungen mit Umwelttragödien. Und wenn uns Kosinksi im Abspann noch mit handelsüblich-trauernden Originalaufnahmen der echten Granit-Mountain-Hotshots beliefert, dann geht es ihm damit gerade nicht um die gewöhnliche Heroen-Schlusspolitur.

Vielmehr verweisen diese Bilder noch einmal auf das, was dieser Film geleistet hat: Vor dem romantisierbaren individuellen Heldentod stand stets die Professionalität dieser Mannschaft als Mannschaft.

Im Video: Der Trailer zu "No Way Out - Gegen die Flammen"

Studiocanal
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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 01.05.2018
1.
Sehr gut fand ich den Film "In the Line of Duty: Smoke Jumpers" mit Adam Baldwn als ein Feuerwehrmann eines Teams, die mit Fallschirmen direkt ins Brandgebiet springen und dort Brandschneisen schlagen und Gegenfeuer legen.
desmoulins 01.05.2018
2. Englische Titel
Ich will ja nicht meckern -- aber der Originaltitel heisst "Only the Brave". Entweder man belässt es dabei -- oder findet einen passenden deutschen Titel. Dem Film stattdessen einen neuen englischen Titel zu geben kommt mir gewollt vor.
DJ Doena 01.05.2018
3.
BTW für die, die ihn nicht erkennen. Der Darsteller Josh Brolin spielt derzeitig auch den Thanos im dritten Avengers Epos, der grad alle Rekorde knackt.
TS_Alien 01.05.2018
4.
"Die Feuerspringer von Montana" aus den 50ern zeigt ebenfalls den Einsatz von Waldbrandbekämpfern. Ein Einsatz, bei dem 19 Feuerwehrleute sterben, ist hoffentlich aufgearbeitet worden. Sagt der Film etwas dazu?
Felix-LosAngeles 02.05.2018
5.
Kann diesen Film nur vollends empfehlen. Wenn möglich mit Orginalton anschauen. Darüber Hinaus ist es sinnvoll sich einmal mit Hotshot Crews auseinanderzusetzen. Vielleicht auch als Vorbereitung zu diesem Film. Der Job in einer solchen Crew ist unglaublich schwer. Das gesamte Material muss von den Crews auf den Berg geschleppt werden. Unglaublich...auch gibt es erstaunlich viele Frauen in diesen Crews, welche während der Fire Season in den gesamten USA eingesetzt werden. Sprich, kaum Zeit für die Familie. Sehr interessant ist der Fire Shelter. Eine Folie, welche liegend über den Körper gezogen wird. Leider kann dieser Shelter kein direktes Feuer ab bzw. Temperaturen über 260 Grad Celsius. Das Feuer im Film war wohl eher um die 1000 Grad. Die armen sind förmlich verglüht und hatten keine Chance.
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