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Bibel-Epos "Noah": Vor uns die Sintflut

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Bizarr und bieder, bildgewaltig und billig: Die Blockbuster-Version von "Noah" und seiner Arche gerät zur 3D-Wundertüte mit Russell Crowe, aus der alles Mögliche rauspurzelt - nur kein überzeugender Film.

Dass Darren Aronofsky in "Noah" eine Katastrophe biblischen Ausmaßes bebildert, dürfte allenfalls extrem unterinformierte Kinobesucher überraschen. Doch trotz einer Regenwahrscheinlichkeit von einhundert Prozent und einem Spoiler-Faktor, der eigentlich gegen null tendiert, bietet seine Version der über Jahrtausende vielfach interpretierten Geschichte vom auserwählten Archenbauer und Artenschützer durchaus Anlass zum Staunen. Etwa darüber, wie Aronofskys überlanges 3D-Drama zugleich visionär und erzkonventionell, mal wunderlich bizarr und dann doch wieder erschreckend bieder sein kann.

Es ist eine dramaturgische, ästhetische und narrative Unwucht, die den Film von Beginn an schlingern und schließlich spektakulär Schiffbruch erleiden lässt. Immerhin, das ist mitunter faszinierend anzusehen: So mag "Noah" über weite Strecken eine mit digitalem Klimbim zugestellte, von reichlich Getöse begleitete Moritat über einen sehr ernsten Mann mit Bart sein.

Doch in einigen - leider raren - Augenblicken blitzt plötzlich eine diebische Schöpfungslust auf, die unverfroren das alttestamentarische Ringen der Menschen um Gottes Gnade zur psychedelischen Seifenoper überdreht. Die überlieferte, wenig detailreiche Geschichte Noahs wird in der Drehbuchvorlage von Aronofsky und Co-Autor Ari Handel frei um andere biblische sowie neu kreierte Motive und Figuren erweitert. Wie Aronofsky dann davon ausgehend rüden Existenzkampf und virtuosen Edelkitsch vermählt, das wirkt bisweilen wie Terrence Malick auf Amphetamin.

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"Noah" mit Russell Crowe: Übervater mit zwei Gesichtsausdrücken

Stets mittendrin der von Russell Crowe mit reichlich Sorgenfalten verkörperte Titelheld, der in einer von Menschenhand verwüsteten Welt die ethischen Prinzipien seiner Vorfahren hochhält. Dazu gehört der Verzicht auf Fleischverzehr, so wie einst im lange verlorenen Garten Eden. Als ein einzelner Regentropfen eine Blume aus bracher Erde sprießen lässt, begreift Noah dies als Zeichen des Schöpfers.

Engel werden zu Riesen

Fortan von apokalyptischen Visionen heimgesucht, macht er sich Rat suchend zusammen mit seiner Frau Nameeh (Jennifer Connelly) und den Söhnen Ham, Shem und Japheth auf den Weg zu Großvater Methusalem (Anthony Hopkins). Unterwegs müssen sie vor den Kriegern des Königs Tubal-Cain (Ray Winstone) fliehen und geraten so in die gefürchtete Region der gefallenen Engel, die nach ihrer Abkehr vom Himmel verdammt sind, als steinerne Riesen auf Erden zu leben. Dort finden sie Ila, die einzige Überlebende eines Massakers, und nehmen sich des schwerverletzten Mädchens an.

Schließlich gelangt die Familie samt frisch adoptiertem Waisenkind zu Methusalem. Nach dem Treffen mit dem Altvorderen und weiteren Wundern glaubt Noah, seinen himmlischen Auftrag verstanden zu haben: Er soll eine Arche bauen, um die Vielfalt der Schöpfung vor einer kommenden Sintflut zu bewahren, die den Untergang der Menschheit und einen Neustart der Geschichte bedeuten wird.

Helden ohne Rast und Ruh

Während Jahre mit der Konstruktion des riesigen Gefährts vergehen, wachsen Ham, Shem und Ziehtochter Ila - nun gespielt von Emma Watson - zu jungen Erwachsenen heran. Ihre emotionalen Bedürfnisse werden zum Problem für den rigiden Patriarchen Noah, der seine Mission obendrein durch den Aufmarsch von Tubal-Cain und seinem verzweifelten Volk gefährdet sieht. Im Angesicht der heraufziehenden Katastrophe fordern auch sie einen Platz auf der Arche, die sich derweil mit unzähligen Tierarten füllt. Die Zeichen stehen also in jeder Hinsicht auf Sturm, und mit den ersten Niederschlägen beginnt Noahs größte Kraft- und Glaubensprobe.

Stur steuert dieser Noah auf den Weltuntergang als persönliche Grenzerfahrung zu, und sein überdeterminiertes Getriebensein verbindet ihn mit Aronofskys ganz gegensätzlichen, doch gleichsam rastlosen Protagonisten in "Requiem für a Dream" (2000), "The Fountain" (2006), "The Wrestler" (2008) und "Black Swan" (2010). Was der Film hingegen vermissen lässt, ist die streitbare, aber zwingende Konsequenz der Vorläufer: Mal geriert er sich wie ein gradliniges Superheldenepos - nebenbei wäre es sicher spannend, Aronofsky endlich eine Marvel- oder DC-Figur anzuvertrauen -, dann ist er wieder delirierende Bibelexegese inklusive urzeitlicher Schwangerschaftstests, segensreichen E.T.-Leuchtfingern und rauschhaften Regenbögen.

Ermüdende Schlachtszenen, die wie heruntergeladene Restbestände von Peter Jacksons Fantasy-Festplatte wirken, stehen neben knalligen, Airbrush-artigen Illustrationen des mannigfaltigen Sündenfalls, die sich prima auf Motorhauben oder True-Metal-Alben machen würden. Und dazwischen ein absurd-gravitätischer Russell Crowe, der als Übervater mit nur zwei Gesichtsausdrücken den Fortbestand der Welt sichern will.

Nein, es mangelt beiliebe nicht an Zeichen und Wundern, sondern schlicht an einem Plan. Dass Aronofskys "Noah" scheitert, ist darum auch keine Frage des Glaubens. Sondern eine des guten, weil entscheidungssicheren Geschmacks.

Noah

USA 2014

Regie: Darren Aronofsky

Buch: Darren Aronofsky, Ari Handel

Darsteller: Russell Crowe, Jennifer Connelly, Anthony Hopkins, Emma Watson, Ray Winstone, Logan Leman

Produktion: Paramount Pictures, Regency Pictures et al.

Verleih: Paramount Pictures

Länge: 138 Minuten

Start: 3. April 2014

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insgesamt 36 Beiträge
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    Seite 1    
1. nööö
tomkey 02.04.2014
es ist wohl alles gesagt zu dem film. 3d und effekteschlacht im übemaß. die trailer im kino und im www haben mir gereicht. den film schaue ich mir nicht an. der nächste kinobesuch dann doch lieber a long way down (http://www.filmstarts.de/kritiken/207697.html).
2.
B.C. 02.04.2014
Zitat von sysopParamount PicturesBizarr und bieder, bildgewaltig und billig: Die Blockbuster-Version von "Noah" und seiner Arche gerät zur 3D-Wundertüte mit Russel Crowe, aus der alles mögliche rauspurzelt - nur kein überzeugender Film. http://www.spiegel.de/kultur/kino/noah-mit-russell-crowe-bibel-film-von-darren-aronofsky-a-961785.html
Moment mal, war Noah nicht schon 500 Jahre alt als er seine Kinder gezeugt hat? Und hat er mit dem Bau der Arche nicht erst im Alter von 600 Jahren angefangen? Folglich wären seine Kinder also schon um die 100 Jahre alt gewesen bei Baubeginn. Ziemlich später Wachstumsschub. ;)
3. Eigene Meinung
Germanenkrieger 02.04.2014
Zitat von tomkeyes ist wohl alles gesagt zu dem film. 3d und effekteschlacht im übemaß. die trailer im kino und im www haben mir gereicht. den film schaue ich mir nicht an. der nächste kinobesuch dann doch lieber a long way down (http://www.filmstarts.de/kritiken/207697.html).
Also, einen Film für schlecht zu befinden und zu bewerten, obwohl man ihn NICHT selber gesehen hat und nur nach der SpiegelOnline Kritik geht finde ich mehr als fragwürdig. Die Internationalen Kritiken für Noah sind nämlich seht positiv. Ein Schnitt von 4 von 5 Sternen bei 10 Bewertungen verschidener Testet auf Filmstarts.de z.B. Die meinen alle, der Film ist extrem sehenswert. Und bei dem Regisseur kann eigentlich nur was gutes bei rauskommen. Also. Erst mal SELBST anschauen
4.
vox veritas 02.04.2014
Der Kritik nach zu urteilen, wird der Film ein voller Erfolg. Wäre nicht das erste Mal, daß SPON einen Film verreißt und dieser ein Box-Office Hit wird. ;-)
5.
Moewi 02.04.2014
Zitat von GermanenkriegerAlso, einen Film für schlecht zu befinden und zu bewerten, obwohl man ihn NICHT selber gesehen hat und nur nach der SpiegelOnline Kritik geht finde ich mehr als fragwürdig. Die Internationalen Kritiken für Noah sind nämlich seht positiv. Ein Schnitt von 4 von 5 Sternen bei 10 Bewertungen verschidener Testet auf Filmstarts.de z.B. Die meinen alle, der Film ist extrem sehenswert. Und bei dem Regisseur kann eigentlich nur was gutes bei rauskommen. Also. Erst mal SELBST anschauen
Komisches "Argument". Wissen Sie eigentlich, was für Filme zB Peter Jackson vor "Herr der Ringe" so gemacht hat? Zum Glück hat da keiner extrapoliert, frei nach: "bei dem Regisseur kann nur..."
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