Nordkoreaner in der DDR Als die Politik die Liebe zerriss

In den 1950ern kamen Nordkoreaner zur Ausbildung in die DDR. Einige von ihnen verliebten sich hier, bekamen Kinder - sehr zum Ärger der Politik. Der Dokumentarfilm "Verliebt, verlobt, verloren" erzählt jetzt ihre Geschichte.


"Schon seit einer Woche sind wir in Leipzig", doziert der Lehrer. "Bitte, Genossen, wiederholen Sie!" Die Studenten aus Nordkorea, die im schwarz-weißen Dokumentarausschnitt von 1952 die Schulbank drücken, folgen brav. Sie lernen Deutsch: Vom Heimatregime wurden sie ausgewählt, um sich in der DDR in technischen Berufen ausbilden zu lassen. Alles zum Wohle und zum Aufbau des durch den Koreakrieg zerstörten Vaterlands.

Überhaupt nicht gern gesehen waren allerdings die Beziehungen, die sich in dieser Zeit zwischen den Gästen und deutschen Mädchen anbahnten - und was darüber hinaus aus jenen verbotenen Techtelmechteln entstand.

"Er war immer der Schönste", erinnert sich eine der ergrauten Frauen an ihren exotischen Freund. "Ich war fasziniert", schwärmt eine andere und hinter ihren Brillengläsern blitzt ein Rest jugendlicher Begeisterung auf. Man kam sich näher, ging "heimlich im Dunkeln" im Park spazieren, "und als das Kind unterwegs war, hat er große Angst gehabt": Die koreanisch-deutsche Regisseurin Sung-Hyung Cho erzählt in ihrem neuen Dokumentarfilm von tragischer Liebe - von Familien, die durch Politik zerschnitten wurden.

Komische Nachnamen und merkwürdige Augen

Die Söhne und Töchter sind längst erwachsen und haben ihre Väter, deren Aussehen oder Namen sie geerbt haben, nie kennengelernt. Vor Chos Kamera berichtet Marga Sim, wie sich beim "Simsalabim"-Singen in der Schule immer alle nach ihr umschauten und über den komischen Nachnamen und die merkwürdigen Augen spotteten.

Andere erinnern sich daran, dass die Mutter den Vater auf einmal totgeschwiegen habe: Jeglicher brieflicher Kontakt wurde so plötzlich unterbunden, dass es die verlassenen Frauen traumatisierte. Herauszubekommen, was passiert war - ob die Männer noch lebten, ob sie für die Übertretung der Gesetze fern der Heimat bestraft worden waren - war unmöglich.

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"Verliebt, verlobt, verloren": Liebe, von der Politik zerrissen
Cho, die bereits in "Endstation der Sehnsüchte" binationale Ehen porträtierte - damals allerdings existierende zwischen Südkoreanerinnen und Deutschen - nähert sich in ihrem neuen Film den traurigen Zurückgelassenen voller Wärme. Sie bleibt dabei weitgehend kitschfrei. Allein die sehnsüchtigen Fünfzigerjahre-Schlager, die sie unter manche Bilder legt, schwappen über vor Gefühl.

Anstatt nur schwarz-weiße Fotos von adretten Männern mit glänzenden Haaren, Talking Heads und Orte aneinanderzuschneiden, hat sie Kennenlern- und Abschiedsszenen zeichnen lassen - und verleiht der unerwünschten Annäherung der Kulturen so den passenden Retro-Comic-Touch.

Eine Reise ins unbekannte Land der Väter

Zudem konnte sie - über ein Videotagebuch, das eine der Beteiligten führte - sogar rares Bildmaterial aus dem heutigen Nordkorea benutzen: Chos Protagonisten organisierten eine gemeinsame Reise ins unbekannte Land ihrer Väter. Dass dieser Besuch tatsächlich genehmigt, aber von den Offiziellen mit Argusaugen überwacht wurde, dickt den Film eindrucksvoll mit der Härte der Realität an.

Ein Happy End mit Umarmung und Tränen kann es, trotz der Stärke, die die Interessensgemeinschaft aus dem geteilten Leid zieht, nicht geben. Immerhin wird tatsächlich Kontakt zu einem der verlorenen Ehemänner aufgenommen - und es kommt zum Wiedersehen.

Wie in ihrer preisgekrönten und charmanten Wacken-Dokumentation "Full Metal Village", in der sie sich vor allem auf die Dorfbewohner und weniger auf Musik konzentrierte, zeigt sich Cho auch in "Verliebt, verlobt, verloren" als fantasievolle Beobachterin, die sich nie ins Bild drängt. Ihre politische Botschaft, dem Wahnsinn der abgeschotteten Diktatur ein Ende zu bereiten, vermittelt sie über ihre Protagonisten, die darunter leiden oder litten. Das große Drama des herzzerreißenden Verlusts in einen so leisen Film zu packen, macht die Unmenschlichkeit umso deutlicher.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Verliebt, verlobt, verloren"

"Verliebt, verlobt, verloren"

    Deutschland 2015

    Drehbuch und Regie: Sung Hyung Cho

    Verleih: Farbfilm

    Länge: 93 Minuten

    FSK: ohne Altersbeschränkung

    Start: 25. Juni 2015

  • Offizielle Webseite zum Film

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insgesamt 2 Beiträge
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fd53 24.06.2015
1. später schickten Sie Ehepaare
deren Ehepartner vorher tatsächlich daheim ausgesucht wurden. Kein Witz. Damit war das Problem erledigt. Aber diese wenigen (!) Studenten schotteten sich ziemlich ab, völlig anders als unsere beliebten vietnamnesischen Mitstudenten. Zumal auch die Studienergebnisse der Vietnamnesen wesentlich besser waren, als die Leistungen der meisten Koreaner. Und außerdem duften diese koreanischen Mitstudenten auch nicht am normalen ML-Unterricht teilnehmen, da im ML-Unterricht der Stalinismus und der Personenkult in der KVDR heftig kritisiert wurden. Die koreanischen Mitstudenten erhielten den ML-Unterricht extra durch Personal der Botschaft. Einige der Ehepaare haben später noch einen Doktor B oder sogar A gemacht, teilweise in der damaligen UdSSR. So auch jenes Ehepaar, das ich vor einigen Jahren in der KVDR besuchte und die auf dem aktuellen Wissensstand waren. Mein Geschenk waren damals 2 Notebooks.
dt73479939 25.06.2015
2. Bonne nuit Papa
Ein guter Film, der sich auf die individuelle Entwicklung eines DDR-Ehepaares (sie Deutsche, er Kambodschaner) und die Beziehung der ältesten Tochter zum Vater beschreibt ist "Bonne nuit Papa". Absolut empfehlenswert und auch mehrfach (berechtigt) ausgezeichnet!!!
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