Die lustigste Pointe in diesem an Schmunzelanlässen nicht gerade armen Film ist die Tatsache, dass "Super 8" mit allen professionellen Mitteln und Effekten des modernen Digitalkinos gemacht wurde, um eine nostalgische Geschichte über eine Bande Jugendlicher zu erzählen, die mit selbstgebauten Modellen und surrender, analoger Super-8-Kamera einen Amateurfilm drehen will. Über Zombies. Während die Kleinstadt um sie herum sich plötzlich einer veritablen Alien-Attacke ausgesetzt sieht.
Aber darüber soll hier gar nicht viel verraten werden. Der Außerirdische und seine Aktivitäten in der brüchigen Idylle malerischer Vororte Amerikas, das ist der eher uninteressante Teil von "Super 8"; er spult sich - mehr oder weniger den Gesetzen des Genres gehorchend - in der zweiten, recht actionreichen Hälfte des Films ab und birgt kaum Überraschungen. Das ist schade, mindert aber kaum den Charme der tiefen Verbeugung des Regisseurs J.J. Abrams ("Lost", "Alias", "Star Trek") vor den Träumen seiner Kindheit und dem Werk seines Vorbilds und Mentors Steven Spielberg.
"Super 8" spielt im Jahre 1979, als Abrams, heute eine der wichtigsten Schlüsselfiguren in US-Fernsehen und Kino, 13 Jahre alt war. Genauso wie seine Hauptfigur Joe Lamb (Joel Courtney), der vor kurzem seine Mutter bei einem tragischen Unfall im örtlichen Stahlwerk verloren hat. Mit seinem gramgebeugten Vater, der Deputy im Büro des Sheriffs ist und alle Mühe hat, das Alltagsleben zu organisieren, hat Joe so seine Probleme; da kommt ihm sein enigmatischer Schulkamerad Charles (Riley Griffiths) gerade recht: Der leicht übergewichtige und amüsant wichtigtuerische Orson Welles im Kleinformat plant eine große Kinokarriere und will mit seiner Clique einen Horrorfilm drehen. Joe, der ein begabter Modellbauer ist, wird als Make-up-Artist angeheuert. Die weibliche Hauptrolle spielt die schon etwas ältere Alice (Elle Fanning), in die sich der schüchterne und in sich gekehrte lost boy Joe natürlich sofort verliebt.
Infiziert vom Amblin-Virus
Eines Nachts drehen die Amateurfilmer an einer einsamen Bahnstation vor den Toren ihres Heimatorts. Doch der Zug, der eigentlich vorbeisausen sollte, entgleist sehr spektakulär und liefert dem zunächst geschockten, dann begeisterten Charles mehr "Production value", als er sich erträumt hatte. Denn die Super-8-Kamera lief zuverlässig weiter. Nach dem Zugunglück häufen sich merkwürdige Vorfälle: Autos werden durch die Luft geschleudert und ihrer Motoren beraubt, Menschen, darunter der Sheriff, verschwinden spurlos. Etwas Unheimliches scheint sich in den Wäldern außerhalb der Stadt zu verbergen. Alsbald rollt auch das Militär an und verhängt den Ausnahmezustand über den kleinen Ort. Die Kids finden alsbald heraus, dass sie mehr über das Unwesen wissen, als ihnen, den Soldaten und Joes Vater lieb sein kann.
Für Abrams schließt sich mit dieser Zusammenarbeit ein Kreis, der 1981, im "E.T."-Jahr, seinen Anfang nahm. Damals wurde eine Assistentin Spielbergs auf einen Kurzfilm aufmerksam, den der junge Filmstudent zusammen mit einem Kumpel für ein Festival gedreht hatte, natürlich auf Super 8, dem damals immer noch gängigen Amateurfilmer-Equipment der vordigitalen Zeit. Spielberg, der seine ersten Karriereschritte in den späten Sechzigern selbst mit Super-8-Filmen gemacht hatte, suchte damals jemanden, der seine alten Aufnahmen sichtete und restaurierte: Der 15-jährige Abrams und sein Kompagnon Matt Reeves erhielten also einen ganzen Koffer früher Spielberg-Filme und durften nach Herzenslust schneiden und editieren. Auch wenn er Spielberg damals noch nicht persönlich kennenlernen durfte, Abrams war mit dem Amblin-Virus infiziert.
Zwei gute Namen gegen die Franchise-Blockbuster
So erklärt sich, dass nun, 30 Jahre später, plötzlich wieder wuschelköpfige Kids in klandestiner Mission auf BMX-Rädern durch Kleinstadtstraßen flitzen, wie einst in "E.T.". So erklärt sich auch, dass das unvermeidlich auftauchende und leider in voller Größe gezeigte Alien-Monster auch eine Metapher für den Abschied von der kindlichen Unschuld, den Verlustschmerz des kleinen Joe und die Dämonen des Teenager-Daseins ist, wie so oft in Spielbergs Kleinstadtdramen. Abrams, der in Form dieses sympathischen Retro-Sommerblockbusters seinen ersten echten Autorenfilm vorlegt, beherrscht das ironische Spiel mit der Nostalgie perfekt, wenn er den grantigen Sheriff über eine neumodische Erfindung wie den Walkman lästern lässt, der die Jugend ganz sicher verderben wird. Der Soundtrack zu "Super 8" enthält schaurige Spätsiebziger-Radiohits wie ELOs "Don't Bring Me Down" oder das One-Hit-Wonder "My Sharona" von The Knack.
Indem er der zarten Romanze zwischen Joe und Alice mehr Raum gibt als der Jagd nach dem Alien, zeigt Abrams zudem viel Gespür für die emotionale Tiefe seiner kindlichen Figuren und holt mit dieser universellen Geschichte einer Teenagerliebe letztlich auch ein jüngeres Publikum ab, das nichts mit Retro-Gadgets anfangen kann. Dennoch waren am Startwochenende in den USA mehr als 70 Prozent des Publikums älter als 25 Jahre, ein Beleg für die Sehnsucht des erwachsenen Publikums nach den kuscheligen Kodachromefarben der Amblin-Welt, in der durchaus schlimme und tragische Dinge passieren, aber nie so schlimm, dass der Glaube an das Gute und Gerechte, die Geborgenheit von Familie und Freundschaft dabei zerstört werden kann.
Diese Grundwerte hat "Super 8" natürlich auch mit anderen Kino-Events dieser Saison gemeinsam, darunter "Harry Potter 7.2", "Cars 2", "Transformers 3", "X-Men: First Class", "Thor" oder "Green Lantern". Das Erstaunliche aber ist, dass Abrams' Retro-Trip mit bisher 124 Millionen Dollar fast genauso viel Geld an den US-Kinokassen umgesetzt hat wie die drei Letztgenannten und sich dabei nur auf seine selbstverfasste Geschichte, seinen guten Namen und die Marke Spielberg verlassen konnte, nicht aber auf ein Comic-, Bestseller-, Spielzeug- oder Animations-Franchise. Eine seltene Erfolgsstory im Hollywood dieser Tage.
Sitzen bleiben für das wahre Mirakel
Vielleicht ist es bei so viel Retro-Seligkeit nur folgerichtig, dass "Super 8" ein Thriller ist, dem der Thrill, die Spannung, in weiten Teilen abgeht - er will die Gemüter ja streicheln, nicht aufrütteln. Zudem kommt die in Serien wie "Lost" und Filmen wie "Cloverfield" zum Markenzeichen erhobene Stärke Abrams', Mysterien bis zum Gehtnichtmehr auszureizen, hier nicht zum Tragen. Allzu brav folgt er dem Gesetz des Alienfilm-Genres, demzufolge das Monster am Ende eben enttarnt und gezeigt werden muss. Wie grandios wäre "Super 8" vielleicht geworden, hätte sich Abrams in diesem Punkt getraut, seiner eigenen Stimme mehr zu vertrauen.
Deswegen ist die beste Pointe dieses Films, die nostalgische Spiegelung des Amateurfilmers Abrams am professionellen Hollywood-Player Abrams, gleichzeitig auch die bitterste. Denn den Charme des Unfertigen und Improvisierten, das Vertrauen, das mangels technischer Mittel allein aus der eigenen Phantasie ein holpriges, unfreiwillig komisches, aber letztlich tief berührendes Stück Kino entstehen kann - all das, wovon J.J. Abrams vermutlich als Teenager geträumt hat und aus dem er wohl noch heute seine Begeisterung für das Filmemachen speist, ist in jenem No-Budget-Zombie-Schocker enthalten, den die Kids im Film drehen. Dieses eigentliche Mirakel, die wahre Essenz von "Super 8", ist in voller Länge zu sehen, wenn der Abspann läuft. Verharren Sie also nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch noch ein paar Minuten im Kinosessel. Es lohnt sich.
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