Sixties-Film "Not Fade Away" Blick zurück im Zweifel

Spät gibt "Sopranos"-Macher David Chase mit "Not Fade Away" sein Kinodebüt, dafür aber mit Wucht. Die Story einer Rock'n'Roll-Band in den Sechzigern ist unsentimental erzählt, James Gandolfini glänzt in einer seiner letzten Rollen. Ach ja, und dann wäre da noch die Musik.

Paramount

Es sind nur fünf Worte, doch ihre Magie wirkt unverändert: "Lass uns eine Band gründen." Was vom Zauber bleibt, sobald er auf profane Realitäten trifft, davon erzählt Regisseur und Autor David Chase in "Not Fade Away".

Chase, Schöpfer der epochemachenden TV-Serie "The Sopranos" und nunmehr 68 Jahre alt, gibt mit dieser Reminiszenz an eine Jugend im New Jersey der Sechziger ein spätes, doch mitnichten altbackenes Spielfilmdebüt. Denn obwohl er das Dekor und vor allem den Sound der Ära pointiert nachbildet, ist sein Blick zurück erfreulich frei von Sentimentalität und Romantisierungen. So bedeutet diese oftmals verklärte Dekade des Umbruchs hier zwar andere, aber nicht zwangsläufig bessere Zeiten. Das macht gleich zu Beginn eine ansonsten zurückhaltende Erzählstimme klar. Sie gehört der Teenagerin Evelyn (Meg Guzulescu), die mit wenigen Worten die etwaige Erwartung eines Rock'n'Roll-Märchens ausbremst.

Eben das ist die Geschichte ihres älterer Bruders Douglas (John Magaro) nicht. Douglas lebt mit Evelyn und den Eltern in einem Arbeitervorort und steht kurz vor dem Schulabschluss. John F. Kennedy ist noch am Leben, der Konflikt in Vietnam nur eine Nachricht aus der Ferne, und im Radio laufen Lieder, die nach Pomade und Petticoat klingen.

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Kinodrama "Not Fade Away": The Sound of Freiheit
All das soll sich bald ändern. Und auch Douglas' Leben nimmt eine entscheidende Wende, als Gene (Jack Houston) ihn als Drummer für eine neuformierte Band rekrutiert. Mit Gene als Leadgitarrist und -sänger bestaunt das Quartett die Wucht der "British Invasion", die angeführt von den Beatles und Stones das Verständnis von populärer Musik umkrempelt. Auf einer Kellerparty hat Douglas dann sein persönliches Pop-Erwachen: Da Gene ausfällt, übernimmt Douglas den Gesang. Seine Interpretation von "Time Is On My Side" beeindruckt nicht nur die Bandkollegen, sondern auch Grace (Bella Heathcote), die den bislang geflissentlich ignorierten Mitschüler nun mit neuen, irisierend großen Augen sieht.

Ein Lied mit mehreren Leben

Tochter aus reichem Hause verliebt sich in working class hero, der mittels Musik den bescheidenen Verhältnissen entkommen will: Es wäre das perfekte Klischee. Doch zum Glück glaubt "Not Fade Away" nicht an die Erfüllung von Wunschträumen. Weder die Beziehung zwischen Douglas und Grace, noch die Bandkarriere folgen einer Bilderbuchlogik, beide sind gezeichnet von Widersprüchen und Konflikten, die dem Leben näher sind als ein euphorischer Zwei-Minuten-Song.

Und auch wenn Hauptdarsteller John Magaro mit seinen expandierenden Locken bald aussieht wie "The Freewheelin' Bob Dylan", bleibt sein Douglas ein rührender Zweifler. Er sucht Platz und Stimme in einer Zeit, die überall Aufbruch verkündet, doch in der engen Welt von New Jersey stehen zu bleiben droht. Chase inszeniert dabei Erfahrungen des Scheiterns als verbindendes Moment zwischen eigentlich entfremdeten Generationen: Grace' idealistische Schwester Joy (Dominique McElligott) etwa zerbricht am Anspruch, in der Gegenkultur eine Heimat abseits des reaktionären Elternhauses zu finden. Douglas' cholerischer Vater Pat wiederum stemmt sich vergeblich gegen den Verfall von Geschäft, Ehe und eigener Gesundheit.

Der viel zu früh verstorbene James Gandolfini spielt diesen strauchelnden Patriarchen mit einer zärtlichen Wut, die nicht selten ungestümer und aufrichtiger wirkt als manche rebellische Pose der Nachkommen. Bewegend der Augenblick, in dem sich Pat seinem stets kritisierten Sohn offenbart und Douglas jene Flucht gönnt, die ihm selbst nicht gelungen ist.

Die Ausbruchsversuche der Jugend zeichnet Chase dabei mit ebensoviel Zuneigung wie Lakonie. Douglas und seine Mitmusiker müssen erfahren, dass sich ein beseelter Rock'n'Roll-Moment nicht beliebig konservieren lässt. "Not Fade Away" schildert mit sanfter Ironie, wie fehlgeleitete Ambitionen, kollidierende Egos und dumme Zufälle einen Traum beenden können. Aber trotz solch nüchterner Einsichten hält der Film leidenschaftlich am Freiheitsversprechen der Musik fest, auch wenn es sich vielleicht nur für die Länge eines Lieds erfüllt.

Es obliegt dem Soundtrack, diese Hoffnung aufrechtzuerhalten. Co-Produzent Steven Van Zandt, hauptberuflich flamboyanter Gitarrist in Bruce Springsteens E-Street-Band und bekannt als Darsteller aus "The Sopranos", hat zur exzellenten Songauswahl "The St. Valentine's Day Massacre" beigesteuert. Im Film ist es die erste Eigenkomposition von Douglas und seinen Freunden, mit der sie sich von der Masse der Coverbands absetzen wollen. Ursprünglich hatte Van Zandt das mitreißende Lied für die norwegische All-Girl-Band Cocktail Slippers geschrieben, die den Song bereits 2009 auf seinem Label veröffentlichten. Schöner lässt sich wohl kaum von der bittersüßen Wahrheit erzählen, dass ein Musikstück immer mehr Leben haben kann als seine Schöpfer.

Offen bleibt, was dieses Leben sein wird. Skizzenhaft und voll spröder Poesie lässt "Not Fade Away" den weiteren Weg seiner Figuren im Ungewissen. Zuletzt sehen wir Douglas weit weg von New Jersey, vor sich eine imposante, zu füllende Leere, zugleich beängstigend und befreiend. Sicher ist nur, dass David Chase mit Mut und Eigensinn einer vertraut geglaubten Geschichte zu neuer Relevanz verholfen hat. Darum ist sein wunderbarer Film eben kein weiteres Cover. Sondern ein Original.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
monocultur 25.09.2013
1. James Gandolfini
Zitat von sysopParamountSpät gibt "Sopranos"-Macher David Chase mit "Not Fade Away" sein Kinodebüt, dafür aber mit Wucht. Die Story einer Rock'n'Roll-Band in den Sechzigern ist unsentimental erzählt, James Gandolfini glänzt in einer seiner letzten Rollen. Achja, und dann wäre da noch die Musik. http://www.spiegel.de/kultur/kino/not-fade-away-rock-n-roll-film-mit-james-gandolfini-a-923899.html
Schon alleine wegen James Gandolfini werde ich mir diesen Film anschauen. Ein bekennender Sopranos- Fan!
yast2000 25.09.2013
2. Grandioser Stoff
Der Film kommt allerdings ein Jahr zu früh: Aber so ist das, lieber Chase, wenn man seiner Zeit voraus ist! Dann allerdings werden die Karrieremaniacs das Teil auf ihrem Rechner haben und sich daran erinnern, worum es eigentlich mal ging... ;-)
blut_ist_im_schuh 25.09.2013
3. ein film der...
...überhaupt nicht berühren konnte. furchtbar!
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