NS-Familiendrama "Die Lebenden" Horrortrip in die eigene Familie

Das Leben vor ihr, die Geschichte im Nacken: In Barbara Alberts "Die Lebenden" findet eine Berlin-Mitte-Bewohnerin heraus, dass ihr Großvater SS-Mann war. Das Familiendrama über Lügenpanzer und Abwehrbewegungen ist eine starke Ergänzung zum NS-Fernsehepos "Unsere Mütter, unsere Väter".

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Der Alte erinnert sich kaum, da war doch was. Ach ja, Auschwitz. Er hat dort einst als KZ-Wärter gearbeitet, seine Frau hat bei ihm gelebt, sogar seine beiden Kinder wurden dort geboren. Und doch ist Auschwitz in der blassen Erinnerung des Alten nicht mehr als eine irreale Phase. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später sagt er: "In Auschwitz habe ich geglaubt zu träumen, das war nicht ich, das war ein anderer. Ich fühle mich überhaupt nicht schuldig."

Ein letztes Mal wollen wir Antworten. Das ist, was wir bekommen: ein Greis, der den Holocaust als Traum memoriert. Und zwar nicht einmal als bösen Traum. So setzt Barbara Alberts Schuld-und-Lüge-Drama "Die Lebenden" einen Kontrapunkt zur Erinnerungsarbeit, die in anderen jüngeren filmischen Annäherungen an die NS-Zeit betrieben wird.

Etwa in Philippe Moras Dokumentation "German Sons", die das Dritte Reich aus Sicht eines Resistance-Nachfahrens und eines Nazibonzen rekonstruiert.

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Barbara Alberts "Die Lebenden": Schrei, wenn Du kannst!
Oder in Jeanine Meerapfels Beziehungsdrama "Der deutsche Freund", wo sich im Nachkriegsargentinien die Tochter geflohener Juden in den Sohn geflohener Nazis verliebt. Und natürlich in dem ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter", der uns die ungeheure Frage zu beantworten versucht, wie unsere Eltern und Großeltern zu Faschisten wurden.

Lügenpanzer und Abwehrbewegungen

"Die Lebenden" lässt diese Frage letztendlich offen. Die Heldin des Filmes wühlt in Archiven und sie befragt manisch die Familie, ein ganz rundes Bild aber wird aus der Recherche erstmal nicht. Das macht den Film ziemlich anstrengend, das macht den Film aber auch ziemlich ehrlich. Die historische Wahrheit wird hier eher am Rande gestreift, dafür legt "Die Lebenden" die Abspaltungsprozesse, die Lügenpanzer, die immer gleichen rhetorischen Abwehrbewegungen innerhalb der Familie offen.

Und das aus der nahen Gegenwart: Hauptfigur Sita (Anna Fischer, "Teufelsbraten") ist eine typische Berlin-Mitte-Bewohnerin, die zwischen antifaschistischer Demo und Castingshow-Job ihren Weg zu finden versucht. Zwischendurch hat sie viel Sex, glücklichen und unglücklichen. Das Leben ist ein Experiment. Politisches Bewusstsein und mediale Kompetenz sollte man zu diesem Experiment allerdings mitbringen. Der Blick von Sita in die Welt und auf die Wirklichkeit ist kritisch und reflektiert - nur im unmittelbaren Umfeld, in der eigenen Familie gibt es diese Grauzonen.

Dann geht es nach Österreich zum 95. Geburtstag des Großvaters (Hanns Schuchnig), einem auf den ersten Blick sympathischen Wirrkopf, der in seinen raren hellen Momenten ziemlich interessante Dinge über die Ewigkeit erzählt. Wird Zeit, dass man mal den Nachlass ordnet, all die alten braunstichigen Bilder, die sonderbar beschnitten wirken. Auf einem trägt er SS-Uniform.

Als Sita den Vater (August Zirner) fragt, was Opa als SS-Mann eigentlich zu tun hatte, wiegelt der ab: Als Deutscher aus Siebenbürgen sei man automatisch in der SS gewesen, er habe irgendwo in einem Ausbildungslager für Mitglieder der von Hitlers schwarzen Truppen gearbeitet. Das Ausbildungslager, Recherchen in deutschen und polnischen Archiven machen es möglich, entpuppt sich als Konzentrationslager. Und was sagt der Großvater? 1943 in Warschau hatte er die schönste Zeit seines Lebens - Hochzeitsreise mit Oma. Abschluss der Reise, so ließe sich hinzufügen: Auschwitz.

Was fängt man mit solchen Wahrheiten an, welche Rückstände hinterlassen die Familienlügen im eigenen Selbstbild? Die Suchbewegung der jungen Heldin in das eigene Leben ist untrennbar verknüpft mit der Suchbewegung in die eigene Familiengeschichte. Dabei folgt Regisseurin Albert ("Böse Zellen") Sita von Berlin nach Wien, von Warschau nach Siebenbürgen. Sie zeigt sie tanzend in Berliner Elektro-Kaschemmen und besetzten Warschauer Häusern, sie rast Sita auf dem Motorroller in endlosen Kamerafahrten hinterher.

Ist "Die Lebenden" also doch nur ein jugendverliebter Bilderbogen über eine junge coole Berlinerin? Nein, gerade durch die gegenwartsversesessene Optik stellt Regisseurin Albert eine dringliche Wahrheit heraus: Das Leben mag vor dir liegen, aber die Geschichte sitzt dir dabei immer im Nacken.



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