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Obermaier-Darstellerin Avelon: "Ich will mehr Bein und Hintern!"

Das Beste am Uschi-Obermayer-Film "Das wilde Leben" ist die Hauptdarstellerin: Kino-Debütantin Natalia Avelon, 26, sprach mit dem Magazin "U_mag" über Sex und Freiheit, ihre Kindheit in Polen und ihren weniger burschikosen Wunschkörper.

Frage: Uschi Obermaier hatte Sex mit dem Leben – so hast du es mal ausgedrückt. Von dir selber ist zu lesen, dass du gerne mal Wein und Zigaretten genießt, mehr aber nicht. Brauchst du keine Abenteuer?

Avelon: Guuuut, mit dem Wein habe ich vielleicht ein wenig untertrieben … (lacht) Mein alkoholisches Abenteuer ist Wodka, am liebsten den Wodka Top Secret im White Trash in Berlin. Dafür lasse ich den schönsten Mann der Erde stehen oder liegen. (lacht) Das größte Abenteuer ist für mich die Liebe, da geht es bei mir rund – und immer dann, wenn man es nicht erwartet, wird es besonders abenteuerlich. Nicht zu vergessen: Sex – ein ganz spezielles Abenteuer für sich. Es müssen auch nicht immer Drogen sein, die das Bewusstsein erweitern. Reisen – das ist es. Es gibt auf der Welt so unglaublich viele Orte, die so wunderschön sind. Oder auch richtig hässlich und dadurch schon wieder sehr spannend. Ich will so viel wie möglich sehen, und all die Menschen auf dieser Welt auch! Das ist für mich das wahre Abenteuer. Es ist so wahnsinnig interessant, neue Menschen kennen zu lernen.

Frage: Obermaier war eine extrem freie Frau. Wann fühlst du dich richtig frei?

Avelon: Am Meer, da vergesse ich die Welt um mich herum. Ich könnte stundenlang am Strand spazieren gehen. Extrem frei fühle ich mich auch, wenn ich einen Menschen liebe und bedingungslos geliebt werde. Hundertprozentiges Vertrauen ist für mich hundertprozentige Freiheit. Und frei bin ich vor allem, wenn ich Kohle habe und ausnahmsweise nicht abgebrannt bin.

Frage: Und wann fühlst du dich extrem unfrei?

Avelon: Wenn mein Gegenüber verklemmt ist. Oder Ansichten vertritt, die ich nicht akzeptiere. Wenn ich auf einer Party bin, wo Menschen einander etwas vorspielen: Coolness, Reichtum, Intellektualität. Das nervt mich. Wenn mir jemand etwas aufzwingen will, mir etwas Falsches unterstellt oder einredet. Unfrei bin ich, wenn mich meine Gedanken so einwickeln, dass ich nur noch aus Gehirn bestehe und meinen Körper nicht mehr wahrnehme.

Frage: Du hast viel Gesangs- und Tanzunterricht genommen – kannst du nicht stillsitzen?

Avelon: Richtig. Das berühmte Hummeln-im-Hintern-Syndrom. Ich will nicht stehenbleiben, im übertragenen Sinne. Schauspiel ist meine absolute Leidenschaft, trotzdem gibt es noch viele andere Sachen, die Spaß machen. Ich muss alles im Leben ausprobieren, was mich interessiert. Wenn ich nicht beschäftigt bin, komme ich nur auf dumme Gedanken. Das kann ich mir und meiner Umwelt ersparen, indem ich mich irgendwelchen Aufgaben widme.

Frage: Als Daniel Craig die Bond-Rolle bekam, hat er sich ein paar Wodka-Martini gemixt und sich betrunken. Was hast du gemacht, als du die Zusage für die Uschi-Rolle bekamst?

Avelon: Ich hatte leider keine Zeit, mich zu betrinken. Ich habe zu dieser Zeit in Düsseldorf gewohnt, und als der definitive Anruf kam, war ich sofort am Grübeln und Nachdenken über den Umzug, habe alle mir wichtigen Menschen angerufen und ihnen die freudige Nachricht überbracht. Das war ein Chaos! Aber schön war’s. Das war ein Gefühl von extremer Freiheit: Seinen Träumen ein Stück nähergekommen zu sein. Die erste Kinohauptrolle. Schade, dass ich dieses Gefühl nicht mehr erleben werde. Das erste Mal ist eben nur einmal das erste Mal.

Frage: Du bist in Polen geboren, hast die ersten Jahre deines Lebens dort verbracht. Wie war es dann, im Alter von acht Jahren nach Deutschland zu kommen?

Avelon: Meine Eltern und ich sind im Winter 1988 zunächst in Westberlin gelandet. Als wir nachts in der Wohnung ankamen, stand meine Mutter kurz vor dem Zusammenbruch. Die Wände waren mit Rotwein vollgespritzt, alles klebte und stank widerlich. Außer Dreck und ein paar demolierten Möbelresten war nichts da. Man kann sich also vorstellen, wie motivierend dieser Anblick war … Ich mit meinen acht Jahren fand das alles natürlich sehr aufregend.

Frage: Hast du dadurch zwei Kindheiten gehabt?

Avelon: Kann man so sagen. Bis 1988 haben wir in Breslau gelebt, in einem schönen großen Haus aus der Vorkriegszeit, das direkt gegenüber vom Chinesischen Garten und dem Breslauer Zoo stand. Das war für mich damals eine Riesenparty! Der Zoo um die Ecke, der Kindergarten direkt nebenan, in den ich abends mit meinem kleinen Kumpel oft "eingestiegen" bin. Da sind wir geklettert, Rad gefahren bis zum Umfallen und haben im Chinesischen Garten die Enten gejagt. Für ein Kind hat die politische Lage eines Landes meist überhaupt keine Bedeutung – Hauptsache, man kann mit seiner Kindergartengang verbotene Sachen anstellen. Dass es jedoch große Schwierigkeiten beim Beschaffen jeglicher Konsumgüter gab, habe ich damals nicht wirklich zu spüren bekommen. Es gab zum Beispiel Nahrungsmittelmarken für Fleisch, mit denen man stundenlang in der Schlange beim Fleischer anstehen musste. Bananen, Schokolade, Kaffee und so wurden nur an Weihnachten geliefert oder in so genannten Pewex-Läden verkauft: Geschäfte, in denen man nur mit westeuropäischer Währung oder Dollar bezahlen konnte. Das konnten sich nur wohlhabende Menschen leisten. Wir hatten Glück – ein Teil unserer Familie lebt in Holland. Also gab es damals die guten Pakete aus dem Westen. Sagt man doch so, oder? Heute erscheint mir das seltsam, denn heute kann sich jede Familie in Deutschland oder Polen zumindest Bananen leisten, auch wenn sie sozialhilfebedürftig ist. Meiner Familie ging es allgemein sehr gut. Wir haben, schätze ich, zu den privilegierten Menschen gehört.

Frage: Und dann?

Avelon: Der zweite Teil meiner Kindheit fing in Baden-Württemberg an, in einem Dorf in der Nähe von Karlsruhe. Meine Eltern entschieden sich, nach Deutschland auszuwandern, und wir mussten ein paar Jahre in einem Asylantenheim verbringen. Das hört sich schrecklich an, schrecklicher, als es war. Wir haben mit mehreren Familien und Menschen aus Polen, Rumänien oder dem Irak in einem Haus gelebt. Für meine Eltern war es keine angenehme Zeit, in dieser Riesen-WG zu wohnen. Auch wenn wir unser eigenes Zimmer hatten – die Küche und das Bad mussten wir mit anderen teilen. Ich wurde super integriert, von meinen Mitschülern in der Grundschule und von den Kindern im Dorf. Obwohl ich glaube, dass ich zunächst sehr exotisch war für die Kids. Ich konnte in der Schule kein Wort Deutsch, musste das erst lernen. Aber alle haben mir von ganzem Herzen geholfen. Ich hatte eine wirklich spannende Kindheit.

Frage: Was findest du heute spannend?

Avelon: Ich bin ein Internetjunkie, könnte ständig etwas googlen und downloaden und habe dabei schon so manchen Rechner außer Gefecht gesetzt. (lacht) Momentan bin ich viel mit meinem kleinen Dackel unterwegs, quer über Wiesen und Felder. Ich sitze gerne einfach nur auf einer Bank und schaue mir an, wie phänomenal die Natur ist. Ich könnte stundenlang in Buchläden herumstöbern und mir Tausende von Kunst- und Fotobüchern kaufen. Ich liebe Kino und bin überglücklich, meine Jungs und Mädels zu treffen und mit ihnen Bier zu trinken. Schlafen und gut essen sind für mich das Lebenselixier. Problem: Ich mache seit Jahren keinen Sport mehr – muss mich endlich beim Fitness anmelden. Aber nicht, um abzunehmen. Im Gegenteil – ich will mehr Bein und Hintern! Ich finde, eine Frau sollte Kurven haben. Leider bin ich um die Hüfte herum relativ burschikos. Seitdem ich 2000 mit der Leichtathletik aufgehört habe, bin ich richtig sportfaul geworden – und vom Essen allein gibt es vielleicht dickere Schenkel, aber auch ordentlich Cellulite.

Frage: Jemand versucht, dich in deiner Freiheit einzuschränken. Was tust du?

Avelon: Leider werde ich dann oft unausstehlich. Ich kann ein sehr geduldiger, diplomatischer Mensch sein. Wenn ich jedoch das Gefühl habe, dass mir Unrecht geschieht, dann wehe dem, der vor mir steht. (lacht) Ich werde cholerisch und beleidigend, fluche wie ein Weltmeister – vor allem und ganz böse auf Polnisch. Und man sagt, ich werde dann kalt wie Eis. Ansonsten bin ich, glaube ich, wirklich ein netter Kumpeltyp.

Frage: Du sitzt in einer Bar den ganzen Abend einem großen Spiegel gegenüber. Was denkst du?

Avelon: Uuuh. Was für ein cooler Typ! Und die Oberarme! Wieso sich das Pärchen am Tisch wohl die ganze Zeit anschweigt? Wow, top Figur die Lady. Geiles Dekolleté! Kommt der Kellner jetzt endlich? O Gott?! Ist das mein Ex, der da hereinkommt? Ja – zusammen mit meinem Freund! Bauch rein, Brust raus. Augen zu und durch.

Frage: Auf einer Party macht jemand eine abfällige Bemerkung darüber, dass viele junge Schauspielerinnen ihre Rollen nur durch ihr Aussehen bekommen und spricht dich direkt an. Wie reagierst du?

Avelon: Noch mal: Brust raus, Bauch rein, Kreuz durchstrecken. Stirn bieten. Mich schockiert so schnell nichts und niemand. Vor allem fasse ich diese galante Bemerkung als Kompliment auf. Ist doch keine Beleidigung, oder? (lächelt)

Frage: Und jetzt?

Avelon: Indien, Thailand, Neuseeland. Oma und Opa besuchen für mindestens zwei Wochen, mit Opa im Schrebergarten Unkraut jäten und mit Oma Nachbarinnen besuchen! Vielleicht spannende neue Angebote durchlesen, vielleicht von der Presse niedergetreten werden und trotzdem Unkraut jäten. Ich nehme das Leben, wie es kommt. Aber als Allererstes werde ich mir wieder eine Wohnung in Berlin suchen. Es lebe das Leben. Ich liebe es.

Das Interview führte Volker Sievert

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