Obermaier-Film "Das wilde Leben" Boxenluder der Revolution

Uschi Obermaier war 1968 das deutsche Oben-ohne-Pendant zum bärtigen Ché-Guevara-Heiligenbildchen. Sie sprengte die "Kommune 1" und turtelte mit den Rolling Stones. Schade: Biederer und kreuzbraver als im nächste Woche startenden Kinofilm "Das wilde Leben" hätte man ihre Geschichte nicht verfilmen können.

Von Reinhard Mohr


"Wir sind das Schlangenei, aus dem die Rote Armee Fraktion gekrochen ist. Wir waren die ersten, die auf die Idee kamen, ein Kaufhaus in Brand zu stecken. Wir hatten alle einen Kopfschuss. Gruppensex. Das Problem war der Abwasch. Wir wollten schockieren. Spaßguerilla. Psychoterror. Wir waren restlos verklemmt. Bis Uschi kam..."

Stakkatohaft resümiert Ulrich Enzensberger, Kommunarde der ersten Stunde und Bruder von Hans Magnus Enzensberger, in seinem beeindruckenden 400-seitigen Bericht "Die Jahre der Kommune 1. Berlin 1967 - 1969" zu Beginn listig sämtliche Vorurteile, Wahrheiten und Halbwahrheiten über jenen Zentralmythos der Revolte von 1968, der bis heute die Gemüter bewegt.

Jene wunderbare, sagenumwobene Zeit zwischen freier Liebe und Weltrevolution jährt sich dieser Tage zum 40. Mal, und so ist es mehr als ein schöner Zufall, dass am 1. Februar, zum Auftakt der lang gestreckten 68er-Jubiläumsfeierlichkeiten, "Das wilde Leben" in die Kinos kommt, der erste Spielfilm über Uschi Obermaier, Ikone der Revolte und Fotomodell, Freundin von Rainer Langhans in der legendären Kommune 1, geliebtes enfant terrible der Illustrierten und unerschrockene Lebensabenteurerin.

Mit Marx und Mao allerdings konnte sie nie viel anfangen: "Ich hab' versucht, es zu lesen. Aber über die Einleitung bin ich nie hinausgekommen. Buchstaben sind mir zu unattraktiv."

Po und Brüste

Ganz nackt und traurig steht sie da im lauen pazifischen Abendwind, während das brennende Floß mit dem Leichnam des Geliebten im Sonnenuntergang aufs kalifornische Meer hinaus getrieben wird. Die elegische, besser: kitschige, Anfangsszene des Films wird allerdings von der sinnlichen Zurschaustellung des reizvollen Körpers von Natalia Avelon durchkreuzt, die die junge Uschi Obermaier tatsächlich eher verkörpert als spielt. Und so schaut man ganz unesoterisch auf Po und Brüste, bevor die obligatorische Rückblende einsetzt. So viel sei verraten: Man wird Uschi alias Natalia noch häufiger nackt herumspringen sehen in den restlichen 90 Kinominuten.

Alles fing 1967 im kleinen Sendling bei München an, wo es die 20-jährige Uschi, wie Tausende andere, zu Hause bei den spießigen Eltern nicht mehr aushält. "Du Schlampe!" muss sie sich von der eigenen Mutter beschimpfen lassen, nur weil ein paar schwarzweiße Nacktfotos in der Schublade herumfliegen. Uschi treibt sich in Clubs herum, lässt sich von wildfremden Fotografen ansprechen, tanzt und hört laute Rockmusik - das ist einfach zu viel für die Generation, die mit dem Horst-Wessel-Lied, stundenlangen "Führer"-Reden und dem Eva-Prinzip des fleißigen Hausfrauendaseins groß wurde.

Nun aber gilt das Uschi-Prinzip: Sex and Drugs and Rock'n'Roll.

So packt sie ihre Sachen und trampt mit ihrer Schwester in die weite Welt. Schon an der nächsten Landstraße werden sie im klapprigen VW-Bus der Deutschrockgruppe Amon Düül II mitgenommen, wo man sich kiffend auf den nächsten Auftritt vorbereitet. In Berlin lernt sie Rainer Langhans kennen und zieht zu ihm in das Matratzenlager der "Kommune 1", wo neben dem wuschelköpfigen Frauenhelden in weiß vor allem Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann für die revolutionären Spruchweisheiten zuständig sind.

"Bist bloß eifersüchtig, alte Gurke!"

Klar, dass die attraktive Uschi den Chaotenladen, in dem Sex und Politik gleichermaßen von allen bürgerlichen Zwängen befreit werden sollen, noch ein bisschen mehr durcheinander wirbelt: "Bist bloß eifersüchtig, alte Gurke!" schleudert sie einer ideologiekritisch mäkelnden Mitgenossin entgegen, die gerade neben ihr in die zwangsbefreite Kloschüssel piselt, während Uschi sich vorm bürgerlichen Schminkspiegel schön macht - nicht nur für den Rainer, der so toll über alles reden kann. Als Boxenluder der Revolution mit der unverwechselbaren 68er-Zeitgeisterotik, als deutsches Oben-ohne-Pendant zum bärtigen Ché-Guevara-Heiligenbildchen, verdient sie auch gutes Geld als Covergirl von "Stern", "Twen" und "Playboy".

Um der Generation Praktikum die historischen Zusammenhänge von Notstandsgesetzen, Vietnamprotest, Springer-Kampagne und Orgasmusschwierigkeiten ein wenig nahe zu bringen, werden kurze Off-Kommentare und "Tagesschau"-Bilder eingespielt - wer weiß denn schließlich heute noch, was das "Pudding-Attentat" war?!

Und so geht alles seinen sozialistischen Gang. Erst macht Rainer mit einer anderen rum, was Uschi nicht egal ist, dann macht Uschi mit einem anderen rum, was Rainer stört. Vor allem, weil es sich um Mick Jagger handelt. Schlimmer noch: Auf der Party der Rolling Stones zeigt auch Keith Richards Interesse an der "You're so beautiful!"-Uschi aus Sendling, die so wunderbar die Lippen schürzt und ein trotzig-rotziges Bayrisch spricht, das entfernt an den frühen Bully Herbig erinnert.

Jahrelange Weltreise

Als Rainer kleinbürgerliche Tendenzen offenbart, böse Eifersucht zeigt und in einer Übersprungshandlung plötzlich sexuelle Enthaltsamkeit predigt, zieht sie aus der Kommune aus, verrät die Revolution und schließt sich den Rolling Stones an, die in Luxushotels residieren und sich zwischen den Gigs mit Sex, Alkohol und Drogen fit halten.

Aber auch das Edel-Groupie-Dasein zwischen Stretchlimousine und Hotelbett bringt keinen dauerhaften Spaß, und so geht sie 1973 mit dem Hamburger Kiez-König und Abenteurer Dieter Bockhorn (David Scheller) im Hippie-Bus auf jahrelange Weltreise - nach Indien, Libanon und Afghanistan, nach Mexiko und Kalifornien. Dort endet das große Abenteuer an der Frontscheibe eines entgegenkommenden Lastwagens.

Leider ist dieser Frontalzusammenstoß auch eine Metapher für den Film. Stichwort Totalschaden. Für ein privates Homevideo der nun 60-jährigen, in Los Angeles lebenden Schmuckdesignerin - "frei nachempfunden den Erinnerungen von Uschi Obermaier", wie es im Vorspann heißt - ist der Film dann doch zu aufwendig produziert. Unter anderem wurde auf Goa und in Bombay gedreht, wo der indische Zoll wegen zweier 40 Jahre alter Original-Leopardenfelle von Uschi Obermaier mächtig Ärger machte.

Für einen abendfüllenden Spielfilm aber ähnelt "Das wilde Leben" zu sehr den mittelmäßigen Fließband-Produktionen des deutschen Fernsehens, in denen wilde Kerle oder freche Mädchen ihre pseudodramatischen Rollenspielchen vorhersehbar abspulen. So ist auch dieses Kinodebüt des 38-jährigen Regisseurs Achim Bornhak, der bislang zwei TV-Filme, vor allem aber Werbe- und Musikclips für MTV und Viva gedreht hat, nur ein bunter Bilderbogen ohne schlüssige Dramaturgie. Brav hält man sich an der Chronologie fest.

Kein Charakter nirgends

Einzig Matthias Schweighöfer als Rainer Langhans gelingt es zuweilen, wie nebenbei den großspurig-hochfahrenden Ton seines narzisstischen Charakters zu treffen, der seine objektive Lächerlichkeit immer gleich mitliefert.

Während darin für Sekunden eine Wahrheit über die historische Szenerie aufscheint, schlurfen die Darsteller von Kunzelmann & Co. bloß wie Comicfiguren, gerne auch mal nacktärschig, durchs Bühnenbild. Hier ein Sprüchlein, dort ein Witz, der leider auch nicht mehr der Wahrheitsfindung dient - das war's.

Die Missachtung der Grundregel, den Stoff erst einmal ernst zu nehmen, bevor man ihn zerschneidet, und sei es satirisch (wie zum Beispiel in "Das Leben der Anderen"), führt dazu, dass der Film weder die Zeit und ihre Protagonisten erfasst, noch den Kinozuschauer ergreift. Eigentlich passiert gar nichts in diesem Film, und man fragt sich schon vor der ausgedehnten Indien-Episode, was das alles eigentlich soll. Kein Charakter nirgends, nur Abziehbilder einer langweiligen, nicht selten biederen, ja peinlichen Touristenästhetik.

So huschen auch Mick Jagger (Rockmusiker Victor Norén) und Keith Richards (Alexander Scheer) als lächerliche Kindskopf-Junkies durch den Bilderreigen - keinen Augenblick wird anschaulich und begreifbar, wie sehr die revolutionäre Musik der "Stones" weltweit das Leben einer ganzen Generation geprägt hat.

Auch die Hauptdarstellerin, der man eine gewisse Präsenz wahrlich nicht absprechen kann, hat kaum echte Ausstrahlung jenseits ihrer Körperlichkeit. Ihr, dem Medium des 68er-Zeitgeists, fehlt die Realität um sie herum. Der Muse fehlt die Kunst, dem Boxenluder die Revolution. Das alles ist umso erstaunlicher, als Produzent Eberhard Junkersdorf für durchaus anspruchsvolle Filme wie "Die Blechtrommel", "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" und "Stammheim" steht.

Bemerkenswert aber auch, dass sich die Hauptdarstellerin Natalia Avelon in der Talkshow "3 nach 9" kritisch über den Schnitt des Films geäußert hat und ähnlich wie Helge Schneider, Hauptdarsteller von "Mein Führer", vom eigenen Arbeitsprodukt distanziert. Viele Szenen seien weggefallen, man habe "sich nichts getraut" und wohl "Rücksicht auf den Mainstream" genommen.

Ironie der Geschichte: Am Anfang der "Kommune 1" stand ein Kultfilm - "Viva Maria" von Louis Malle, in dem Jeanne Moreau und Brigitte Bardot durch Witz, Körpereinsatz und Sprengstoff der mexikanischen Revolution Zunder geben. Im Juni 1966 hatte sich die so genannte "Viva-Maria-Gruppe" in einem Haus am Kochelsee getroffen, um die Kommunegründung vorzubereiten - neben Teufel, Kunzelmann und Langhans auch Rudi Dutschke, der den mitreißenden Film voller Begeisterung gleich mehrmals gesehen hatte. Stets blieb er, so berichten glaubwürdige Zeitzeugen, bis zum Ende wach, obwohl ihm sonst häufig im Kino die Augen zufielen.

Bei "Das wilde Leben" wäre er ganz schnell eingeschlafen.



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