Geschlechtertausch im Kino "Frauen dürfen ran, wenn Männer es versaut haben"

"Ocean's 8" ist kein Einzelfall: Hollywood setzt massiv auf Neuverfilmungen, in denen Frauen die Rollen von Männern übernehmen. Ist das emanzipatorisch oder unnütz? Eine Umfrage unter Kritikerinnen und Kritikern.

von links: Sandra Bullock, Sarah Paulson, Rihanna, Cate Blanchett und Awkwafina in "Ocean's 8"
Warner Bros.

von links: Sandra Bullock, Sarah Paulson, Rihanna, Cate Blanchett und Awkwafina in "Ocean's 8"


In unserer Rubrik "Filmfrage" hören wir uns unter wechselnden Kritiker:innen zu aktuell diskutierten Themen um. Diese Woche: Geschlechtertausch im Kino - emanzipatorisch oder unnütz?

"Ghostbusters", "Ocean's 8": Noch ist die Liste der Neuauflagen, in denen Frauen die Rollen von Männern übernehmen, kurz. Doch das ändert sich bald. Neuverfilmungen von "Was Frauen wollen" sowie "Zwei hinreißend verdorbene Schurken" mit verkehrten Rollen stehen bis nächsten Sommer an. Außerdem sind Adaptionen von "Herr der Fliegen" und "Splash: Jungfrau am Haken" in Planung. Sind diese "Gender Flips" der richtige Weg, um den Mangel an weiblichen Hauptrollen und Heldinnen in Hollywood auszugleichen?

Melissa McCarthy (links) und Sandra Bullock in "Taffe Mädels"
20th Century Fox

Melissa McCarthy (links) und Sandra Bullock in "Taffe Mädels"

Nadine Lange, Kulturredakteurin beim "Tagesspiegel", Berlin, Mitgründerin des "Queerspiegel" und Co-Autorin von "Heteros fragen, Homos antworten"
Frauen dürfen ran, wenn Männer es versaut haben. Siehe die CDU nach der Spendenaffäre oder aktuell die SPD. Manchmal haben die Herren auch das Interesse verloren wie etwa am Lehrerberuf oder am Gitarrenrock. Da können die Frauen sich dann gern mal austoben. Dass Hollywood nun verstärkt auf Remakes mit weiblichen Stars setzt, dürfte eine weitere Variante dieses Zweite-Liga-Phänomens sein: Eingeführte Marken werden diversifiziert, ohne dabei ein ähnlich großes Risiko einzugehen wie bei Originalstoffen. Ist eine Franchise mit männlicher Besetzung auserzählt wie die "Ocean's"-Reihe, probiert man es halt mal mit einer Reihe von Lady-Promis. Allerdings kann das einkalkulierte Interesse von Alt-Fans auch zum Problem werden wie der misogyn-rassistische Shitstorm gegen die Neuauflage von "Ghostbusters" gezeigt hat. Dass die Motivation für die Damen-Remakes keine feministische ist, wäre zu verschmerzen, wenn die Filme richtig spannend und witzig wären. Doch leider wirken sie eher wie B-Ware. Dann schon lieber eine Kumpelinen-Cop-Komödie wie "Taffe Mädels". Davon könnte es gern mal einen zweiten Teil geben.


Sophie Charlotte Rieger, Filmjournalistin, Berlin, betreibt das Online-Magazin "Filmlöwin", eine Plattform für feministische Filmkritik und Gleichberechtigung in der Filmbranche
Die Zahlen sprechen für sich: Film und Fernsehen fehlt es eindeutig an weiblichen Identifikationsfiguren. Und so schadet es sicher nicht, im Namen einer geschlechtergerechten Repräsentation bislang rein männlich besetzte Franchises mit einem weiblichen Cast fortzusetzen. Wenn in "Ocean's 8" acht Meisterdiebinnen einen großen Coup planen, dann tun sie das nämlich - wie sie in einem feministischen Meta-Moment selbst artikulieren - auch für all die kleinen Mädchen, die von einer kriminellen Karriere träumen. Und das vergrößert, abseits pädagogischer Bedenken, grundsätzlich die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe. Allein Männer durch Frauen zu ersetzen, aber greift viel zu kurz. Ein tatsächlicher Paradigmenwechsel würde nämlich auch die Suche nach neuen Narrativen, eine Abkehr von den rigiden Körpernormen Hollywoods sowie den Blick über den weißen, cis-geschlechtlichen und heterosexuellen Tellerrand hinaus beinhalten. In dieser Hinsicht ist "Ocean's 8" leider nur ein kleiner Schritt auf einem langen Weg.


Lars-Olav Beier, Filmredakteur bei DER SPIEGEL, Berlin
Was kommt als nächstes? "Die glorreichen Sieben" mit revolverschwingenden Cowgirls? Oder wie wäre es mit "Das dreckige Dutzend - Zwölf Schlampen gegen Hitler"? In Hollywood ist gerade Tapetenwechsel angesagt, aus Männerfilmen werden Frauenfilme. Im Grunde handelt sich dabei nur um einen weiteren Dreh, Sequels und Remakes von erfolgreichen Filmen zu machen, ein Geschäft, das Hollywood schon seit langem betreibt. Und weil die Jungs und jungen Männer, die jahrzehntelang den Großteil des Kinopublikums ausmachten, heute mehr Zeit mit Computerspielen verbringen, buhlen die Studios nun um die weiblichen Zuschauer. Im Falle von "Ocean's 8" wollte Warner Brothers, das ja nicht Warner Sisters heißt, auf die männliche Endkontrolle allerdings nicht verzichten und verpflichtete den Regisseur Gary Ross. Es ist zwar ganz nett, Sandra Bullock und Cate Blanchett auf den von Brad Pitt und George Clooney ausgetretenen Pfaden zu folgen, aber ein guter Film sieht anders aus. Um das gerade für sich entdeckte weibliche Publikum auf Dauer zu behalten, wird Hollywood wohl nicht umhinkommen, sich neue Geschichten auszudenken.


Von links: Leslie Jones, Melissa McCarthy, Kristen Wiig und Kate McKinnon in der Neuauflage von "Ghostbusters"
Sony Pictures

Von links: Leslie Jones, Melissa McCarthy, Kristen Wiig und Kate McKinnon in der Neuauflage von "Ghostbusters"

Anna Wollner, Filmjournalistin, Berlin, arbeitet frei für verschiedene ARD-Hörfunkwellen:

Cate Blanchett hat in einem Interview geunkt, "Oceans 8" hieße übrigens so, weil in Hollywood nur acht Frauen arbeiten würden. Was auf den ersten Blick wie ein Witz klingt, ist gefühlt leider war. Denn die Gender-Flip-Perspektive findet im vierten Teil des Franchises nur vor, aber nicht hinter der Kamera statt. "All Female", "Nur Frauen", damit brüstet sich der Film. Klar, die acht Meisterdiebinnen sind eindeutig alle weiblich, aber der Antagonist ist ein Mann, und ein Blick hinter die Kamera offenbart ein noch größeres Ungleichgewicht. Mit Gary Ross hat ein männlicher Hollywoodhandwerker auf dem Regiestuhl Platz genommen, immerhin hat er mit Olivia Milch zusammen das Drehbuch geschrieben - aber viele andere Gewerke wie Kamera und Musik sind genuin männlich besetzt. Als ob es keine Regisseurin geben würde, die dem Film einen weiblichen Drive hätte verpassen können. Einen Drive, den er so bitter nötig gehabt hätte. Ähnlich übrigens wie bei "Ghostbusters" (Paul Feig) oder "Overboard" (Rob Greenberg). Was nützt es schon, wenn man ein Haus neu streicht, aber das marode Gemäuer stehen lässt. Um auf Cate Blanchetts Aussage zurückzukommen. Das einzig wirklich Positive einer potentiellen Fortsetzung wäre also die Beschäftigung einer weiteren Frau.

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