Odyssee im Weltraum: Das Tor zum All

Von Hans-Arthur Marsiske

"2001 - Odyssee im Weltraum" wirft viele Fragen auf und gibt wenig Antworten. Gerade deshalb ist der Film die Ikone des beginnenden Weltraumzeitalters. Teil zwei der SPIEGEL-ONLINE-Serie über erfüllte und unerfüllte Visionen.

Filmszene aus "2001": Tiefgründige Symbolik oder bedeutungslose Psychedelik?
Internationale Filmfestspiele Berlin

Filmszene aus "2001": Tiefgründige Symbolik oder bedeutungslose Psychedelik?

Über die rätselhafte Schlusssequenz von "2001 - Odyssee im Weltraum", die den Raumfahrer Dave Bowman und mit ihm die Kinozuschauer in einen Rausch psychedelischer Formen und Farben stürzt, ist viel nachgedacht worden. Überflüssigerweise, wie Ronald M. Hahn und Volker Jansen im "Lexikon des Science Fiction Films" behaupten.

"Das Ende wurde noch kurz vor der Aufnahme umgeworfen", zitieren sie eine Äußerung des Regisseurs Stanley Kubrick. "Ursprünglich hatten wir nicht vor, Bowmans Alterungsprozess zu zeigen. Er sollte einfach in diesem Zimmer herumgehen und sich den Monolithen ansehen. Aber das erschien uns nicht befriedigend und interessant genug, deswegen suchten wir nach einer anderen Idee, bis uns schließlich das Ende einfiel, das man im Film sieht." Hahn und Jansen kommentieren: "Man sieht, nicht hinter jedem poetisch aufgeblasenen Mysterium steckt eine verschlüsselte Botschaft."

Wie jeder Filmemacher, der ein möglichst großes Publikum erreichen will, wäre Kubrick schlecht beraten gewesen, seine Botschaften zu verschlüsseln. Vielmehr dachte er offenbar von vornherein in Bildern und urteilte mit seinem ästhetischen Empfinden über deren Gültigkeit. Sprache spielt dagegen in "2001 - Odyssee im Weltraum" nur eine untergeordnete Rolle - die wichtigsten Informationen werden durch Bilder und Klänge übermittelt.

Science-Fiction-Autor Clarke: Kläglicher Versuch
AP

Science-Fiction-Autor Clarke: Kläglicher Versuch

Deshalb lässt sich der Film auch nicht ohne weiteres in Sprache zurückübersetzen. Wie kläglich solche Versuche ausfallen können, hat Arthur C. Clarkes im Anschluss an den Film entstandene Romanfassung von "2001" bewiesen. Auf ganzer Strecke triumphiert darin der Ingenieurwissenschaftler, der den Platz jeder Schraube genau kennen will, über den Visionär.

"2001 - Odyssee im Weltraum" ist ein multimedial entwickelter Gedanke, der verunsichern kann. Doch anders lässt sich eine Begegnung mit dem Unbegreiflichen nicht erzählen: Eine Kultur, die schon vor mehreren Millionen Jahren die Erde besucht hat, muss für Menschen unerklärlich sein. Die meisten Science-Fiction-Filme drücken sich um diese Erkenntnis, indem sie die Aliens auf irdisches Maß zurechtstutzen. Kubrick gehört zu den wenigen Regisseuren, die die Frage nach der außerirdischer Intelligenz ernst genommen haben.

Das Tor zum All ist aufgestoßen

Allerdings entstand der Film auch in einem extrem günstigen historischen Umfeld. Mitte der sechziger Jahre, als die Produktionsarbeiten begannen, war das Wettrennen zum Mond in vollem Gange. Immer neue Erstleistungen der sowjetischen und amerikanischen Raumfahrer füllten die Schlagzeilen. Als der Film dann 1968 in die Kinos kam, waren es nur noch wenige Monate, bis mit Apollo 8 die ersten Menschen zum Mond fliegen und in natura den Anblick genießen sollten, den Kubrick als grandiose Ouvertüre an den Anfang gestellt hat: Langsam tritt die Kamera aus dem Mondschatten und zeigt Mond, Erde und Sonne dicht nebeneinander.

Raumschiff "Discovery" in "2001": Epochenwechsel der Menschheitsgeschichte
Internationale Filmfestspiele Berlin

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In diesem Moment begann das Weltraumzeitalter. Die Sowjetunion hatte es zwar schon 1957 mit dem Sputnik und 1961 mit Jurij Gagarin eingeläutet. Aber erst jetzt war das Tor zum All für die gesamte Menschheit erkennbar aufgestoßen. In den folgenden Jahren bestätigte sich eine Prognose, die der britische Astronom Fred Hoyle schon 1948 gewagt hatte: "Sobald es ein von außerhalb aufgenommenes Foto der Erde gibt, wird eine neue Idee, so mächtig wie keine andere in der Geschichte, freigesetzt werden."

Kubrick hat diesen historischen Augenblick in knapp 150 Filmminuten kondensiert. Damit hat er nicht nur Filmgeschichte geschrieben. "2001 - Odyssee im Weltraum" ist selbst ein geschichtliches Monument, das den tiefgreifendsten Epochenwechsel der Menschheitsgeschichte verkündet. Ob dieser Wechsel gelingt, steht noch aus. Aber die Hoffnung, dass die Menschheit zu einer kosmischen Zivilisation heran reifen könnte, hat nie einen überzeugenderen Ausdruck gefunden als in diesem Film.

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