Öko-Doku "Die 4. Revolution": So gut sah die Energiewende noch nie aus

Von Daniel Boese

Kein Öl, keine Kohle, keine Atomenergie - der Kinofilm "Die 4. Revolution" zeigt, wie die Welt allein mit erneuerbaren Energien auskommen könnte. Auch die Finanzierung der Doku ist spektakulär: Statt Filmförderung brachten mehr als 150 Unternehmen und Privatpersonen das nötige Geld auf.

Erneuerbare Energien: Die Wegbereiter der "4. Revolution" Fotos
Delphi Filmverleih

Mal ehrlich, will man das im Kino sehen. Die Verfilmung des Sachbuches "Energieautonomie" des SPD-Politikers Hermann Scheer?

Der Dokumentarfilmer Carl Fechner war sich sicher: Das will man nicht nur, das muss man.

Rund 150 Unterstützer sahen das ebenso. Vom Solarunternehmer über die Verlegerin von Kunstbüchern bis zur Waldorfschule Hamburg Nienstedten spendeten sie insgesamt 1,25 Millionen Euro, damit Fechner seinen Film über den maximalen Ausbau der erneuerbaren Energien machen konnte. Diesen Donnerstag kommt er nach vier Jahren Vorbereitungszeit in die Kinos. Sein unbescheidener Titel: "Die 4. Revolution".

"Die Menschen wollen Antworten, sie wollen Visionen", erklärt Fechner die Vielzahl seiner Unterstützer. Der 56-Jährige ist nicht der erste, der die Klimabewegung und das Kino zusammenbringt. Oscar-Gewinner Al Gore schulte persönlich über 3000 Freiwillige, die rund um die Welt die Botschaft von "Eine unbequeme Wahrheit" verbreiteten. Auch die Britin Franny Armstrong finanzierte ihr apokalyptisches Doku-Drama "Age of Stupid" teilweise durch eine Spendenkampagne.

Was "Die 4. Revolution" trotzdem einzigartig macht: Es ist der erste Film, der auf die Bedrohung durch den Klimawandel tatsächlich eine positive Antwort hat. Große Solarkraftwerke, vernetzte Windparks, Blockheizkraftwerke, Solaranlagen im ländlichen Afrika: Mit solchen Projekten könne die Menschheit innerhalb der nächsten drei Jahrzehnte ganz auf Öl, Kohle und Nuklearenergie verzichten und trotzdem prosperieren. Das wäre dann, so Fechners Ansatz, nach der industriellen, agrarwirtschaftlichen und digitalen Revolution der vierte globale technische Umbruch.

Die Idee zu Film kam Fechner 2006 während eines Gesprächs mit Hermann Scheer. Der Alternative Nobelpreisträger erzählte ihm von seinem neuen Buch "Energieautonomie", in dem er beschreibt, wie die Welt komplett mit erneuerbaren Energien versorgt werden könne. Das klang zunächst wie die Botschaft, die das Öko-Urgestein Scheer seit 30 Jahren in die Welt trägt. Doch für Fechner war klar, dass sich etwas verändert hatte. Was lange utopisch erschien, ist heute längst technisch machbar. Entscheidend sind nur noch die Menschen, die die Technologien auch einsetzen. Wenn man diese Menschen nun rund um die Welt begleitet, ihre Leidenschaft und ihre Kämpfe zeigt - dann könnte aus dem Sachbuch ein packendes Drama entstehen.

Pfälzer Unternehmer trifft indischen Nobelpreisträger

Aus dieser Idee wurde zunächst eine Website: Über http://www.energyautonomy.org sammelte Fechner Geld von Sponsoren im In- und Ausland. Das Prinzip nennt sich "Crowdfunding" - viele Menschen finanzieren gemeinsam, was einer nicht alleine kann. Für 1000 Euro konnte man ein "Supporter" werden, erhielt dafür eine Nennung im Abspann und auf der Website sowie 50 DVDs des fertigen Films. Zahlreiche Installateure von Solaranlagen beteiligten sich so, aber auch Bündnis 90/Die Grünen und der BUND. Vor allem aber waren es Privatpersonen, die Geld gaben. Als im Dezember 2008 der Weltklimagipfel in Poznan nur Stillstand produzierte, hatte Fechner 1,25 Millionen Euro beisammen und konnte mit den Dreharbeiten beginnen.

Einer der Protagonisten der "4. Revolution" ist Matthias Willenbacher, ein Unternehmer aus Rheinland-Pfalz. Mit 550.000 Euro ist er zugleich der größte Sponsor des Films. "Der erste Bankberater, mit dem ich gesprochen habe, hat mich wieder nach Hause geschickt", erzählt der 40-Jährige. Das von ihm gegründete Unternehmen Juwi baut Anlagen für erneuerbare Energien rund um die Welt, 2009 lag der Umsatz bei 600 Millionen Euro. Das erste Gespräch zwischen Fechner und Willenbacher dauerte drei Stunden statt der vereinbarten einen. Eigentlich wollten sie nur über die Filmproduktion sprechen, daraus wurde ein Casting. Fechner suchte noch einen jungen, dynamischen Unternehmer. In Willenbacher fand er ihn, und so landete der Pfälzer neben Nobelpreisträger Mohammad Yunus und Bianca Jagger in einem Film, den er eigentlich nur mitfinanzieren wollte.

Die Mischung aus Financier und Filmheld ist nicht gerade glücklich, aber Fechner geht damit offensiv um: Im Abspann und auf der Website ist Juwi deutlich als Hauptsponsor ausgewiesen. "Jegliche Einflussnahme auf die Inhalte des Films von Seiten der Financiers wurde im Vorfeld vertraglich ausgeschlossen", betont Fechner. Wahrscheinlich wäre man sich auch kaum in die Quere gekommen: Was für Fechner zählt, ist die klare Fürsprache für erneuerbare Energien.

Sogar Hermann Scheer nervt nicht

Dieses Engagement ist auch in Fechners Lebensgeschichte begründet. Seine ersten professionellen Erfolge als Dokumentarfilmer hatte er während des Golfkriegs 1990/91. Auf eigene Faust war er unabhängig im Irak unterwegs. "Ich habe 10.000 Stunden Archivmaterial aus dem Krieg zu Hause", erzählt der drahtige Regisseur. "Grauenvoll, Stunden mit Bildern toter Kinder". Die Gewalt, die die Abhängigkeit von Öl hervorbringt, erfuhr er hautnah: "Wir produzierten für das deutsche Fernsehen das menschliche Gesicht des Krieges." Er hätte damit weitermachen können, Konflikte auf dem Balkan und in Ruanda filmen können. Stattdessen wollte er aus diesem Teil des Mediensystems ausbrechen und mit seinen Filmen Lösungen vermitteln.

Dass bei Fechner die Rollen klar verteilt sind, macht "Die 4. Revolution" zum Teil sehr erwartbar: Der Böse ist der Chef-Volkswirt der internationalen Energie-Agentur, Fatih Birol. In "liebevoller Machtfülle", wie Fechner es umschreibt, erklärt Birol beharrlich, warum Kohle und Atomstrom weiter notwendig sein werden. Daneben aber folgt Fechner den Pionieren der vierten Revolution rund um die Welt, nach Dänemark, Mali, Bangladesch und China.

Dass er dabei nicht in die Propaganda-Falle tappt und Agit-Prop produziert, liegt zum einen an den Protagonisten, die die wichtigsten Aspekte der globalen Energieproduktion für Laien verständlich machen. Selbst der SPD-Veteran Hermann Scheer nervt dabei nicht als Besserwisser, sondern glänzt als Erklärer. Zum anderen sind es der emotionale Soundtrack und die dramatischen Bilder, die den Film tragen. Fechner traut sich, das Treffen der neuseeländischen Expertin für Batterien und des dänischen Windkraft-Pioniers wie in einem Thriller zu inszenieren: schnelle Schnitte, ein Treffen an einer einsamen Kreuzung - wann sah Ökologie je so gut aus?

"Es ist ein Film aus der Bewegung für die Bewegung", sagt Fechner. Seine Unterstützer haben ein Eventhandbuch gedruckt und in über hundert Städten Veranstaltungen organisiert: regionale Premieren mit dem Bürgermeister, Fahrradsternfahrten, Podiumsdiskussionen. Das Kalkül ist: Wer Hunderttausende Euro gesammelt hat, bringt nun auch Freunde und Familie ins Kino. Es könnte gut sein, dass dieser Film tatsächlich eine Revolution startet. Zumindest der Slogan "100 Prozent Erneuerbare" hat das Potential, "Atomkraft - Nein Danke" oder "100 - Dem Wald zu Liebe" abzulösen und der neue Klassiker der Ökobewegung zu werden.

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"Die 4. Revolution"

(D 2010)

Buch und Regie: Carl-A. Fechner

Produktion: FechnerMEDIA

Länge: 83 Minuten

Start: 18. März 2010

Offizielle Website zum Film