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Heimat-Western "Das finstere Tal": Schneeleichen pflastern seinen Weg

Von Thomas Andre

Ein Mann jagt Gewehrkugeln in die Bergluft: In der Bestseller-Verfilmung "Das finstere Tal" befreit ein amerikanischer Held ein düsteres Alpendorf von der Herrschaft eines Tyrannen. Selten hat deutschsprachiges Genrekino so gut ausgesehen. Und so gewaltig.

Als der Fremde in das Hochtal einreitet, ist der Winter noch nicht über die Dorfgemeinschaft gekommen. Wenn die eisige Jahreszeit erst einmal da ist, führt kein Weg mehr aus dem Ort. Die Verhältnisse sind karg: 19. Jahrhundert, Zivilisationsferne und Isolation, erstickende soziale Enge, Naturgewalten, die volle Alpen-Härte. Es gibt hier ein düsteres Geheimnis, das Frauen mit verheulten Gesichtern und Männer mit finsterer Miene zwischen den Hütten wandeln lässt, wenn sie verliebt sind. Und Greider, der Fremde, weiß etwas über die dunklen Gesetze, die hier herrschen. Er wird bleiben über den Winter.

Es sind die Schneelandschaft und ein gewaltiges Bergpanorama, vor denen sich in Andreas Prochaskas Literaturadaption "Das finstere Tal", eine Geschichte um Macht, Gewalt und Rache, abspielt. Ein Epos mit Knarren und Pferden, in dem es einige schön ins Weiß drapierte Leichen gibt, einen mehr oder minder edlen Helden und Bösewichte, die zwischen gemein, größenwahnsinnig und degeneriert changieren. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Willmann und belebt die Kino-Tradition des Schneewesterns wieder, der mit Sergio Corbuccis "Leichen pflastern seinen Weg" 1968 einen frühen Höhepunkt hatte.

Im Genre-Update des Österreichers Prochaska sind die grandiosen Weitwinkelaufnahmen der erhabenen Gipfel ein passender Kontrast zu den verengten Seelen der Menschen, die sich freiwillig in ein Gefängnis begeben haben. Es herrscht nämlich einer gottgleich über das Tal, ein Patriarch: der Brenner (Hans-Michael Rehberg). Ein Alter, der keinen Vornamen braucht, aber sechs Söhne hat, die seinen Willen exekutieren. Dem sich als Fotografen ausgebenden Greider knöpfen sie Goldstücke ab, niemand lebt hier umsonst, und sei es auch nur für ein paar Monate. Von den Bewohnern des Dorfes holt sich der Brenner auf andere Weise seinen Tribut, fleischlich.

Der Ami schießt scharf

Hans (Tobias Moretti) ist der Älteste der Söhne. Der Anführer, der wie alle Berittenen in diesem Film einen Cowboyhut trägt, was bei Minusgraden nicht unbedingt praktisch sein muss. Brenners Buben-Brigade tritt Greider brutal entgegen, tyrannisch und Greider unterschätzend, ganz stumpf geworden von dem Gewaltmonopol, das keine Gegner mehr vorsieht.

Greider allerdings ist Amerikaner und schießt scharf, aber weniger mit Worten: Er redet nicht viel. Diese Erfahrung macht auch Luzi (Paula Beer), die Tochter der Witwe, bei der Greider unterkommt; sie wird aus dem seltsamen Gast nicht schlau, der, eine Aufsehen erregende Besetzung, von dem britischen, in Berlin lebenden Schauspieler Sam Riley gespielt wird.

Brillieren wie in dem Joy-Division-Film "Control" kann Riley hier nicht, aber sein englisch akzentuiertes Deutsch sorgt für die perfekte Cowboy-Attitüde des Rächers, der mit Schießpulver eine alte Rechnung begleichen will und dabei gleichzeitig zum Befreier wird. Denn das ist ja ein nicht wirklich subtil mitlaufender Subtext dieses bildgewaltig in Szene gesetzten Films: dass da jemand von außen kommt, um den Job zu erledigen, den kulturell und gesellschaftlich zurückgebliebene Einheimische nicht gebacken kriegen. Greider ist im richtigen Wilden Westen aufgewachsen. Im Cormac-McCarthy-infizierten Buch wird dies in Amerika spielenden Rückblenden geschildert, die gar zu perfekt konfektionierte Verfilmung verzichtet auf derlei Schmuck.

Doch auch Regisseur Prochaska und sein Co-Drehbuchautor Martin Ambrosch müssen die blutige Vorgeschichte erzählen, derentwillen Greider in das Tal kommt. Diese Vorgeschichte hat eine weibliche Heldenfigur, die genauso stilisiert ist wie alle Figuren im Film. Das muss man ihm nicht vorwerfen - er ist handlungsgetrieben und kein intimes Porträt, vermag aber allein schon in den vom Leben gezeichneten Gesichtern seines Personals von den unumstößlichen Bedingungen erzählen, unter denen hier miteinander gelebt wird.

Im Unterschied zu Willmanns Roman tut die Verfilmung etwas für die Ehrenrettung der Irgendwie-Teutonen (Deutsche? Österreicher? Südtiroler?), die sich vom Ami erlösen lassen müssen - am Ende tritt wenigstens ein tapferer Dorf-Recke Greider im finalen Duell zur Seite. Das Bergfräulein Luzi, eben diesem Einheimischen in Liebe zugetan, darf sich anschließend über den Undank der Ihrigen auslassen: "Die Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gern machen lässt."

Und "Das finstere Tal" ist ein nach den Regeln des Genrefilms gestalteter Western, der all denen gefällt, die dramaturgisch keine Überraschungen einfordern. Nur einen, der am Ende noch steht.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Wann ? Wo ?
thomasschöffel 12.02.2014
Läuft ab wann ? Wo ? Fernsehen, Kino ? Vergessen, das mitzuteilen oder habe ich was überlesen ?
2. Mal abwarten!
argumentumabsurdum 12.02.2014
Ob die Geschichte aus dem Roman tatsächlich gut umgesetzt ist, bleibt abzuwarten. Die Bilder im Trailer sind jedenfalls hervorragend und machen mich neugierig. Allerdings sieht es etwas sehr nach Italowestern aus. Und während die Gewalt im Buch weitgehend gekonnt passiv geschildert wird - und erst im Kopf entsteht - wird im Film anscheinend der Holzhammer angesetzt. Aber ok,der Film "der Name derr Rose" entsprach auch in weiten Teilen nicht dem Roman, hat mich aber begeistrt.
3. Ein Knaller
Ballonmütze 12.02.2014
Der Film ist wirklich bildgewaltig und spannend. Das ist ja bei deutschen Filmen echt selten. Ich hatte großen Spaß! Nur den Typen der die Lieder ausgesucht oder aufgenommen hat, der gehört geteert und gefedert.
4. Kino
Ballonmütze 12.02.2014
@thomasschöffel Läuft gerade auf der Berlinale und ab Morgen bundesweit.
5.
peddersen 12.02.2014
...erinnert mich vom Sujet und Handlung sehr an Karl Mays Heimatromane. Da gabs zwar nicht soviele Tote - aber Fremder vs. Allesbeherrschender, dorfunterdrückender Großbauer/Minenbesitzer/Weberkönig incl. Schnee, Gebirgslandschaft und Rache/Aufrechnung: Da gibts mindestens 3 Bände. Soll aber jetzt nicht heißen, daß das Buch oder der Film schlecht sind.
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Das finstere Tal

AT/D 2014

Regie: Andreas Prochaska

Buch: Martin Ambrosch und Andreas Prochaska nach dem Roman von Thomas Willmann

Darsteller: Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, Hans-Michael Rehberg, Johannes Nikolussi

Produktion: Allegro Film, X-Filme Creative Pool

Verleih: X Verleih

FSK: ab 12 Jahren

Start: 13. Februar 2014


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