Österreichische Oscar-Party Schampus in der Dampfsauna

Felix Austria! Der Oscar für den besten fremdsprachigen Film geht erstmals nach Österreich - für das KZ-Drama "Die Fälscher". Bei der Siegesparty in einer Villa in Beverly Hills jubelten aber auch viele Deutsche - denn der Film ist eine Co-Produktion.

Aus Los Angeles berichtet


Der Oscar ist schwerer, als er gedacht hat. "Wahrscheinlich absichtlich", sagt Stefan Ruzowitzky und wiegt die Goldstatue in den Händen. "Damit man auf dem Boden bleibt." Und auf dem Boden bleibt er. Fast schüchtern hält der Österreicher die Trophäe umklammert, den Blick auf seine blanken Schuhe geheftet, als sei ihm das alles irgendwie peinlich. Die Leute klopfen ihm auf die Schulter, umarmen ihn, küssen ihn. Doch Ruzowitzky meidet den direkten Blickkontakt, wie es oft seine Art ist. "So", postuliert er schließlich, um sich sanft aus dem Gratulationsstrudel zu befreien. "Zu trinken." Mitternacht in Beverly Hills: Der Wiener Regisseur ist gerade erst in der Residenz des österreichischen Generalkonsuls eingetroffen, einem eleganten Bungalow, zu ekstatischem Jubel von ein paar Dutzend inzwischen schon etwas angeheiterten Partygästen. Stunden zuvor hat sein KZ-Drama "Die Fälscher" den Oscar als bester fremdsprachiger Film gewonnen. Es ist Österreichs erster Oscar. Ruzowitzkys weiße Smoking-Krawatte sitzt schief, seine Stirn glänzt, seine Finger zittern.

Als Penélope Cruz im Kodak Theatre den Namen seines Films verliest, da kann er es für eine Schrecksekunde nicht zu glauben. "Ich dachte erst, ich hätte mich verhört", berichtet der 46-Jährige mit leicht gerötetem Gesicht.

Gott sei Dank hat er sich auf Anraten eines Freundes im letzten Moment doch noch eine Dankesrede zurechtgelegt. Wenige elegante Worte, in denen er an die anderen "großartigen österreichischen Filmemacher" erinnert, die in Hollywood gearbeitet hätten: Billy Wilder, Fred Zinnemann, Otto Preminger. Und daran, dass "die meisten von ihnen mein Land wegen der Nazis verlassen mussten". Weswegen es nun auch "irgendwie Sinn macht", dass Österreichs erster Film, der einen Oscar gewinnt, sich den NS-Greueltaten widme. "Thank you very much!" Selbst Stunden später ist Ruzowitzky noch außer Atem. "Das kann man schon schwer beschreiben", sagt er. Der Gang über den roten Teppich, die Paparazzi, die Show, der Aufmarsch der Stars. "Das ist was, was man nie vergisst, sein Leben lang." Egal, wie pompös, wie kitschig, wie endlos das alles für den Zuschauer war. Wenn du dabei bist, ist das alles anders. Es ist "die magischste aller magischen Nächte", wie es Tom Hanks sagte.

Nach der Show im Kodak Theatre drehte Ruzowitzky erst mal die obligatorische Ehrenrunde über den Governor's Ball, dem offiziellen Besäufnis der Oscar-Gewinner. Erst dann ließ er sich nach Beverly Hills chauffieren, wo Generalkonsul Michael Schmidt den Rest der Cast und Crew des Films zur "Viewing Party" eingeladen hatte, bei Chili con carne, Apfeltörtchen und jeder Menge Schampus.

Kaum einer von ihnen hatte wirklich damit gerechnet. "Als ich die Konkurrenz sah", sagt der Berliner Schauspieler Lenn Kudrjawizki, 32, der in "Die Fälscher" einige der packendsten Szenen hat, "da war mir gar nichts mehr klar."

Der gebürtige Russe sitzt auf einem Sofa und simst wie wild auf seinem Handy. Ganz in Schwarz strahlt er unwiderstehlich. "Ein phantastischer Moment, muss ich schon sagen." Seine Website hat er bereits aktualisiert, von hier aus: "Oscar 2008 geht an 'Die Fälscher'."

Ein bisschen aber geht dieser Oscar natürlich auch an Deutschland. Schließlich ist der Film "Die Fälscher", der die wahre Geschichte einer Geldfälscherwerkstatt im KZ Sachsenhausen erzählt, eine deutsch-österreichische Co-Produktion. "Fifty-fifty", wie Ruzowitzky artig betont, auch heute wieder, Oscar im Arm.

Denn es war das Hamburger Produzentinnen-Team Nina Bohlmann und Babette Schröder, das die Story entdeckt hatte, als sie auf die Memoiren des KZ-Überlebenden Adolf Burger stießen, die die Grundlage des Films bilden würden. Sie zeigten Ruzowitzky das Buch, der holte die Aichinger Filmproduktion aus Wien als Partner hinzu. Der Rest ist Geschichte.

Und so feiern also auch Bohlmann und Schröder in Beverly Hills, die eine im weißen Abendkleid, die andere im knallroten, beide immer noch ganz außer sich vor Freude. Eineinhalb Stunden sind sie auf dem roten Teppich "herumgekreist", wie Bohlmann sagt. "So ein Erlebnis, das ist schon einzigartig." Colin Farrell stand direkt neben ihnen!

Da machte es auch nichts, dass das Ganze diesmal unter einem schlechten Stern stand, zumindest wettermäßig. Regenschauer und kühle Windböen verwandelten den Hollywood-Boulevard in eine Pfützenlandschaft. Der rote Teppich verschwand notgedrungen unter einem Klarsichtzelt und wurde so binnen weniger Minuten zur Dampfsauna. Die Botox-straffen Gesichter der Stars nahmen in dem trüben Licht die Farbe überreifer Zitronen an. Auch machte es nichts, dass dies nicht gerade das Jahr der Leichtigkeit war. Die Show war in aller Schnelle zusammen geschustert worden, nachdem ein Autorenstreik Hollywood drei Monate lang lahmgelegt hatte. Die Oscar-Hauptkonkurrenz bestand, so juxte Conférencier John Stewart, aus "psychopatischen Killer-Movies". Die Relevanz dessen war fraglich: "Schert sich überhaupt noch jemand um die Oscars?", fragte CNN.

Ruzowitzky und sein Team jedenfalls scherten sich kräftig. Bis spät in die Nacht feierten sie in den Hügel von Beverly Hills. Die 34 Zentimeter große Statue wird herumgereicht, jeder darf sie mal anfassen, denn "sie gehört allen", sagt Ruzowitzky. "Ich bin übermüdet und hungrig und ich schwebe gleichzeitig", umschreibt Hauptdarsteller Karl Markowics seine Gefühle. "Als Schauspieler ist das das schönste Geschenk." Und fügt dann augenzwinkernd hinzu: "Die schönste heiße Luft, die es gibt."

Mitten im Trubel steht ein gebeugter, weißhaariger Herr: Adolf Burger - der Mann, auf dessen Erlebnissen "Die Fälscher" beruht. Der 90-Jährige, den Ruzowitzky mit ins Kodak Theatre genommen hat, erzählt leise von seiner Zeit im KZ, von "800 Häftlingen in einem Pferdestall" und davon, dass seine gesamte Familie "eine Woche vor der Befreiung" noch von den Nazis vergast wurde. Mit wenigen Worten bringt er so den ganzen Glamour ringsum ins reale Leben zurück.

Ob der Oscar in gewisser Weise nicht eine Würdigung seines Lebens, seines Leids sei, fragt ihn jemand. Da lacht Burger nur. "Für mich ist das nichts!", sagt er. "Das ist ja nur ein Film."

Die Preisträger im Überblick

Bester Film "No Country for Old Men"
Bester Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis ("There Will Be Blood")
Beste Hauptdarstellerin Marion Cotillard ("La Vie en Rose")
Bester Nebendarsteller Javier Bardem ("No Country for Old Men")
Beste Nebendarstellerin Tilda Swinton ("Michael Clayton")
Bester Regisseur Joel Coen and Ethan Coen ("No Country for Old Men")
Bester fremdspachiger Film "Die Fälscher" (Österreich)
Bestes adaptiertes Drehbuch Joel Coen & Ethan Coen ("No Country for Old Men")
Bestes Originaldrehbuch Diablo Cody ("Juno")
Bester animierter Spielfilm "Ratatouille"
Beste Art Direction "Sweeney Todd"
Beste Kamera "There Will Be Blood"
Bester Ton "Das Bourne Ultimatum"
Bester Tonschnitt "Das Bourne Ultimatum"
Beste Filmmusik "Atonement" - Dario Marianelli
Bester Song "Falling Slowly" aus "Once" (Glen Hansard and Marketa Irglova)
Bestes Kostümdesign "Elizabeth: The Golden Age"
Bester Dokumentarfilm (lang) "Taxi to the Dark Side"
Bester Dokumentarfilm (kurz) "Freeheld"
Bester Filmschnitt "The Bourne Ultimatum"
Bestes Make-Up "La Vie en Rose"
Bester animierter Kurzfilm "Peter & the Wolf"
Bester Kurzfilm "Le Mozart des Pickpockets"
Beste visuelle Effekte "The Golden Compass"
Honorary Award Robert Boyle

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