Melodrama "Offenes Geheimnis" Eine bessere Seifenoper

Der Iraner Ashgar Farhadi drehte seinen neuen Film mit den Superstars Penélope Cruz und Javier Bardem. Eigentlich ein Coup. Tatsächlich eine Enttäuschung.

CANNES FILM FESTIVAL/ HANDOUT/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Der iranische Regisseur Ashgar Farhadi ist auch im Westen berühmt für seine abgründigen Familiendramen. Mit ihnen hat er bereits zwei Oscars gewonnen, im Mai durfte er mit seinem neuen Film "Offenes Geheimnis" die Filmfestspiele in Cannes eröffnen. Eine Ehre, eigentlich.

Allerdings wirkte Farhadi da wie eine Figur aus einem seiner Filme, gefangen in komplizierten Verhältnissen, aus denen er sich strampelnd befreien wollte und dabei doch immer tiefer verstrickte.

Denn Farhadi durfte ohne Probleme nach Frankreich reisen und seinen Film persönlich präsentieren. Im Gegensatz zu seinem Landsmann Jafar Panahi, der anderen großen Figur der reichen iranischen Filmkultur. Der steht seit 2010 unter Hausarrest, ihm droht noch immer eine Gefängnisstrafe, und er ist eigentlich mit Berufsverbot belegt. Panahi arbeitet trotzdem weiter, so gut er kann, aber für die Premiere seines neuen Dramas "Drei Gesichter", das in Cannes im Wettbewerb lief, bekam er wieder keine Ausreiseerlaubnis. Wie schon seit acht Jahren.

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"Offenes Geheimnis": Zum Klassiker erstarrt


Farhadi dagegen wird vom Mullah-Regime hofiert wie kein anderer Filmemacher im Iran. Nach dem zweiten Oscar-Sieg in diesem Jahr mit seinem Drama "The Salesman" wurde Farhadi von Offiziellen mit Lob überschüttet und in sozialen Netzwerken zum Helden stilisiert. Der Chef der staatlichen Filmagentur nannte ihn "Licht und Wein" der iranischen Filmindustrie.

Kritiker werfen Farhadi kreativen Ausverkauf vor

Immer wieder versucht Farhadi, sich von den Machthabern zu distanzieren. Die Hardliner seines Landes seien nicht besser als Trump, schrieb er in einem Statement, nachdem er wegen Trumps Einreise-Bann nicht zur Oscar-Verleihung geflogen war. Die offenen Arme des Regimes schlangen sich trotzdem nur noch fester um ihn.

Und jetzt das: Seinen neuen Film "Offenes Geheimnis" drehte er mit europäischem Geld in Spanien mit dem Superstar-Ehepaar Penélope Cruz und Javier Bardem. Prompt warfen ihm Kritiker kreativen Ausverkauf vor und lästerten, es handle sich um eine Telenovela mit schönen Bildern. Leider ist da was dran.

Es geht in "Offenes Geheimnis" um Laura (Penélope Cruz), die in Argentinien lebt und für die Hochzeit ihrer Schwester in ihr spanisches Heimatdorf zurückkehrt. In der Nacht der Hochzeit verschwindet ihre halbwüchsige Tochter Irene spurlos. Nach einer quälenden Suche bringt eine SMS die schreckliche Gewissheit: Irene ist entführt worden, die Täter verlangen ein hohes Lösegeld. Paco (Javier Bardem), mit dem Laura früher liiert war und der mittlerweile ein florierendes Weingut betreibt, setzt alles ein, um ihr zu helfen. Aber Wunden aus der Vergangenheit brechen wieder auf, und das titelgebende Geheimnis entfaltet eine unheilvolle Wirkung.


"Offenes Geheimnis"
Frankreich, Italien, Spanien 2018
Originaltitel:
Todos lo saben
Regie und Drehbuch: Asghar Farhadi
Darsteller: Penélope Cruz, Javier Bardem, Jaime Lorente , Ricardo Darín, Barbara Lennie
Verleih: Prokino
FSK: 12
Länge: 123 Minuten
Start: 27. September 2018


Das klingt tatsächlich nach reichlich melodramatischen Verstrickungen, was an sich nicht neu in Farhadis Filmkunst ist. Sie waren immer schon Antrieb seiner stets selbst verfassten, kunstvoll verschachtelten Drehbücher, die im Milieu der Mittelklasse und in komplizierten Familienverhältnissen spielen. Das ist in "Offenes Geheimnis" nicht anders, wo beispielsweise klar wird, dass Paco als Sohn einer Haushälterin im Haus von Lauras Vater, eines Großgrundbesitzers, geboren wurde. Später verliebte er sich in sie und bekam von ihr günstig ein Stück Land, das er heute erfolgreich bewirtschaftet.

Banale Gefühlsduselei

"Offenes Geheimnis" erzählt also die Geschichte eines Emporkömmlings, der trotz seines Erfolgs von denen am oberen Ende der sozialen Skala noch immer verachtet wird. Insofern benutzt Farhadi das Genre des Melodrams durchaus wieder, um wie in seinem Scheidungsdrama "Nader und Simin - Eine Trennung" von gesellschaftlichen Zwängen zu erzählen. Von Missständen, die sich aus Traditionen speisen, in denen der Einzelne trotz aller Befreiungsversuche gefangen bleibt.

Im Video: Der Trailer zu "Offenes Geheimnis"

Diesmal allerdings versandet das Melodram in banaler Gefühlsduselei. Das titelgebende offene Geheimnis ist tatsächlich so offensichtlich, das es keinerlei dramatische Kraft entwickeln kann. Penélope Cruz agiert zwar ungeschminkt, aber vorhersehbar aufgeregt; auch bei ihrem Partner Javier Bardem erstickt die Popularität des Darstellers jede Nuancierung der Figur.

Ähnlich holzschnitthaft bleiben die familiären Konflikte, die sich in einer Manier hochschaukeln, die tatsächlich an eine Seifenoper denken lässt. So laufen auch die wieder virtuos komponierten Bilder ins Leere.

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