"Oliver Twist": Die Polanski-Passion

Von Daniel Haas

Weihnachtszeit, da passt Charles Dickens' "Oliver Twist" perfekt. Doch Roman Polanskis Filmadaption des Romanklassikers ist mehr als ein geschmackvolles Historienstück. Der Regisseur hat ein großartiges Passionsspiel um Hoffnung, Liebe und Vergebung inszeniert.

Ist er nicht ein bisschen zu hübsch, zu gepflegt für ein englisches Waisenkind des 19. Jahrhunderts? Dieser Oliver Twist, sieht er nicht zu modern aus für einen Jungen, den Kinderarbeit, Waisenhaus und Kriminalität an den Rand der Gesellschaft stoßen?


Barney Clark spielt den berühmtesten Waisenjungen der englischen Literatur, der jetzt, pünktlich zur Weihnachtszeit, das Familienkino mit einer rührenden Geschichte bereichern soll. Doch aufgepasst: Roman Polanskis Adaption des Stoffes ist abgesehen von seinem jungen Helden ein von Schmutz und Derbheiten starrendes Abenteuer - mit Dieben und Mördern, Huren und korrupten Staatsdienern.

In diesem Pandämonium wirkt Polanskis Twist seltsam entrückt. Im Vergleich zu dem kauzigen Fagin (Sir Ben Kingsley), dem düsteren Sykes (Jamie Foreman) und der patenten Nancy (Leanne Rowe) ist er eine farblose Figur, die auf dem Spielfeld der Interessen hin und her geschoben wird. Vielleicht liegt hierin die große Raffinesse von Polanskis Dickens-Verfilmung: Dass er ein blasses und bei aller Schönheit fast gesichtsloses Bürschchen ins Zentrum gestellt hat. Um ihn gruppiert er die Nacht- und Schattengestalten der Großstadtslums, die ihre Sehnsüchte - moralische, finanzielle, spirituelle - an den Jungen heften.

So wird Twist gleichsam zur Leerstelle, die erst von seiner Umgebung, den Häschern und Rettern, Freunden und Verrätern, mit Bedeutung gefüllt wird. Er ist das Kind ohne Eigenschaften, auf das andere ihre Hoffnungen projizieren: der Bourgeois sein optimistisches Erziehungsprogramm, die Hure ihre Läuterungswunsche, der Mörder seine Idee von der Ausmerzung des Schwachen.

Polanskis Twist ist eine Chiffre des Verlusts, in ihr spiegeln und verdichten sich die Lebensdramen seiner Mit- und Gegenspieler, allen voran das von Fagin, dem Dieb und Händler, der Oliver für seine Räubergang verpflichtet und ihn am Ende an den grässlichen Sykes ausliefert. Kritiker haben wiederholt die Parallelen von Twists Geschichte und der Vita Polanskis betont: Wie der englische Romanheld verlor der Regisseur seine Eltern (sie wurden in Auschwitz ermordet), wie Twist litt er Hunger, Armut und Verfolgung.

"Der wahre Schmerz aber war die Abwesenheit meiner Eltern", sagte Polanski in einem Interview, "und die ständige Sehnsucht, sie wiederzusehen." "Oliver Twist" kreist um genau diese Abwesenheit: das Fehlen von Güte, Liebe und Hoffnung in einer Welt des modernen Schreckens.

Olivers Leidensweg vom Waisenhaus über die Mitgliedschaft in Fagins Gaunerbande bis hin zur Adoption durch den rechtschaffenen Bürger gewinnt in diesen Verhältnissen den Charakter der Passionsgeschichte: Er ist - und der Film verdichtet diesen Eindruck im Finale in bestürzender Weise - eine Erlöserfigur; seine Begleiter erfahren Segen oder Verdammnis, je nachdem, welchen Weg sie wählen. So verschränkt sich in Polanskis Twist-Auslegung das Mandat zur Selbstermächtigung mit der metaphysischen Hoffnung auf Gnade.

Die Schlussszene mit dem inhaftierten Fagins treibt diese Idee auf die Spitze: Oliver vergibt dem Verräter, der aber, hin und her geworfen zwischen Reue und Leugnung, dem Wahnsinn verfällt. Spätestens hier wird deutlich, warum die Besetzung perfekt ist: Erst Olivers Antlitz komplettiert Fagins von Kerkerhaft gezeichnetes Elendsgesicht zum gültigen Zeichen der menschlichen Existenz.

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