Olivia de Havilland wird 100 Die letzte Diva

Oscar-Trouble, Magersucht, Schwesternkrieg: Olivia de Havilland hat zwischen "Robin Hood" und "Vom Winde verweht" Hollywood-Abgründe durchschritten - und alle Zeitgenossen überlebt. Eine leicht verstörte Hommage zum 100.

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Schwesternliebe, Schwesternhass, wer steigt da schon als Außenstehender durch. Einer der tollsten Filme, der je über dieses sonderbar undurchdringliche Beziehungsgeflecht gedreht wurde, ist Robert Siodmaks Film noir "The Dark Mirror" aus dem Jahr 1946. Olivia de Havilland, damals ein Star mit einem Oscar im Gepäck und einem weiteren im Anflug, spielt darin eine Doppelrolle: Zwillingsschwester Terry und Zwillingsschwester Ruth.

Am Anfang des Films kann man die beiden nicht auseinanderhalten. Dann dämmert es dem Zuschauer langsam: Die eine ist herzensgut, die andere voller Hass. Die eine ist ein Lämmchen, die andere eine Mörderin. Der Neid aufs schwesterliche Ebenbild ist bei einer der jungen Frauen pathologisch geworden, sie will zerstören, zerstören, zerstören. Die andere lächelt sanft bis zum Ende des Films über jede Gemeinheit hinweg.

Der fiktionale Sister-Hate-Plot ist ungefähr so verstörend wie das reale Verhältnis der berühmten Hauptdarstellerin de Havilland zu ihrer nicht minder berühmten Schwester Joan Fontaine. Eine Hassliebe, die selbst die beflissensten Exegeten Hollywoods bis heute nicht endgültig ausgedeutet bekommen. Eine Hassliebe, die episch ist wie die Ritter-, Piraten- und Wildwestabenteuer, durch die de Havilland schon in sehr jungen Jahren zum Star wurde.

Olivia de Havilland in einer Doppelrolle in "The Black Mirror" 1946
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Olivia de Havilland in einer Doppelrolle in "The Black Mirror" 1946

Achtmal stand sie in den Dreißigerjahren für Abenteuerfilme mit Errol Flynn vor der Kamera. Er meist mit Zwirbelbärtchen und in Strumpfhose, sie mit Riechtüchlein und in kunstvoll dahingegossener Halt-mich-Pose. Höhepunkt war 1938 der damalige Mega-Blockbuster "The Adventures of Robin Hood", der bis dahin teuerste Film für das Studio Warner Brothers. Für junge Zuschauer: Budget und Erfolg sind gleichzusetzen mit "Fluch der Karibik".

Geliebte, gehasste Schwester

De Havilland war zu diesem Zeitpunkt gerade 22 Jahre alt. Sie soll zwar damals schon eine knallharte und kühle Strategin gewesen sein, doch der Rummel um ihre Person setzte ihr so zu, dass sie körperlich bald nur noch ein Schatten ihrer selbst. war. Heute, so formuliert es das Glamourfachblatt "Vanity Fair" in einer Liebeserklärung an die Schauspielerin, hätte man wohl Magersucht attestiert. De Havilland wurde von ihrer Mutter aus der Öffentlichkeit genommen, man reiste ins ferne Europa.

Auftritt Joan Fontaine. Die 15 Monate jüngere Schwester, bis dahin von aller Schauspielerei unbeleckt, eiferte in Abwesenheit de Havillands der Älteren nach. Glaubt man de Havilland, waren die beiden als Kinder ein Herz und eine Seele gewesen. Glaubt man Fontaine, hat die Große die Kleine immer gequält. Zum Einschlafen, so Fontaine über de Havilland, habe die aus reinem Sadismus besonders blutige Bibelstellen vorgelesen.

Schrägerweise gibt es in de Havillands Schwesternkrimi "The Dark Mirror" eine Szene, in der die eine der anderen in der Nacht heimtückisch Albträume einflüstert. Wer ist hier das Biest, wer ist hier das Opfer?

Olivia de Havilland mit Leslie Howard in "Gone With The Wind" 1939
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Olivia de Havilland mit Leslie Howard in "Gone With The Wind" 1939

Das unheilvoll ineinander verschränkte Schwesternverhältnis setzte auf jeden Fall unglaubliche Energien frei - und trieb das wohl brutalste Oscar-Wettrennen aller Zeiten an.

1940 war de Havilland für das Südstaaten-Epos "Gone With The Wind" nominiert und Fontaine für Alfred Hitchcocks Thriller-Melodram "Rebecca". Beide gingen leer aus. 1941 war de Havilland für den Liebesfilm "Hold Back The Dawn" nominiert und Fontaine für "Suspicion", einem weiteren Hitchcock-Psychokrimi. Fontaine, die Jüngere, gewann den Oscar. Eine Schmach für de Havilland, die Ältere. Danach gab es dann doch noch Oscar-Ehren als beste Hauptdarstellerin, sogar gleich zweimal, aber das zählte irgendwie nicht mehr.

Erster weiblicher Farbfilmstar

Hinter den Kulissen und auch davor gab es Clinch; die Schwestern, die sich gegenseitig der Karrieresabotage bezichtigten, lagen in einem ewigen Krieg - der bis zum sehr späten Tod von Joan Fontaine im Dezember 2013 nicht wirklich befriedet wurde. Dabei steht die Angriffslust der Schwestern im Gegensatz zu den Rollen, die sie spielten: Die Hitchcock-Blondine Fontaine verkörperte oft das hilflose Objekt zwielichtiger männlicher Begierden, die ätherische de Havilland wirkte in ihren Rollen stets allen niederen Absichten abhold.

Olivia de Havilland mit Schwester Joan Fontaine Anfang der Vierziger
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Olivia de Havilland mit Schwester Joan Fontaine Anfang der Vierziger

De Havilland war so etwas wie der erste weibliche Farbfilmstar. "Robin Hood" war 1938 einer der ersten Filme im Technicolor-Verfahren; de Havillands Lady Marian schimmerte in den zartesten Rosatönen. Auch ihr leidensfähiger Südstaatenengel Melanie Hamilton in "Gone With The Wind" - eine Rolle, um die de Havilland mit erstaunlichen Tricksereien gekämpft hatte - besaß zwei Jahre später diese überirdische Schönheit. Im Kontrast zu Vivian Leighs übersexualisierter Ich-will-ich-will-Scarlett in "Gone With The Wind" strahlte sie so farbenfroh wie friedlich.

De Havilland war der Apfel, in den man sich nicht hineinzubeißen traute, sie verkörperte Reinheit im Breitwandformat. Und zwar so raffiniert unaufdringlich und wirkungsbewusst, dass einem manchmal angst und bange angesichts dieser Unverdorbenheit wurde.

In den Fünfzigerjahren war ihre Zeit dann vorbei. Das Fernsehen schrumpfte die Leinwandstars von einst auf Kastengröße, im Kino führten Überblondinen wie Kim Novak oder Marilyn Monroe eine sehr viel aggressivere Sinnlichkeit vor. Das Diva-Dasein einer Olivia de Havilland, die oft wie mit einem Heiligenschein ins Bild gesetzt wurde, hatte immer mit der Illusion absoluter Unschuld gespielt; die aber interessierte in den späten Tagen des klassischen Hollywood kaum noch jemanden.

De Havilland ging genau zum richtigen Zeitpunkt nach Paris und verwaltete von dort aus klug ihren Ruhm. 1955 übernahm sie als erste Frau überhaupt den Jury-Vorsitz in Cannes.

Einen besonders markanten Auftritt gönnte sie sich noch einmal 1964 in Robert Aldrichs Frauenschocker "Hush... hush, Sweet Charlotte"; hier führt sie mit ihrer Spielpartnerin, der anbetungswürdig verwittert in Szene gesetzten Bette Davis, ein solch abgründiges Quasi-Schwesterndrama auf, dass man unweigerlich noch mal an die Höllenbeziehung zu Joan Fontaine denken musste.

Der Hass, der Neid und der Aufmerksamkeitsstellungskrieg in der ersten Hälfte ihres Lebens konnten ihr offensichtlich nichts anhaben. An diesem Freitag feiert Olivia de Havilland ganz privat in Paris ihren 100. Geburtstag. Auf den wenigen Bildern der letzten Jahre trägt sie wie eh und je ihr überirdisches Breitwandlächeln.

Olivia de Havilland (r.) mit Bette Davis in "Hush... hush, Sweet Charlotte"
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Olivia de Havilland (r.) mit Bette Davis in "Hush... hush, Sweet Charlotte"

Zum Autor
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
schlamassel_hoch_12 01.07.2016
1. die fast letzte Diva
Nächstes Jahr wird Zsa Zsa Gabor 100 (hoffe, sie schafft es) und dann werden wir wieder einen Artikel über "die letzte Diva" lesen.
outsider-realist 01.07.2016
2. Erfrischend
Nach den etlichen Todesnachrichten der letzten Zeit tut es manchmal gut zu hören, das noch nicht alles Vergangenheit ist. Es gibt zum Glück noch ein paar großartige Stars aus der goldenen Ära Hollywoods. Olivia de Havilland ist wirklich eine Diva und sicher die letzte ihrer Art. Ein stolzes Alter!
widower+2 01.07.2016
3. Alle Zeitgenossen?
Wie hier schon erwähnt, lebt Zsa Zsa Gabor noch und Kirk Douglas wird im Dezember 100.
meinung3000 01.07.2016
4. noch lebende Diven
Man darf doch wohl Caterine Deneuve, Sophia Loren und Barbra Streisand ebenso als Diven bezeichnen.
newline 01.07.2016
5. Ich hätte gerne
mehr über die "erstaunlichen Tricksereien" erfahren, mit der sie die Rolle erkämpft hat.
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