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Zum Tode Omar Sharifs: Dieser Blick

Von Wolfgang Höbel

Omar Sharif gestorben: Hollywoods Mann fürs Exotische Fotos
AP/ MGM

"Ich hätte gern das Leben des Omar Sharif gelebt, das in den Zeitungen beschrieben wurde", sagte Omar Sharif einmal. Jetzt ist der außergewöhnliche Schauspieler mit dem außergewöhnlichen Schimmern in den Augen gestorben.

Voller Wehmut, wie es sich gehört für einen Mann mit derart unverschämt schön glitzernden Augen, war sein Blick zurück auf das eigene Geschick. Er hatte Millionen von Frauenherzen verzückt und viele Millionen Dollar an Spieltischen verzockt, als der weltweit berühmte ägyptische Schauspieler Omar Sharif sagte: "Ich hätte gern das Leben des Omar Sharif gelebt, das in den Zeitungen beschrieben wurde." Er sagte aber auch: "Ich habe die Hälfte meines Lebens in Hotelzimmern verbracht und würde sagen, alles in allem war es ein glückliches Leben."

Die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen war der Schönheitsfehler, der den fast ein bisschen zu gut aussehenden Herzensbrecherdarsteller Omar Sharif erst richtig unwiderstehlich machte.

In seinem größten Erfolg "Doktor Schiwago" zeigt er diese Zahnlücke mit einem kleinen Lächeln, als er zum ersten Mal Julie Christie gegenübersteht: Es ist ein verklärter Moment der Kinogeschichte, der einem als heutigem Zuschauer seltsam nahegeht und doch unendlich fern vorkommt. Weil das Paar Omar Sharif und Julie Christie, das in diesem Schmachtfetzen über die Wirren der russischen Revolution den verheirateten Arzt Jurij Schiwago und seine gleichfalls verheiratete Geliebte Lara spielt, tatsächlich auch nach heutigen Begriffen überirdisch schön aussieht. Und weil das Schauspielerhandwerk des Films, entstanden unter der Knute des britischen Regisseurs David Lean, heute wirklich gruselig schwülstig und altbacken aussieht.

"Doktor Schiwago" - ein Projekt des Kalten Krieges

Omar Sharif wurde 1932 in Alexandria geboren, als Sohn eines begüterten Holzhändlers, und wuchs in Kairo auf, wohin die Familie bald umzog. Die Vorfahren seiner Eltern stammten aus dem Libanon und aus Syrien. Zuhause redete man Französisch, in der Schule Englisch, und weil Omar Sharif trotz einer Begabung in Mathematik unbedingt Schauspieler werden wollte, schickte man ihn nach London auf eine königliche Akademie für Darstellungskunst.

Er machte schnell Karriere im ägyptischen Kino und heiratete als 21-Jähriger einen weiblichen Star der Zeit, die damals 22-jährige Faten Hamama. International bekannt wurde er durch Nebenrollen in prachtvollen Großproduktionen wie David Leans "Lawrence von Arabien" (1962) und Anthony Manns "Der Untergang des Römischen Reiches" (1964).

Als dann Lean den klugen, bösen, wunderbar poetischen Roman "Doktor Schwiago" des russischen Schriftstellers Boris Pasternak verfilmen wollte, war das eigentlich ein Projekt des Kalten Kriegs. Pasternak hatte 1958 den Literaturnobelpreis zuerkannt bekommen und auf Geheiß der Sowjetherrscher ablehnen müssen; er galt in der UdSSR als Nestbeschmutzer, weil er in seinen Gedichten und in seinem einzigen Roman viel vom Irrsinn und der Brutalität der kommunistischen Revolution erzählte.

Der Regisseur David Lean entschied sich aber weitgehend gegen die politische Polemik und für das Melodram. Dass Omar Sharif der Titelheld sein sollte, war angeblich von Beginn an klar, Julie Christie konnte Lean erst nach harten Kämpfen mit dem Produzenten Carlo Ponti durchsetzen, der unbedingt Sophia Loren als Lara besetzen wollte.

So oder so wurde die Lovestory des Doktor Schiwago Omar Sharifs Schicksal. Im Film, in dem er einen vorbildlich gestriegelten Schnauzbart trägt und schmerzvergeistigt hin und her taumelt zwischen seiner herben Gattin Tonja (Geraldine Chaplin) und der strahlenden Lara, bezahlt er sein zügelloses Treiben am Ende damit, dass er auf offener Straße wegen einer Herzschwäche sein Leben aushaucht. Im wirklichen Leben wurde er den Schiwago nie wieder los. In den Sechzigern hatte er mit Barbra Streisand in William Wylers "Funny Girl" noch einen großen Auftritt, dann wusste man in Hollywood nicht mehr viel mit ihm anzufangen.

Zum Entsetzen religiöser Fanatiker küsste er eine Jüdin

1974 ließ er sich von seiner Frau Faten Hamama scheiden und lebte von da an fast ausschließlich im Hotel, meist in Paris und in Kairo. Er trat in diversen mittelguten Kinofilmen auf und übernahm in den Siebzigern und Achtzigern Fernsehrollen in monumentalem Mehrteilerquark wie "Harem - Rebell der Wüste", "Peter der Große" oder "Palast der Winde". In der Zeit zwischen den nicht allzu häufigen Auftritten spielte er Bridge, das er in jungen Jahren sogar professionell betrieb, und setzte Geld an den Roulettetischen berühmter Casinos, offenbar nicht allzu erfolgreich.

Im Jahr 2003 durfte Omar Sharif in François Dupeyrons Bestsellerverfilmung "Herr Ibrahim und die Blumen des Koran" dann einen arabischstämmigen Gemüsehändler spielen, der sich in Paris mit einem jüdischen Jungen anfreundet. Noch einmal zeigte er bravourös sein unvergleichliches Augenschimmern.

Zeitlebens hat sich Sharif, der katholisch erzogen wurde, anlässlich seiner Hochzeit zum Islam übertrat und in "Funny Girl" zum Entsetzen religiöser Fanatiker eine Jüdin küsste, mit Leidenschaft für die Aussöhnung zwischen Palästinensern und Israelis eingesetzt. Die Wehmut aber hatte ihn in späten Jahren auch politisch im Griff: "Meine Hoffnung, dass meine Generation den Frieden noch erleben wird, ist gleich null."

Während der Proteste des ägyptischen Volkes gegen den Diktator Hosni Mubarak bekundete Sharif im Februar 2011 seine Sympathie für die Demonstranten, obwohl er selbst zu Ägyptens Oberschicht gehörte. In Interviews sprach der Schauspieler liebevoll über seinen Sohn Tarek, der aus seiner einzigen Ehe stammt, seine vier Enkelkinder und über Pferde.

Im Übrigen sagte der verschmitzte Charmebolzen Omar Sharif über das Wesen der körperlichen Attraktivität eines Menschen: "Ich persönlich habe mich immer zu Menschen hingezogen gefühlt, die keine Ahnung davon zu haben schienen, dass sie Sexappeal besitzen."

Omar Sharif ist nun im Alter von 83 Jahren gestorben.

Im Video: Trauer um Omar Sharif

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