"Omen"-Regisseur Moore "Ich glaube an das Böse"

Teufel auch! Das Remake des Okkult-Thrillers "Das Omen" ist vergangene Woche erfolgreich im Kino angelaufen. Regisseur John Moore sprach mit SPIEGEL ONLINE über unheimliche Ereignisse am Set, Angst als politischen Verkaufsschlager und die Macht der Kirche.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Moore, hatten Sie eigentlich Bedenken, einen guten Horror-Film neu aufzulegen?

Moore: Nein. Es ist eine tolle Geschichte, und es hat ja auch keiner ein Problem damit, dass Jahr für Jahr zahllose Remakes von Shakespeare-Stücken gemacht werden. Da bringt einer "Hamlet" in London auf die Bühne, redet von Neuinterpretation und findet sich supercool dabei. Aber wage es, ein Film-Remake zu machen, und die Leute bewerfen dich mit Tomaten. Natürlich wird man sich bei der Beurteilung des Films auf das Original beziehen, aber man kann auch etwas weiter blicken: Der Kontext heute ist reif dafür.

SPIEGEL ONLINE: Was hat es aus Ihrer Sicht mit der derzeitigen Popularität des Horrorfilms in den USA auf sich?

Moore: Ich glaube, dieser Film ist - wie schon das Original - ein Genrebrecher. Horror passt nicht ganz, Psychothriller stimmt nicht völlig, und auch Mystery trift es nicht. Es geht um Religion, aber die Gesellschaften tendieren dazu, ihre Gefühle in die Kunst zu projizieren. Die Angst, die in Amerika vorherrscht, hat aus meiner Sicht etwas damit zu tun. Wir hatten in Florida eine Premiere, für die die Marketingleute ein Flugzeug mit einem Banner charterten, auf das unser Motto gedruckt war: "Ihr wurdet gewarnt". Prompt riefen zahllose Leute beim FBI an, und Kampfjets eskortierten das kleine Flugzeug zurück zum Flugplatz. Die Leute hielten es für einen terroristischen Angriff! Das veranschaulicht für mich, wie verängstigt die Menschen sind. Man fürchtet sich nicht länger vor dem Ende der Welt oder vor Religion, man fürchtet sich vor einem neuen Verkaufsschlager – Terrorismus. Ich glaube, es gibt so viele Horrorfilme, weil die Leute sich nicht besonders wohlfühlen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Christen eigentlich so fasziniert von der Apokalypse? Was macht gerade die Aussicht auf Vernichtung so attraktiv?

Moore: Nun, das beste Verkaufsargument von Religion ist nun mal eine Art Versicherung, die Erlösung nämlich. Wenn es keine Bedrohung gibt, keine Aussicht auf schmerzhafte Vernichtung, ist der Religion der Existenzgrund genommen. Nicht zufällig beschäftigen sich auch die Thora und der Koran ausführlich mit dem Ende und der Vorbereitung darauf.

SPIEGEL ONLINE: Aber kann man nicht ein wenig mehr Skepsis vom Volk erwarten?

Moore: Nein, weil wir nun mal eine lebhafte Phantasie haben. Meine eigene Mutter ist beinahe idiotisch religiös, sie geht jeden Tag in die Kirche. Und wofür? Um sich ein bisschen Angst vorm Tod abzuholen. Wir haben alle Angst vorm Sterben – wir werden älter, und wir fangen an, das Ende zu fürchten, denn das Leben hat uns inzwischen süchtig gemacht. Aber wenn du fleißig betest und gut bist, geht es vielleicht danach noch weiter.

SPIEGEL ONLINE: Muss Ihre arme Mutter nun nicht fürchten, Sie könnten die ganze Familie durch diesen Film mit einem Fluch belegen?

Moore: Oh ja.

SPIEGEL ONLINE: Und wie machen Sie das wieder gut?

Moore: Och, das überlasse ich ihr. Sie geht einfach noch mehr in die Kirche und zündet noch ein paar Kerzen an. Sie erwirbt einfach eine Extraversicherung, dann geht das schon.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie selbst religiös?

Moore: Ich gehe nicht in die Kirche, ich knie nicht nieder und bete, aber mich fasziniert Religion zutiefst. Ich bin Ire, ich bin streng katholisch aufgewachsen, aber ich bin alles andere als ein Bilderbuch-Katholik. Ich verstehe aber, dass sich die Welt dreht, weil es Religion gibt. Während der Dreharbeiten wurde mir klar, wie viel Boden die katholische Kirche verloren hat. Ich scherzte mit Pete Postlethwaite, der den Priester Brennan spielt und ebenfalls katholisch aufgewachsen ist, darüber, dass wir als Kinder eine helle Panik vor Priestern hatten. Heute erscheint das einfach albern. Der Vatikan ist so etwas wie ein Riesenkonzern geworden, der nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem "Da Vinci Code" ist kürzlich ein weiterer Thriller über den Katholizismus gestartet, der von Seiten der Kirche viel Kritik erfuhr. War Ihnen die Kirche gewogener?

Moore: Ein katholisches Kirchenhaus in Kroatien, wo wir drehten, warf uns raus, einige unserer Bühnen wurden verwüstet und in Brand gesteckt. Ich habe dem kroatischen Bischof einen Brief geschrieben, wo sinngemäß drinstand: "Hey, den Scheiß, den ihr jeden Sonntag verkauft – wir behaupten, das sei die Wahrheit! Wie könnt ihr da gegen uns sein?" Aber das Tolle an der Kirche ist ja: Sie brauchen keine Argumente. Sie sagen einfach: Geh, und geh mit Gott.

SPIEGEL ONLINE: Wie man hört, gab es während des Drehs auch einige gruselige Momente.

Moore: Ja, es gab eine Menge seltsamer Vorkommnisse. In der ersten Woche hatten wir in Prag einen Autounfall, ein Taxi fuhr uns hinten drauf, und sein Nummernschild trug die Nummer 666. An dem Tag, als wir die Szene drehten, in der der Vater seinem Sohn die Haare schneidet und das Zeichen enthüllt, war mysteriöserweise unser ganzer Film kaputt. Es passiert schon mal, dass eine Rolle Film Schaden nimmt, dass Kratzer einige Einstellungen beschädigen. Aber 13.000 Fuß Film - jede einzelne Filmrolle dieses Tages war hinüber! Niemand wusste, was passiert war. Und dann war da noch die Sache mit einer Kamera, die per Fernbedienung zu bedienen war. Sie fing an zu streiken, und auf dem Monitor stand "Fehler 666". Den sollte es aber dem Techniker zufolge gar nicht geben.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie, dass das der Teufel persönlich war?

Moore: Ich glaube nicht an den Teufel, ich glaube an das Böse, und das ist in uns Menschen. Aber die meisten Leute sind abergläubischer, als sie meinen. Es ist ein bisschen so wie früher, als man als Kind aus Spaß Geister anrief, und wenn dann eine Tür zuklappte, bekam man schreckliche Angst.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie es auch mit der Angst zu tun bekommen?

Moore: Nein. Vielleicht bin ich aber auch nur der Pfeifer im Wald, der sich selbst davon zu überzeugen versucht, dass schon nichts Schlimmes passieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einige sehr aktuelle Katastrophenbilder vom Tsunami in Südostasien und von den einstürzenden Türmen des World Trade Centers im Film  benutzt. War das eine Entscheidung, die Ihnen schwer fiel?

Moore: Nein, keineswegs. Ich stelle mich jederzeit einer Debatte über mangelnde Rücksicht auf die Familien der Opfer des 11. September. Das ist passiert – und jetzt sollen wir das nicht erwähnen? Niemand in Amerika will das erwähnen. Wissen Sie, ich war am 13. September 2001 im Büro eines wichtigen Hollywood-Studiobosses, und ich riss einen groben Witz: Wer, fragte ich, sichert sich wohl die Rechte an der Geschichte von Flug 93? Und er sagte: Wie können Sie es wagen, niemand wird jemals einen Film über den 11. September 2001 machen. Das folgenschwerste kultur-psychologische Trauma der USA, der schlimmste K.o.-Schlag in der amerikanischen Geschichte, und niemand wird einen Film darüber machen? Ha!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit solchen Ansichten eigentlich noch Freunde in Hollywood?

Moore: Ich habe da keine Schwierigkeiten, weil ich ja bisher keine politischen Filme gemacht habe. Ich drehe harmlose Unterhaltungsfilmchen, und da ist es egal, ob sie mich für einen durchgeknallten politisch Radikalen halten.

SPIEGEL ONLINE: Das Ende ihres Film spart nicht mit politischen Andeutungen. Ist es eine Anspielung darauf, dass "das Böse" mittlerweile Eingang in die amerikanische politische Rhetorik gefunden hat?

Moore: Für mich ist klar, dass in der politischen Rhetorik der USA ein scharfer intellektueller Verfall stattgefunden hat. Das ist haarsträubend, weil es die Finesse des politischen Diskurses unentschuldbar reduziert. Wenn man jemanden beschuldigt, böse zu sein, wie kann man dann jemals zurück zur Diplomatie gelangen – "Entschuldige, war ja nicht im Sinne von 'richtig böse' gemeint?" -  Vermutlich ist diese Leichtfertigkeit einem Leidenschaftsniveau geschuldet, das nach dem 11. September 2001 hier viele erfasst hat, und wir sind ja alle bloß Menschen. Aber wie Dr. Kissinger sagen würde: Man will am Ende immer noch einen Weg aus dem Raum finden.

Das Interview führte Nina Rehfeld



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