"Once"-Hauptdarsteller "Die Amerikaner wollten unseren Film neu drehen"

Eigentlich ist er nur Sänger und Gitarrist, und eigentlich sollte er die Hauptrolle in dem irischen Musiker-Film "Once" gar nicht bekommen: Mit SPIEGEL ONLINE sprach Glen Hansard über den Zufall, der ihn zum Schauspieler machte, echtes Liebesglück und falsche Filmküsse.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Hansard, der Film "Once" erzählt ein bittersüßes Märchen über einen Dubliner Straßenmusiker und ein tschechisches Immigrantenmädchen, die sich ineinander verlieben, aber sich nicht kriegen. Ist es da nicht ein bisschen irritierend, dass Sie im wahren Leben seit den Dreharbeiten mit der 19-jährigen Hauptdarstellerin Markéta Irglová liiert sind und mit ihr Konzerte geben?

Sänger Hansard in "Once": "Happy Ends machen mich krank"
Kinowelt

Sänger Hansard in "Once": "Happy Ends machen mich krank"

Hansard: Ja, ich staune selbst immer noch darüber und kann es manchmal nicht fassen. Aber so ist es nun mal! Wir werden in diesem Jahr auch eine Platte zusammen aufnehmen. Ich muss nur die Songs noch schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese total zerschrammelte Klampfe mit durchlöchertem Gitarrenkorpus, die Sie da in Händen halten, diejenige, die Sie auch im Film "Once" bearbeiten?

Hansard: Ja, klar. Ich habe Sie mir Anfang der Neunziger gekauft, von dem Geld, dass ich für meinem Auftritt in Alan Parkers Film "Commitments" bekommen habe. Und seither habe ich unfassbar viel auf ihr gespielt, meistens auf der Bühne, aber hin und wieder auch auf der Straße.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, dass Sie auch in der Realität als Fußgängerzonen-Gitarrenheld aufgetreten sind?

Hansard: Regelmäßig als Straßenmusiker aufgetreten bin ich nur bis ungefähr zu meinem 20. Geburtstag, in der Zeit, bevor die "Commitments" ins Kino kamen. Damals habe ich wahnsinnig oft in Fußgängerzonen herumgestanden und mir stundenlang die Seele aus dem Hals gesungen - Song für Song, Evergreen für Evergreen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass "Once"-Regisseur John Carney, mit dem Sie in der irischen Rockband The Frames zusammenspielen, Ihnen ursprünglich die männliche Hauptrolle des Films gar nicht geben wollte?

Hansard: Das ist die reine Wahrheit. Und ich war sehr glücklich damit. Ich sollte zuerst nur die Songs schreiben. Erst als John den Schauspieler, den er für die Hauptrolle haben wollte, nicht bekam, hat er mich gefragt. Ich habe lange gezögert, ob ich es machen soll. Bei den Frames bin ich zwar der Sänger, aber ich mag es eigentlich nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Jetzt bin ich natürlich froh, dass ich mich am Ende doch getraut habe.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie der Jubel beim Sundance-Festival und der anschließende Erfolg des Films in den USA, wo er bei Produktionskosten von 180.000 Euro immerhin 11 Millionen Dollar einspielte, denn sehr überrascht?

Hansard: Ja. Besonders deshalb, weil der Film vorher schon in Irland gelaufen war, und zwar nur in ein paar Kinos. Er bekam einige nette Kritiken und hatte kaum Resonanz. Und dann umarmten uns in Sundance plötzlich alle! Die Studiovertreter und Verleiher haben uns regelrecht belagert. Allerdings wollten Sie alle den Film entweder gleich neu drehen, am liebsten mit Jennifer Aniston und einem großen männlichen Hollywood-Star, oder wenigstens in einem Punkt entscheidend ändern: Es sollte unbedingt ein Kuss zwischen der Heldin und dem Helden reingeschnitten werden. Der berühmte Harvey Weinstein traf sich mit uns und sagte: Es muss ein Kuss in diesen Film! Wir haben den Film dann in den USA mit der einzigen Firma herausgebracht, die ihn so wollte, wie er war.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so schlimm an einem Kuss?

Hansard: Es wäre die Sorte Happy End gewesen, die mich krank macht. Wir, also Markéta Irglová, der Regisseur und ich, wollten nun mal nicht, dass die Helden sich küssen. Wir fanden, dass würde den Film auf süßliche Weise amerikanisieren, würde ihm das Authentische rauben.

SPIEGEL ONLINE: Aber beweist nicht gerade Ihre und Markéta Irglovás reale Romanze, dass auch Happy Ends authentisch sein können?

Hansard: Ich gebe zu, es gibt auch im wirklichen Leben Liebesgeschichten, in denen alles gut geht und in denen sich die Protagonisten am Ende um den Hals fallen. Aber es gibt mindestens genauso viele Geschichten, in denen zwei Menschen einander verpassen. Davon wollten wir erzählen. Und nicht von einem langweiligen, schmierigen Happy End.

Das Interview führte Wolfgang Höbel



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.