"Onegin" Ralph Fiennes auf dem Eis

Puschkins romantischer Held erwacht zu neuem Leben: Ralph Fiennes und seine Schwester Martha haben sich nicht gescheut, ihre Literaturverfilmung mit großen Gesten und cineastischer Finesse auszustatten. Dabei wächst selbst Liv Tyler über sich hinaus.

Von Phoebe Stein


Fiebrig und flammend: Liv Tyler als Tatjana
Foto: Helkon Media AG

Fiebrig und flammend: Liv Tyler als Tatjana

Eugen Onegin ist die Seele Russlands: melancholisch, gelangweilt, seiner selbst und der Welt überdrüssig und unfähig, sich zu entscheiden. Dabei ist er außerordentlich intelligent und charmant, sprühend vor sarkastischem Witz. Die Russen haben diesen merkwürdigen Helden von dekadenter Gestalt in ihr Herz geschlossen. Sein Schöpfer, der aufmüpfige junge Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799-1837), wurde gar zur Ikone, der weder Zaren noch Sozialismus etwas anhaben konnten. Eine urrussische Geschichte?

Nicht nur: "Onegin" ist auch eine wunderbar zeitloses Stück um Liebeswirrungen, Missverständnisse und gebrochene Herzen. Schon als Schauspielstudent war der britische Schauspieler Ralph Fiennes ("Der englische Patient") fasziniert von der schlichten Schönheit des Stoffes. Schließlich gewann er seine Schwester Martha, eine erfolgreiche Reklame- und Videoclip-Regisseurin, für das gemeinsame Projekt. Mit "Onegin" gibt Martha Fiennes jetzt ihr Spielfilmdebut. Bruder Magnus steuerte die Filmmusik bei, und Ralph fungierte erstmals als ausführender Produzent.

Natürlich spielt er selbst den jungen Petersburger Dandy Onegin, der alle Genüsse des Großstadtlebens bereits ausgekostet hat. Auch regelmäßige Besuche bei Kurtisanen mögen zwar seinen harmlosen Fußfetischismus befriedigen - eine hübsche Anspielung auf die wenig intellektuellen, dafür umso weltlicheren Vorlieben Puschkins -, können die große Leere seines Daseins aber kaum kaschieren. Eine Erbschaft macht ihn zum Gutsbesitzer, doch das Landleben widert ihn schnell an. In der Provinz gilt er bald als "höchst gefährlicher Kauz", weil er laut darüber nachdenkt, die Leibeigenschaft abzuschaffen. Erst die Bekanntschaft mit seinem Nachbarn Lenski, einem schwärmerischen, jungen Lyriker, führt ihn im Haus der Larins ein, mit deren Tochter Olga Lenski verlobt ist. Ihre ältere Schwester Tatjana (Liv Tyler, "Armageddon") verliebt sich in Eugen und gesteht ihm ihre Liebe in einem Brief.

Ralph Fiennes als Onegin: Eiskalt und verletzend
Foto: Helkon Media AG

Ralph Fiennes als Onegin: Eiskalt und verletzend

Ausgerechnet bei einem Fest anlässlich Tatjanas Namenstages erklärt Onegin, dass er ihre Gefühle nicht erwidert, tut ihre Beteuerungen als flüchtige Schwärmereien eines unerfahrenen Mädchens ab und warnt sie sogar vor allzu schnellen Liebesbekenntnissen. Demonstrativ tanzt er dann nur noch mit Olga, was den hitzköpfigen Lenski dermaßen empört, dass er Onegin zum Duell fordert. Der tötet Lenski und verlässt das Land. Sechs Jahre später sieht er Tatjana als begehrenswerte, selbstbewusste und verheiratete Frau wieder - und diesmal verliebt er sich. Nun gesteht er ihr seinerseits seine Liebe in einem Brief. Doch Tatjana weist ihn ab.

Fiennes brilliert als Onegin: erst eiskalt und verletzend, perfekt durch seinen Zynismus getarnt. Dann mit gebrochenem Herzen und brennendem Verlangen, das keine noch so großen Mengen eiskalten Wodkas und todessehnsüchtige Eiswasserbäder lindern können. Auch Liv Tyler ist hinreißend. Sie wirkt fiebrig und flammend, aber auch beherrscht und stark. Regisseurin Fiennes und ihr Kameramann Remi Adefarasin ("Elizabeth") entwerfen klare, kraftvolle Bilder. Besonders im zweiten Teil lässt die nahezu permanente Kälte einen erschauern. Nur zum Schluss scheinen sie für einen Moment das Vertrauen in die Deutlichkeit ihrer Bildsprache verloren zu haben. Sie inszenieren Onegins letzten Versuch, Tatjana von seiner Liebe zu überzeugen, symbolschwanger als eine Art Canossagang in schuldigem Schwarz und jungfräulichem Weiß, untermalt von schwermütigem, deutschen Liedgut. Wie viel bewegender sind hingegen die tonlos gefilmten Entsetzensschreie Tatjanas, nachdem sie heimlich das Duell beobachtet hat. Dem cineastischen Genuss insgesamt tut dieser kleine Fauxpas nicht wirklich einen Abbruch. Ein viel versprechender Start der Regie/Produktions-Gemeinschaft der Geschwister Fiennes.

"Onegin". GB 1998; Regie: Martha Fiennes; Darsteller: Ralph Fiennes, Lena Headey, Liv Tyler, Martin Donovan, Toby Stephens; Verleih: Helkon; Länge: 106 Minuten; Start: 21.9.2000



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