Regie-Star Winding Refn "Ich drehe meine Filme für Smartphones"

Die Mutter wird aufgeschlitzt, der Sohn amputiert und der Regisseur ausgebuht. Der Thriller "Only God Forgives" von "Drive"-Macher Nicolas Winding Refn ist ein brutales Meisterwerk. Im Interview erklärt der Däne, warum ihn die Wut des Publikums freut - und die digitale Revolution ein Segen ist.

Tiberius Film

SPIEGEL ONLINE: Herr Winding Refn, Ihr neuer Film "Only God Forgives" stieß bei seiner Weltpremiere in Cannes auf sehr gemischte Reaktionen und wurde sogar ausgebuht. Waren Sie darauf vorbereitet?

Winding Refn: Nein, ich denke nicht darüber nach, wie das Publikum reagieren könnte. Sonst würde ich wahrscheinlich andere Filme machen.

SPIEGEL ONLINE: "Only God Forgives" handelt von Frustrationen und unerfüllten Wünschen. Buhrufe scheinen eine passende Reaktion zu sein, oder?

Winding Refn: Das kommt selten vor: Wenn sich Leute von einem Film so direkt betroffen fühlen, hat man etwas richtig gemacht. Viele scheinen zu vergessen, dass es genau darum bei jeder Form von Kunst geht - sie soll spalten. Wenn sich alle einig sind, kann's einem doch egal sein. Ein deutscher Kritiker soll zu "Only God Forgives" geschrieben haben: "Das ist ein kranker Film von einem kranken Mann mit einem kranken Geist." So was hat man auch über die Sex Pistols gesagt.

SPIEGEL ONLINE: "Only God Forgives" dreht sich um eine Drogenbaronin, deren Erstgeborener getötet worden ist, ihren jüngeren Sohn, der auf Wunsch der dominanten Mutter den Bruder rächen soll und einen Thai-Polizeichef, der dessen Tod in Kauf genommen hat. Sie haben mit "Valhalla Rising" ja schon mal einen Film ohne Frauenrolle gedreht. Warum haben Sie sich hier für eine Mutter- und nicht eine Vaterfigur entschieden?

Winding Refn: Weil Mütter und Söhne eine sehr, nun ja, interessante Beziehung verbindet. Außerdem spielte mit rein, dass der Film eine Art Krimi-Plot haben sollte und Verbrecher sehr häufig von Männern gespielt werden. Da fand ich es reizvoller, als Antagonistin eine Frau und Mutter zu haben, die wie ein Insekt alles verschlingt.

SPIEGEL ONLINE: Mit Hauptdarsteller Ryan Gosling haben Sie jetzt zum zweiten Mal zusammengearbeitet. In "Drive" war er ein glamouröser Killer, in "Only God Forgives" wird er verprügelt, gedemütigt und verstümmelt. Wie haben Sie diesen anderen Blick auf ihn entwickelt?

Winding Refn: Wir haben Ideen zwischen uns hin und her gespielt. Ryan wusste zum Beispiel, dass ich diese Obsession mit Händen habe. So fingen wir an zu überlegen, was er mit seinen Händen machen könnte. Am Ende des Films findet seine Figur Julian die Leiche seiner Mutter, der der Bauch aufgeschlitzt wurde. Als ich ihn fragte, was er in der Situation zu tun gedenke, sagte Ryan: "Ich will meine Hände in sie stecken." "Stimmt", meinte ich, "so kehrst du zu deinem Schöpfer, zu Gott zurück. Aber deshalb müssen dir dann auch die Hände amputiert werden - was eine Art Kastration ist." So inspiriert man sich gegenseitig, bis zur endgültigen Fassung.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Erfolg von "Drive" haben Sie gesagt, Sie fühlten sich nun frei genug, nur noch Ihre Obsessionen zu pflegen.

Winding Refn: Diese kreative Freiheit hatte ich schon immer. Aber man erhält sie nicht, man muss sie sich nehmen. Außerdem hilft es, wenn du mit kleinen Budgets drehst, denn dann lassen dich die Leute in Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: "Only God Forgives" hatte ein Budget von knapp vier Millionen Dollar. Steven Soderbergh hat jüngst gesagt, dass es in Hollywood so gut wie unmöglich geworden sei, Filme mit geringen Budgets zu drehen, weil selbst auf diesen der Druck laste, Werbe- und Vertriebskosten von 60 Millionen Dollar einspielen zu müssen.

Winding Refn: Die Zahlen treffen nicht in jedem Fall zu, es hängt schon davon ab, wie viel dein Film genau kostet.

SPIEGEL ONLINE: Soderbergh meinte, in den USA wären für einen landesweiten Kinostart Kosten von 30 Millionen Dollar fix.

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Kino-Thriller "Drive": Auf den Straße von L.A.
Winding Refn: Ja, 20 bis 30 Millionen für einen flächendeckenden Mainstream-Release. Aber nicht jeder Film ist darauf ausgerichtet und kann das Geld dafür einspielen. Deshalb muss man Filme für vier Millionen Dollar drehen, die nur begrenzt laufen und nicht so unter Druck stehen. "Drive" bewegte sich in einem Gefahrenbereich, weil er 14 Millionen kostete und deshalb "Weder-noch" war. Zum Glück ist alles aufgegangen. Auf den US-Markt bezogen hat Steven insofern recht. Gleichzeitig sind viele neue Vertriebswege mit interessanten Geschäftsmodellen entstanden, die zum Beispiel Kinoauswertungen mit Video-on-Demand verbinden. Das ist sehr profitabel und kann kleinen Filmen helfen.

SPIEGEL ONLINE: Aber durch Video-on-Demand sind die DVD-Verkäufe eingebrochen. Laut US-Produzentin Lynda Obst der entscheidende Faktor dafür, dass kleine und mittelgroße Filme in Hollywood keine Chance mehr haben.

Winding Refn: DVDs sind genauso wie CDs ein Medium, das nicht mehr besonders viel Sinn ergibt. Streaming bestimmt jetzt das Geschäft. Das heißt nicht, dass sich die Menschen keine Filme mehr ansehen, sie konsumieren sie nur in anderen Formaten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind für äußerst stilisierte Bilder bekannt. Geht nicht etwas verloren, wenn man Ihre Filme nicht im Kino sieht?

Winding Refn: Nein, die Herausforderung heutzutage besteht darin, Filme zu machen, die sowohl auf dem Smartphone als auch in einem Stadion funktionieren. Das erfordert ein neues Spektrum an Fähigkeiten. Ich empfinde das als sehr ermutigend.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie "Only God Forgives" auch schon unter dieser Maßgabe gedreht?

Winding Refn: Das mache ich schon immer so. Wenn du einen Film drehst, musst du dich von Anfang an fragen: Wo wird er gesehen werden? Bei "Only God Forgives" war für mich die Antwort: Hauptsächlich auf dem Handy. So lassen sich junge Leute heutzutage unterhalten. Dabei schauen sie noch nicht einmal in einer geordneten Reihenfolge; meine Kinder gehen auf YouTube und sehen sich nur Ausschnitte an.

SPIEGEL ONLINE: Verzichten Sie auf bestimmte Einstellungen, weil sie auf dem Smartphone nicht rüberkommen?

Winding Refn: Die Leute werden sich jede Art von Einstellung ansehen. Es kommt darauf an, was die Einstellung bedeutet. Eine Totale, in der die Menschen winzig sind, funktioniert auch auf dem Handy, wenn sie psychologisch was zur Geschichte beiträgt. Wenn's nur ein hübsches Bild ist, hat es keine Resonanz - das gilt für jedes Medium. Die digitale Revolution hat dazu geführt, dass die Einsätze im Bereich der Massenunterhaltung höher geworden sind - der Wettbewerb ist um den Faktor eine Milliarde härter geworden. Für Mittelmaß gibt es keinen Platz mehr. Kunst ist elitär geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wieso wird Kunst elitärer, wenn es mehr Wettbewerber gibt?

Winding Refn: Weil es um die beste Idee geht. Wer die hat, gewinnt die Aufmerksamkeit. Man muss gewissermaßen Krieg führen: Wie klaut man den Menschen ihre Zeit? Und wenn man sie ihnen gestohlen hat - was macht man mit ihnen? Aber es gibt keine klare Definition mehr davon, was eine gute und was eine schlechte Idee ist. Trotzdem versucht jeder, das Geheimrezept zu finden. In den Achtzigern war klar, dass du nur einen "großen Namen" und ein explodierendes Auto auf das Cover einer VHS packen musstest - schon war der Erfolg garantiert. Mit dem Aufkommen von Streams hat sich alles verändert, es gibt keine Regeln und keine Kontrolle mehr - nur noch puren Kapitalismus.

SPIEGEL ONLINE: Ist der starke Wettbewerb für Sie als Arthouse-Regisseur nicht von Nachteil? Die Anzahl der Indie-Filme in den vergangenen zehn Jahren hat sich ja fast verdoppelt, während ihr Marktanteil geschrumpft ist.

Winding Refn: Nein, Wettbewerb ist toll. Er bringt dich dazu, kreativer zu sein, um zu überleben. Dabei darf man nicht vergessen: Es geht nicht um das Endprodukt. Das ist in dem Moment veraltet, in dem es fertig ist. Es geht um den Entstehungsprozess. Da steckt der Spaß drin.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk

insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
Klartext007 22.07.2013
1. Brutales Meisterwerk?
Zitat von sysopTiberius FilmDie Mutter wird aufgeschlitzt, der Sohn amputiert und der Regisseur ausgebuht. Der Thriller "Only God Forgives" von "Drive"-Macher Nicolas Winding Refn ist ein brutales Meisterwerk. Im Interview erklärt der Däne, warum ihn die Wut des Publikums freut - und die digitale Revolution ein Segen ist. http://www.spiegel.de/kultur/kino/only-god-forgives-nicolas-winding-refn-im-interview-a-911669.html
Sorry, aber der Film ist "bull shit" und ein Drehbuch als Meisterwerk zu titulieren, das nur aus kranken Fantasien eines selbstverliebten und mit entsprechendem Größenselbst ausgestatteten "Künstlers" besteht, ist lächerlich.
Newspeak 22.07.2013
2. ...
Winding Refn: Nein, Wettbewerb ist toll. Er bringt dich dazu, kreativer zu sein, um zu überleben. Dabei darf man nicht vergessen: Es geht nicht um das Endprodukt. Das ist in dem Moment veraltet, in dem es fertig ist. Es geht um den Entstehungsprozess. Da steckt der Spaß drin. Das mag für den Künstler gelten, sehe ich auch so, aber trotzdem sollte man die Menschen, die einen Film nachher sehen, nicht völlig aus dem Auge verlieren. Und als Regisseur Filme für Smartphones zu machen, ist irgendwie auch seltsam.
joe.pesci 22.07.2013
3. Liebe Frau Pilarczyk...
wieder mal einen ganz herzlichen Dank für die Spoiler! Eure Durchlauchtheit hat's natürlich schon lääängst gesehen – Der Film ist gerade das erste WE im Kino, aber dem Zeitungsmädchen fällt nichts Besseres ein, als hier schon mal das mutmaßliche Ende breit zu treten. Eine wirklich zunehmende Unart, das.
xcver 22.07.2013
4. Meisterwerk
Das wird die Zeit noch zeigen ob es sich hierbei wirklich um ein Meisterwerk handelt, aber aus meiner Sicht nein, bei Drive hätte ich das vielleicht sogar unterschrieben. Ich kann die Buhrufe nur allzugut verstehen. Ich glaube auch nicht, dass diese davon herrühren das die Leute sich betroffen gefühlt haben, sondern das der Film einfach nur langatmig und schlecht war. Er hat einfach nur genervt, der Soundtrack war zum abgewöhnen, die Gewalt fand' ich absolut nicht schlimm im Gegensatz zu den Gesangseinlagen die einfach nur genervt haben. Passend, dass so ein Rachefilm in Asien spielt, wo diese doch dieses Genre in den letzten Jahren perfektioniert haben. Wenn ich alleine nur an Oldboy im Vergleich hierzu dann wüsste ich nicht was OGF zu einem Meisterwerk machen würde.
Hupert 22.07.2013
5. Ganz großes Kino....
...gleich im ersten Satz, noch vor dem eigentlichen Artikel ein fetter Spoiler... allerbesten Dank SPON!
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